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Onlineshopping:Warnung vor dem Sperrholz

Ein Hammer in der Hand und viele Fragezeichen im Kopf: Zeichnung aus einer Ikea-Aufbauanleitung.

(Foto: IKEA)

Wohnst du schon oder bewertest du noch? Ikeamöbel können jetzt online rezensiert werden, Kunden ihr Leid (mit)teilen. Einblick in eine Welt der Geplagten.

Von Max Scharnigg

Der Kauf eines Ikea-Produktes unterschied sich lange Zeit deutlich von allen anderen Einkäufen. Es machte einen guten Teil des Mythos aus, dass das Bücherregal einerseits zwar billig, es andererseits aber ein komplizierter und stellenweise undurchsichtiger Vorgang war, bis man es im Wohnzimmer stehen hatte. Der Selbstaufbau war dabei nur die Endprüfung. Davor galt es die Disziplinen Anfahrt, Familienrestaurant, Kleinteilhalle, Möbel-SB, Warenausgabe und Kofferraum-Logistik zu bewältigen. Lauter Stationen, bei denen man mühelos den Verstand verlieren konnte.

Die Komplikationen fingen schon mit dem Katalog an, der Lust auf Produkte weckte, die es so nicht gab: Wunderbar auf- und in ein intaktes Familienleben eingebaute Möbel, perfekt beleuchtet und geschmackvoll dekoriert. Im Grunde war es wie mit den Big-Mac-Plakaten - was sich letztlich im Karton verbarg, hatte wenig Ähnlichkeit mit den Fotos. Aber weil man bis zu dieser Feststellung schon so viele Mühen auf sich genommen hatte, ließ man die Sachen eben doch bei sich wohnen und an manches Stück gewöhnte man sich auch recht gern.

Vieles andere aber war enttäuschend, entpuppte sich in Optik, Haptik oder Technik bald als "eben doch nur Ikea". Zurückzugeben waren die Sperrholzskulpturen ja denkbar schlecht, aber auch das nahm man mit Gleichmut hin. Irgendwie gehörte es zu der Ikea-Wette dazu. Mal fand man etwas, das erstaunlich gut aussah und sich obendrein im Alltag bewährte. Dieses Glück bezahlte man mit Fehlschüssen, die man vor der Zeit über die Kante des Containers am Wertstoffhof wuchtete.

Von Kombi-Konvoi zum Onlineshopping

Spät, aber letztlich doch, verändert die Digitalisierung nun diese altbekannte Ikea-Gleichung. Lange hatten die Schweden keinen besonderen Wert auf ihren Onlineshop gelegt, zu gut funktionierten der samstägliche Kombi-Konvoi zur Autobahnausfahrt, die Impulskäufe von Kopfkissen bis Topfpflanze, die Hot-Dog-Psychose. Die coronabedingte Schließung der Warenhäuser und dann die kilometerlangen Warteschlangen davor haben dem Konzern aber möglicherweise die Notwendigkeit eines funktionierenden Bestellsystems doch final deutlich gemacht.

Mittlerweile ist der Onlineshop jedenfalls wenigstens so übersichtlich zu durchwandern wie die Hochregale, in deren Schluchten man sonst auf die Suche nach seinen Stuhlbeinen geschickt wurde. Auch die Lieferoptionen für den sperrigen Kram wirken heute zwar nicht gerade günstig, aber doch zumindest bemüht, genau wie die Produktbeschreibungen. Dass einem der Verzehr von zehn Musketenkugeln mit Preiselbeeren beim Online-Ikea erspart bleibt, genau wie der obligatorische Hunderterpack Duft-Teelichter, ist die eine Veränderung.

Die andere ist vielleicht noch elementarer: Ikea lässt auf der Homepage jetzt Käuferbewertungen zu. Das stellt die bisherige Unschärfetheorie des Sortiments auf den Kopf. Konkrete Qualitätsaussagen waren davor schwer zu kriegen. Wenn man nicht gerade eine Vertrauensperson kannte, die bereits im Besitz der anvisierten Möbel war, musste man dem duzenden Katalog und seinen Beschreibungen glauben. In der Ausstellungshalle an den Sachen skeptisch zu wackeln, hatte meistens keinen Zweck - das Zeug da war festgeflanscht und einbetoniert. Ob die Kartoninhalte sich bewährten, das war bislang irgendwie in Gottes Hand.

Wir drücken die Daumen. Liebe Grüße vom IKEA-Team

Jetzt aber gibt es echte Testberichte von leidgeprüften Besitzern. Damit ist zum ersten Mal in der 70-jährigen Geschichte des Katalogs ein Einblick in authentische Ikea-Familien und ihre Leiden möglich. Das erspart einem nicht nur jede Menge gesplittertes Sperrholz, sondern ist durchaus unterhaltsam. Zum Beispiel benotet der Kunde Claudius A. die Qualität der mitgelieferten Schrauben in seinen Holzbeinen "Eket" mit nur einem Stern - schlechteste Note. Am Ende seiner Schilderung steht das harte Fazit: "Je nachdem wie Ikea reagiert, waren es die letzten Möbel von Ikea." Das Unternehmen reagiert. Allerdings erst 17 Tage später und etwas irritierend: "Hej, vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein ausführliches Feedback genommen hast. Wir drücken dir die Daumen. Liebe Grüße, dein IKEA Team." Hm?

Dass Ikea mit dem öffentlichen Bewerten einen nicht ganz risikolosen Schritt gewagt hat, merkt man insgesamt an der zurückhaltenden Moderation - nur selten meldet sich der Konzern unter Beschwerden zu Wort und weist dann lapidar auf die Möglichkeit der Rückgabe hin. Die Mängel im Detail zu debattieren, das würde ziemlich bald an den wackelig verschraubten Grundprinzipien des Billigmöbelbaus rütteln. Aufgeplatzte Furnierkanten, ausreißende Schubladenböden - tja, was soll man sagen?

Gerade deshalb sind die Kommentare aber eine gute Sache. Der nachrückenden Generation dürften damit zum Beispiel viele Jahre wackliger Ikeasex erspart bleiben. Beim beliebten Einsteigerbett in den skandinavischen Landhauschic "Hemnes" hagelt es jedenfalls Ein-Stern-Warnungen, in denen das ganze nervende Wortfeld aufgelistet wird: knacken, knarren, quietschen, knarzen. Beim Dauerbrenner "Billy", in dem niemand schlafen muss, ist dagegen das Urteil der 177 Kommentare eindeutig - 4,7 von fünf Punkten. In der interessanten Unterkategorie "Zusammenbau" sogar 4,8. Das erklärt wohl, warum das schlichte Regal bis heute immer noch alle fünf Sekunden irgendwo auf der Welt gekauft wird - oder jetzt eben in den Warenkorb gelegt.

© SZ/vs
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