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Hüte:Das obere Ende

Eine Ausstellung zum Thema Kopfbedeckung beweist: Den Menschen macht nicht nur das aus, was er im Kopf hat, sondern auch das, was er darauf trägt. Von Motorradhauben und Homburgs.

Am Fenster hängen Strohhüte mit blauen und roten Bändern, damit die psychische Schwelle zum Eintreten nicht so groß ist: Retro-Strohhüte, die nach Sommerfrische und Landluft aussehen, trägt heutzutage schon wieder fast jeder. Im Laden selbst wird die Sache anspruchsvoller, samtener, komplizierter: kecke Hütlein, die schräg über dem Ohr getragen werden wollen, Kunstwerke mit Federn und Bändern, die man mittig ins Haar steckt, große Krempen, wilde Farben. Viktoriya Sitochina betreibt ihr Hut-Atelier im achten Wiener Bezirk schon seit einigen Jahren, gelernt hat sie an den österreichischen Bundestheatern, fortgebildet hat sie sich in Moskau - und sogar beim Ausstatter der russischen Verfilmung von "Krieg und Frieden" in Odessa am Schwarzen Meer.

Eine Fachfrau für Hüte also. Sitochina hat gut zu tun; wer glaubt, anspruchsvolle Hüte seien out, der täusche sich, sagt sie. Zu ihrer Kundschaft gehören ganze Hochzeitsgesellschaften, jüdische Familien, Damen der besseren Gesellschaft. In letzter Zeit kämen auch Musliminnen, sagt sie, und probierten große Hüte, die sie über ihre Kopftücher stülpten. Viktoriya Sitochina überlegt nun, auch Tücher in ihr Sortiment aufzunehmen.

Die Geschichte der Hutmode ist auch eine von Politik und Emanzipation

Ohnehin ist es ja nicht so, dass Hüte nicht in wären - nicht nur als Schutz gegen Sonne und Staub, sondern auch als soziales Distinktionsmerkmal haben sie nach wie vor ihre Bedeutung. Jeder Teenager weiß beispielsweise, dass mittels Baseball- oder Trucker-Cap, Hip-Hop- oder Skater-Outfit Weltanschauungsfragen entschieden werden. Und wer je auf einer Demonstration gegen den legendären Wiener Akademikerball war, auf der sich, bewacht von behelmten Polizisten, alljährlich farbentragende Rechte aus schlagenden Verbindungen mit ihren Schirmmützen und vermummte Linke aus dem schwarzen Block mit schwarzen Hauben gegenüberstehen, der weiß: Es kommt auch heute nicht nur auf das an, was man im Kopf hat, sondern auch auf das, was man als Symbol oben drauf trägt.

Chapeau! -- Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes9. Juni 2016 bis 30. Oktober 2016 -- Wien Museum Karlsplatz -- PR Material

Ein großer Hut gehört zum gepflegten Auftritt - wie diese Straßenszene um 1900 beweist.

(Foto: Emil Mayer/Wien Museum)

Hüte, Kappen, Hauben, Helme, Caps, Tücher, Mitren, Kippot - alles, was auf einem Kopf sitzen kann, kann man derzeit nicht nur im Hutatelier in der Josefstadt anschauen, in der rührend altmodischen Werkstatt von Shmuel Shapira hinter dem Wiener Museumsquartier kaufen oder beim Hutspezialisten Mühlbauer bewundern, der einen festen Stand im britischen Modemekka Harrods hat und dessen Kopfbedeckungen sogar Yoko Ono, Brad Pitt oder Madonna tragen. Man kann die ganze Bandbreite auch in der Ausstellung "Chapeau!" im Wien Museum kennenlernen, deren Kuratorinnen Michaela Feurstein-Prasser und Barbara Staudinger sich an eine "Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes" gewagt haben. Hüte, sagt die Historikerin Feurstein-Prasser, seien schließlich nicht nur Modespielzeug und Objekte der Shopping-Begierde, sondern auch Ausdruck des ständischen Bewusstseins, sozialer Zugehörigkeit, politischer Haltung, religiöser Ausrichtung und damit der persönlichen Identität.

Das wollte man zeigen, zumal das Wien Museum eine der größten Modesammlungen Europas hat. Also stehen, nein schweben auf eigens angefertigten weißen Ständern - menschlichen Köpfen nicht unähnlich, aber bewusst nicht unterschieden in weiblich und männlich - ein paar Dutzend sehr spezielle Ausstellungsstücke. Sie zeigen, wie aufgeladen mit Symbolik ein Hut oder ein Tuch sein kann. Was angesichts der Debatte über die Signalwirkung von Kopftüchern in Schulen, Hidschabs in Gerichtssälen oder Burkinis in Schwimmbädern eigentlich kaum verwundern dürfte. Dass Juden mit einer Kippa auf dem Kopf mittlerweile in manchen Weltgegenden ganz schön gefährlich leben, ist so erschreckend wie bekannt.

