Hippie-Mode Trittbrettfahrer in Batik-Shirts

Flower-Power bei Coachella-Festival

(Foto: action press)

Die Modewelt nutzt den fünfzigsten Jahrestag der 68er-Revolte, um alte Klischees zu verkaufen. Dabei dient der Hippie-Style heute nur noch als Verkleidung für Festivals.

Von Jan Kedves

Wenn im Frühjahr das kalifornische Pop-Festival Coachella mit einer Viertelmillion Besuchern über die Bühne geht, oder wenn Ende August in der Wüste von Nevada beim Burning-Man-Festival eine riesige Holzskulptur abgefackelt wird und man im "heiligen Kreis" kollektiv um sie herumtanzt, dann sind auch sie wieder am Start: die Blumen-Stirnbänder, die Walle-Walle-Kleider, die Batik-Shirts. Sie sind die Utensilien für den eskapistischen Freak-out, mit denen man ein bisschen von dem reinszeniert, was man Ende der Sechzigerjahre beim ersten Mal nicht miterlebt hat, weil man da noch nicht geboren war. Die Rede ist vom "Summer of Love" und dem Woodstock-Festival, bis heute Inbegriffe des gegenkulturellen Ausnahmezustands.

Warum verkleidet man sich im Jahr 2018 für einen Festivalbesuch als Hippie - und bezieht sich damit auf einen Stil, der zur Chiffre für alles Mögliche geworden ist, von der Songzeile "If you're going to San Francisco" über den LSD-Rausch bis zu freier Liebe und langen verfilzten Haaren? Vielleicht, weil er so gut beim temporären Ausstieg aus dem Alltag hilft.

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Vom Hippie-Stil ist in diesen Tagen viel die Rede, jetzt, wo 1968 fünfzig wird. Damals wollte man in eine friedlichere, gemeinschaftlichere Zukunft, der Stil dazu war Retro: das längst Abgelegte und möglichst Bohemistische wie alte viktorianische Kleider, kombiniert mit "ethnischen" Kleidungsstücken wie Mokassins, fransigen Wildlederwesten oder westafrikanischen Dashiki-Oberteilen. Die Hippies wollten möglichst weltoffen aussehen. Heute würde man dies als imperiale Geste beschreiben, als Aneignung marginalisierter Kulturen. Hippie, das war ein Look für den maximalen Drop-out. Er hat überall dort überlebt, wo es vielleicht nicht mehr in erster Linie um Kritik an Kapitalismus, Krieg, Atomwaffen, Autoritarismus und Prüderie geht, aber immer noch um temporäre Ausstiegsfantasien.

Chloé hat zu Coachella eine Rockband eingekleidet

Beim Coachella und Burning Man wird dieser Ausstieg ritualisiert. Die Normalität, in die man danach zurückkehrt, wird dadurch vielleicht gerade erst betont. Während die Bühnen und Zelte abgebaut werden, sitzt man längst - ohne sein Hippie-Outfit - wieder am Arbeitsplatz. Diese Form des sich Ausklinkens aus den Verhältnissen hat natürlich die Nachhaltigkeit eines Pappbechers von Starbucks. Aber ohne sie wäre der Rest des Jahres wahrscheinlich unerträglich.

So oder so, die Modewelt klinkt sich da gerne ein: Das Pariser Label Chloé etwa hat beim diesjährigen Coachella-Festival zum fünfzigsten Jahrestag von '68 die drei Schwestern von der Rockband Haim mit bunt flatternden Bohemien-Looks ausgestattet und mit ihnen auch gleich ein Werbevideo gedreht.

Die aktuelle Prêt-à-porter-Kollektion von Dior steht ganz im Zeichen des "aufregenden und kreativen Jahrs 1968", wie es in einem Text zur Kollektion auf der Dior-Website heißt. In der Kollektion gibt es Peace-Zeichen auf Strickpullovern, Miniröcke im Patchwork-Look, transparente Organza-Rüschenkleider, Regenbogenfarben, Makramee, Fransen. "Es war die Zeit der großen Projekte, eine kreative Zeit, und die Frauen haben sich selbst erfunden", zitiert der Text aus den Erinnerungen der legendären US-Vogue-Chefredakteurin Diana Vreeland.

Spätestens jetzt beschleicht einen ein Verdacht: Es geht hier gar nicht um 1968. Wenn man einmal genauer hinsieht, hatte der Hippie mit Achtundsechzig ja gar nicht viel zu tun. Der "Summer of Love" hat, um historisch genau zu sein, schon ein Jahr vorher stattgefunden, 1967, und nach diesem Sommer wurde der Hippie in San Francisco von den frühen Aktivisten in Haight-Ashbury sogar schon symbolisch begraben. Sie erkannten in den zahlreichen Neu-Hippies, die in dem Sommer hinzugekommen waren, Trittbrettfahrer ohne Ideale.

Gucci reimaginiert die Pariser Straßenrevolte

Das Woodstock-Festival mit Jimi Hendrix und Janis Joplin und mit seinen 400 000 Blumenkindern im Schlamm war erst im Jahr 1969. Das heißt, wenn in diesen Wochen das fünfzigste Jubiläum von 1968 gefeiert wird, müsste man noch einmal betonen, dass 1968 vor allem ein europäisches Ereignis war, in Westdeutschland angeführt von der Außerparlamentarischen Opposition und dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund. Die "Enragés" in Paris, die erzürnten Studentinnen und Studenten, die im Mai für "Liberté, Égalite, Sexualité" auf die Barrikaden gingen: Waren das wirklich Blumenkinder?

Illustriert wird das Jubiläum jedenfalls gerne mit Hippies. Dabei war der Hippie-Stil 1968 in Europa noch gar nicht richtig angekommen. Blickt man auf die Schwarzweiß-Fotos von den Pariser Demonstrationen im Mai 1968, sieht man adrett gekleidete junge Menschen. Rollkragenpullis, Anzughosen, Blousons, Kurzhaarschnitte. Kein Makramee, keine Fransen, keine nackten Beine und Busen. Es scheint, dass die Achtundsechziger damals eher noch wie Existenzialisten aussahen, oder: wie hängen gebliebene Beatniks, also wie die jungen Amerikaner zehn Jahre früher.