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Homo-Ehe:Wer trägt den Strauß?

Alles aufeinander abgestimmt: Zwei Brautsträuße ergeben einen.

(Foto: www.ihrhochzeitsplaner.berlin)

(Foto: ihrhochzeitsplaner.berlin)

Marco Fuß, Hochzeitsplaner aus Berlin, findet die Frage nicht diskriminierend. Und seine Antwort ist: Ja. Schwule Trauungen - die er viel öfter ausrichtet als lesbische Feiern - sind oft hingebungsvoller arrangiert, detailverliebter und ein bisschen größenwahnsinniger als andere. Womöglich wegen künstlerischer Neigung. Vor allem aber, weil es um mehr gehe als um ein gesellschaftliches Ritual. "Wenn zwei Frauen oder zwei Männer heiraten, ist das wie ein zweites Coming-out." Die erste Offenbarung im nahen Umfeld sei, je nach Reaktion der Familie, oft geprägt von gedrückter Stimmung. "Dann kommt die Eheschließung. Und die soll ein Fest werden. Etwas Frohes, Fröhliches, Großes. So groß wie möglich."

Garderobe, Blumen, Tischdeko: Es darf also bei allem etwas mehr sein, während unter Hetero-Paaren angeblich gerade Micro-Wedding in Mode kommt, das reduzierte Fest mit weniger Gästen, entspanntem Look, regionaler Küche (teuer darf es trotzdem gern sein und auf den zweiten Blick auch aussehen). Marco Fuß, der die Verbindung mit seinem eigenen Partner noch in einer sogenannten freien Zeremonie feierte, hat vor acht Jahren von der Werbebranche auf Trauredner und das Organisieren von Hochzeiten umgesattelt. Der gebürtige Hesse hatte für seinen Bekannten Frank Matthée - TV-Zuschauer kennen ihn als Weddingplaner "Froonck" - spontan einen Auftrag übernommen und fand Gefallen an dem Job.

Unter Stil-Gesichtspunkten ist die regenbogenhafte Ausweitung des Hochzeitsspektrums eindeutig erfreulich. Endlich gibt es interessant geschnittene Anzüge zu sehen statt der ewig gleichen Tuxedos. Der Wiener Herrenschneider Rotknopf etwa kleidet Paare zur Vermählung in schönste Zweiteiler aus rotem Paisleystoff oder himmelblauem Leinen. Auf dem Standesamt tauschen Männer pompöse Klunker aus, wie die Päpste der Borgias sie zu tragen pflegten, und keine faden schmalen Platinringe. Frauen trauen sich in cremeweißen Gatsby-Dinnerjackets.

Die Liste der Möglichkeiten ließe sich endlos fortsetzen. Jungs, die zum Tag der Tage orientalisch schweren Duft auflegen; Bräute, die auf einer Moto Guzzi vorfahren. Kaum zu glauben, dass es erst ein paar Jahrzehnte her ist, seit den Machern der einfältigen "Ein Käfig voller Narren"-Filme nicht mehr zu einer Same-Sex-Trauung einfiel als dämliche Witze über Tunten in weißen Kleidern.

Dass es viele Fragen gibt rund um eine Hochzeit der anderen Art, weiß Marco Fuß und hat dafür auch Verständnis. Wer trägt den Strauß? Wie sieht die passende Torte aus? Werden die Kleider oder Anzüge voreinander geheimgehalten bis zum Eheversprechen? Seine Antwort ist einfach und immer dieselbe: Je nach Gusto. "Das ist ja das Schöne. Es gibt keine Regeln, aber viel Freiheit", sagt Fuß, der seine Kunden ermuntert, Neues auszuprobieren.

Er hat gleichgeschlechtliche Hochzeiten organisiert, bei denen die Mütter ihre Söhne zur Zeremonie führten. Manche Paare ließen die Festgarderobe nach klandestinen Sitzungen im Maßatelier anfertigen, andere heirateten in Jeans und Hemd. Und beim Strauß habe sich ein Modell bewährt, bei dem zwei Einzelgebinde zusammen ein neues, harmonisches Bouquet ergeben. Sehr symbolträchtig. "Das wollte ich mir sogar patentieren lassen."

Zusammengefasst ist das der Stand in Sachen Hochzeit 2018: Sicher, die Welt fiebert dem Jawort von Meghan und Harry entgegen, das jedoch in puncto Ablauf, Robe, royalem Winken kaum Überraschungen bereithalten wird. Für den häufigen Gast irdischer Normalhochzeiten hingegen birgt die Ehe für alle die Chance auf echte Abwechslung. Denn: Die dritte Braut mit Vintagekleid und verzupfter Hochsteckfrisur kann nicht mehr so recht bezaubern.

Der gerade schwer angesagte Feigen-Cake zum Dessert mit unvermeidlichem "Mr&Mrs"-Aufstecker ödet in Serie irgendwann an. Aber eine Zeremonie, zu der alle ausnahmsweise in Weiß kommen dürfen und bei der mitternachts salzige Männertorte aus geschichteten Käselaiben serviert wird, könnte selbst bei routinierten Hochzeitsgästen Eindruck machen.

© SZ vom 28.04.2018/vs
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