In aller Munde:Seltsames Sandwich

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Kani-Wasabi-Mayo-Sandwich mit gehacktem Kohl und Rührei. (Foto: xDreamstimexRecyap8x/IMAGO/Panthermedia)

Sie werden nicht mehr belegt, sondern mit einem Brei aus kleingehäckselten Zutaten bestrichen und nennen sich dann „Chopped Sandwich“. Aber mal ehrlich: Muss das wirklich sein?

Kolumne von Kathrin Hollmer

Das Hinknallen gehört irgendwie dazu. In Tiktok- und Instagram-Clips schmeißen Köchinnen und Köche seit einiger Zeit Tomaten-, Schinken- und Mozzarellascheiben, Zwiebelringe und Salatblätter auf ihre Schneidebretter. Schütten Olivenöl, Mayonnaise oder eine Soße darüber. Und häckseln alles so lange klein, bis aus den Zutaten eine unansehnliche, triefende Masse geworden ist. Was dann zwischen zwei Scheiben Ciabatta oder anderem Brot landet, sieht aus wie ein Küchenunfall oder vorgekaut, soll aber so. „Chopped Sandwich“ heißt das dann und wird online millionenfach geteilt und gelikt. Dass das Ganze unpraktisch und unansehnlich ist, bei jedem Bissen von allen Seiten bedenklich tropft – egal! „Scary good“, sagt ein Tiktok-Koch dazu, unheimlich gut. Ernsthaft?

Es gibt natürlich Situationen, die so ein rabiates Kleinhäckseln oder gar Anpürieren erfordern. Wenn jemand nach einer Kieferoperation keine feste Nahrung zu sich nehmen kann oder seine Dritten verlegt hat. Dafür müsste man dann konsequenterweise aber auch das Brötchen klein schneiden oder einweichen. Es gibt also keine medizinische Erklärung dafür, dass im Moment alles chopped, gehackt, sein muss. Vielleicht aber eine kulinarische?

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Fans erklären es so: Der Vorteil von Chopped Sandwiches sei, dass man bei jedem Bissen stets jede Zutat schmecke. Je feiner die Füllung geschnitten sei, desto besser. Dabei zeichnet sich das herkömmliche Sandwich ja gerade durch eine gewisse Dramaturgie aus: Beim ersten Bissen schmeckt man das Brot, beim nächsten mehr Käse und in der Mitte warten eine Scheibe Tomate und die meiste Soße. Die Abwechslung in Geschmack und Konsistenz macht den Genuss aus. Fertig. Nicht so beim Chopped Sandwich. Das kennt nur eine Konsistenz: Brei.

Wie die meisten Social-Media-Hypes ist auch das Chopped Sandwich keine neue Erfindung. Erwähnt werden in dem Zusammenhang häufig zwei Lokale: der Brooklyner Laden „Farmer in the Deli“, der schon seit Jahren Chopped Sandwiches anbietet, und das Harlemer „Blue Sky Deli“, das für seine Chopped Cheese Sandwiches berühmt ist.

Die Erfindung des Ur-Sandwiches wird dem Grafen John Montagu zugeschrieben, seines Zeichens vierter Earl of Sandwich. Je nach Erzählung wollte er entweder das Kartenspielen oder seine Arbeit nicht für eine banale Tätigkeit wie Essen unterbrechen. Ein Sandwich ist da genau richtig, geht es doch nebenbei auf die Hand. Beim Chopped Sandwich würde sich der Earl of Sandwich vermutlich im Grab umdrehen. Denn „nebenbei“, gar am Schreibtisch, kann man das triefende Ding sicher nicht essen. Nicht mal schnell zubereitet ist es. Das Hacken macht mehr Arbeit und Geschirr als das tollste herkömmliche Sandwich. Und dann muss jemand ja noch die Sauerei wegräumen, die zwangsläufig entsteht, wenn man Salat und Käse mit Soßen tränkt und kleinhackt.

Schon etwas länger kursieren das „Chopped Grinder Sandwich“ und der „Green Goddess Salad“. Für die erste Variante wird nur der Salat klein geschnitten, den restlichen Belag lässt man ganz. Für die zweite Variante wird der Salat so fein geschnitten, dass er auch als Dip durchgeht. Das ergibt dann auch kulinarisch Sinn: Die Schweizer Sterneköchin Tanja Grandits sagte neulich im Interview mit dem SZ Magazin, „fein geschnittener Salat kann das Dressing viel besser aufnehmen“. Nur zwischen zwei Brotscheiben muss man das wirklich nicht pressen.

Die Autorin schätzt kreative Sandwiches, bei denen man alle Zutaten erkennen kann. (Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))
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