Mode-Kolumne:Hängen lassen

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(Foto: Versace)

Zuletzt ging es für den Bund nur nach oben, doch diesen Sommer rutscht er wieder auf die Hüfte. Wo für sie der Stress und für ihn die Entspannung anfängt.

Von Julia Werner & Max Scharnigg

Für sie: Schluss mit bequem!

Dieser Modetrend für die Frühlingssaison ist ein Schlag in die gut gepolsterte Magengrube der Body-Positivity-Extremisten: Hosen, die noch grade so auf mageren Hüftknochen hängen bleiben. Denn bisher war die High-Waist-Form Konsens - also die möglichst hoch sitzende Silhouette, die Röllchensammlungen zu Sanduhren komprimierte. Jetzt katapultiert die Low-Waist-Kehrtwende uns direkt in die traumabesetzten Nullerjahre zurück, in denen Arschgeweihe in waren, in Hollywood der einzige Sport das Hungern war - und einem im normalen Leben trotzdem die ganze Zeit sogenannte "Muffin Tops" entgegenwaberten (also alles an Körper, was über die tiefen Hosenbünde lappte). Natürlich sehen wir den Trend hier in seiner Extremvariante, nämlich vom Sirenenlabel Versace. Es gibt ihn auch in tragbarer Form, als Jeans von Balmain oder als Luxus-Trackpants von Miu Miu. Aber wir haben dieses rattenscharfe Outfit bewusst gewählt, denn wir sind immer noch im Lockdown. Und statt jammernd in die selbstgemachten Backwaren zu weinen und sich einzureden, man wäre trotzdem so schön wie Jennifer Lopez, könnte man sich ja jetzt auch mal zusammenreißen. Sich bei den vielen Clowns im Park einreihen und um den Prison Body kümmern. Denn der Trend ist keine diskriminierende Aufforderung zum Dünnsein. Sondern eine frohe Botschaft: Die Zeiten, in denen wir wieder zeigen können, was wir haben, sind nah, wir müssen nur durchhalten! Die Jogginghose ist nicht die Zukunft, sondern nur ein Gefängnisoutfit! Wenn das keine Positivity ist.

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(Foto: Undercover)

Für ihn: Endlich wieder gemütlich!

Der schlimmste Onkelspruch zu Modedingen ist: "Kommt alles wieder, wie gut, dass ich die Sachen noch im Schrank habe." Auf den ersten Blick mag das stimmen, im Detail ist es aber trotzdem fast immer falsch. Denn Sachen aus dem Schrank reihen sich nach dreißig Jahren nie lückenlos in das ein, was aktuell auf den Laufstegen passiert. Aber das ist den Onkels ja ohnehin gleichgültig. Bleiben wir aber ruhig mal beim Stammtisch, denn der Hosenbund ist ja ein Allgemeinplatz, und sein anhaltend hoher Stand sorgte in den letzten Jahren für doppelte Unruhe. Erstens, weil sich das durchschnittliche Männerauge beim Anblick von urbanen High-Waist-Damenrückseiten auch nach Jahren noch zu einem eher unsachlichen Kommentar bemüßigt fühlt. Der Anblick ist jedenfalls ein ähnlicher Signalreiz wie der Begriff "Influencer", auf den alle furchtbar allergisch sind, vor allem die ohne Social-Media-Erfahrung. Zweitens hat auch der ungeneigte Mann beim jährlichen Beinkleid-Shopping die Hosenbundtendenz nach oben bemerkt. Und das hat den ein oder anderen unsanft daran erinnert, dass da ein ziemliches Bauchgebirge zu umgürten ist. Der große Vorteil einer auf die Hüften tiefergelegten Hose ist ja, das sie beim Mann oft die schmeichelhafteste Linie trifft. Außerdem wird der Oberkörper optisch gestreckt, die Beine dafür eher verkürzt. Aber Beine sind beim Mann ja irgendwie egal. Warum also jemals was anderes tragen als Hüfthose? Die Antwort darauf hat die Mode dieses Jahr wieder vergessen. Denn wenn ein stark zeitgeistiges Punk-Streetwear-Label wie die japanische Marke Undercover an seinen 3-D-Models die Hosen derart eindeutig wieder auf Halbmast setzt, darf Onkelchen das natürlich auch.

© SZ
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