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Heribert Prantl:Die Furchtlose

Heribert Prantl ist Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung.

Sie war, sie schrieb "Das kunstseidene Mädchen"; sie war, sie schrieb die unerschütterliche "Gilgi"; sie schrieb, sie war "Die Frau von morgen". Irmgard Keun war tapfer und couragiert, sie schrieb selbstsicher und frech - und sie tat es vor und "Nach Mitternacht"; sie tat es in der Weimarer Republik und im Exil in den Niederlanden, sie tat es heimlich zurückgekehrt nach Nazi-Deutschland in ihrem Kölner Versteck, nachdem sie 1940 der Daily Telegraph für tot erklärt hatte. Zusammen mit ihrem genialen Gefährten Joseph Roth verfiel sie dem Alkohol. Und im Nachkriegsdeutschland verfiel sie der Vergessenheit.

Dort hat sie jetzt der Göttinger Wallstein-Verlag herausgeholt, mit einer wunderbaren, ja fantastischen, schön aufgemachten und doch spottbilligen dreibändigen Werkausgabe - nur 39 Euro. Man blättert, man liest, liest sich fest, man kommt kaum noch los.

Nicht nur die Romane, auch die kecken und bissigen Satiren aus der Nachkriegszeit sind überwiegend frisch und fast unbeschädigt von der Zeit. Irmgard Keuns Texte sind rasant, sie sind flapsig, cool, satirisch und ausschweifend. Man lernt eine furchtlose Zeitzeugin kennen, eine Vorkämpferin der Emanzipation, eine furiose Schriftstellerin. Man ist entzückt, gerührt, verdutzt und gebannt. Man macht sich mit dieser Werkausgabe ein kleines großes Geschenk.

"Irmgard Keun: Das Werk." Hrsg. v. Heinrich Detering und Beate Kennedy. Wallstein, 3 Bände, 2044 Seiten.

© SZ vom 02.12.2017
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