Auffallend sei dabei, merkt Feurstein-Prasser an, dass es in Judentum, Christentum und Islam für weibliche Kopfbedeckungen zwar strenge Vorschriften, allerdings auch eine große Bandbreite an Auslegungs- und Interpretationsmöglichkeiten gebe. So lernt man von einer Ordensschwester, deren Habit am Wiener Karlsplatz ausgestellt ist, dass sie dies im Gebet oder auf der Straße trage, wo sie mitunter mitleidige Blicke träfen. In solchen Momenten könne sie verstehen, wie sich Musliminnen in Europa fühlten. In ihrer Freizeit allerdings fröne sie dann, sagt Schwester Beatrix, der sehr weltlichen Leidenschaft des Fußballs - und ins Stadion gehe sie doch lieber ohne Nonnenschleier.

Chapeau! -- Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes9. Juni 2016 bis 30. Oktober 2016 -- Wien Museum Karlsplatz -- PR Material

Ein Girardi-Strohhut von Ladstätter & Söhne.

(Foto: /Birgit und Peter Kainz/Wien Museum)

Einen äußerst pragmatischen Zugang zu Glauben und Tradition zeigt auch die Kippa, die der österreichische Schriftsteller Robert Menasse als kleiner Junge von einer Tante geschenkt bekommen hatte. Diese war aus Angst vor Verfolgung zum Katholizismus konvertiert, aber dann doch vor den Nazis nach Palästina geflohen: Edelweiß und Enzian zieren die Kippa aus rotem Filz, welche die Tante an den kleinen Robert in der alten Heimat schickte. Und die sowohl deren nach Tel Aviv emigrierten Schneider als auch die Tante - und Menasse selbst - daran erinnerten, wie schwer Assimilation, Fremde und Heimweh manchmal zu vereinen sind.

Aber eigentlich ist die Sozialgeschichte der Kopfbedeckung natürlich und vor allem auch eine von Politik und Emanzipation. Denn Hüte sind Zeichen von Macht. Deshalb darf nur der Papst ein Zucchetto oder Scheitelkäppchen aus weißer Moiré-Seide tragen. Deshalb trugen SS-Männer im Dritten Reich Schirmkappen mit Hakenkreuzadler und Totenkopf-Emblem, während KZ-Häftlinge, die flache Stoffkappen tragen mussten, umstandslos erschossen wurden, sobald sie die Kappe verloren.

Suffragetten tauschten Korsett und wagenradgroßen Hut gegen Hosen und Homburg ein

Hüte waren und sind aber auch Indizien für Siege und Niederlagen. Die siegesgewissen Revolutionäre 1848 etwa trugen breitkrempige, weiche Kalabreser-Hüte mit Federn, um sich von den schwarzen Zylindern der reaktionären Bürger abzusetzen. Als der Aufstand scheiterte, wurden die Zylinder noch höher und noch steifer. "Angströhre" hießen sie im Volksmund und bezeugten, dass sich ihre Träger nach der missglückten Rebellion der Mützenträger mächtiger fühlten und auch so auftraten.

Chapeau! -- Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes9. Juni 2016 bis 30. Oktober 2016 -- Wien Museum Karlsplatz -- PR Material

Bis heute dem Handwerk verpflichtet ist der Wiener Hutmacher Shmuel Shapira.

(Foto: Ronnie Niedermeyer)

Wenige Jahrzehnte später waren es Suffragetten, die erst eine neue Kleiderordnung erfanden, Korsett und wagenradgroßen Hut gegen Hosen und Homburg eintauschten, um dann in Männerdomänen einzubrechen - inklusive Damenautomobilhüten, Reithüten, Motorradhauben.

Und so bleibt der Literaturnobelpreisträgerin und Feministin Elfriede Jelinek das vorläufige Schlusswort zum Thema Hut. Sie hätten schon eine Funktion, die Hüte, schreibt sie in einem eigens für die Wiener Schau verfassten Text, wenn man denn wagte, in der Öffentlichkeit einen zu tragen: Hüte könnten nämlich "den Körper gefälligst gefällig abschließen, dass man erkennt, wo der Mensch oben endet".

Das Buch zur Ausstellung "Chapeau! Eine Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes" ist im Brandstätter Verlag erschienen.