Audrey Hepburn Haube, Liebe, Hoffnung

Klassisch schön: Audrey Hepburn im Profil und mit Samtkappe.

(Foto: Bonhams/dpa)

Halbierter Tennisball, Quasten-Fez oder Weltraum-Helm: Ein Bildband zum 90. Geburtstag zeigt, wie die britische Schauspielerin Audrey Hepburn mit ausgefallenen Hüten zur Stilikone wurde.

Von Anne Goebel

In einer Nachmittagsszene des Films "Charade" trägt Audrey Hepburn einen Hut, der aussieht wie ein halbierter Tennisball. Haubenartige Form, borstig kurzer Flor, die eingekerbten Rillen - das Modell ist im Grunde ein Witz. Natürlich sieht sie darin so makellos aus wie immer: Der samtige Blick, die anmutige Silhouette, alles da. Kaum einem Hollywood-Gesicht kann Beiwerk weniger anhaben als ihrem. Vor allem aber beweist die Sequenz: Audrey, die stets Adrette, das ewige Rehkitz hat in modischer Hinsicht mehr gewagt als die meisten ihrer Kolleginnen.

So gut wie jeder ihrer Hüte ließ die Augenbrauen frei, für den maximalen Effekt

Aus Anlass ihres 90. Geburtstags rücken nun wieder die zahllosen Huldigungsbücher über den Star aus "Frühstück bei Tiffany" und "My Fair Lady" in den Fokus. Zum Beispiel ein gelungener Band, der sich eine Besonderheit ihrer Garderobe vornimmt: "Chapeau. Audrey Hepburns Hüte" (Verlag Midas Collection) widmet sich dem Accessoire, mit dem die Schauspielerin jeden ihrer Auftritte abrundete. Nicht nur in den Filmrollen, auch privat - Hüte sind schließlich das perfekte Mittel, um dem Code der Kleidung eine Extrabotschaft mitzugeben. Hepburn hat diese Möglichkeit der Akzentuierung virtuos genutzt. Manchmal sagen ihre Hüte: So brav bin ich gar nicht (Turban aus Leopardenfell). Oder: Bei allem Übermut bleibe ich eine Lady (das gouvernantige Seidenkäppchen aus "Ein Herz und eine Krone").

In der aktuellen Mode gibt es ja seit einigen Jahren Anläufe, das große Hut-Comeback auszurufen, bisher vergeblich. Bei der breiten Masse setzt es sich nicht durch, das Haus nur mit Aufsatz zu verlassen. Gerade hat Miuccia Prada bei ihrer MiuMiu-Show in Paris wieder eine ganze Parade skurriler Hutmodelle auf den Laufsteg gebracht. Schlappige Exemplare mit Riesenschleifen, Sportkappen, karierte Schlägermützen, alles übereinander getragen. Da geht es um das Symbolische - die Italienerin sagte nach der Show, ihr gebe der Konservativismus unserer Zeit zu denken. Und Hüte sind seit jeher Bestandteil einer weiblichen Kleiderordnung, die für ein gesittetes Bedecken des Kopfes steht. Oder eben, im Fall von Prada, für ein schrilles Überzeichnen der Abschirmung. Letzteres gilt auch für die "Pink Pussyhat"-Proteste gegen Präsident Trump.

Welcher Hut, das ist die eigentlich interessante Frage

So weit wäre Audrey Kathleen Ruston, spätere Hepburn, nie gegangen. Bei allem modischen Eigensinn hat die niederländisch-britische Tochter einer Baroness Konventionen nicht ungehobelt gebrochen, sondern clever auf ihren Typ abgestimmt. Niemals ohne Hut, darin war sie, zumindest äußerlich, ein Kind der artigen Vor-Achtundsechziger. Flatterndes Haar als gesellschaftlicher Protest war ihre Sache nicht. Aber welcher Hut, das ist die eigentlich interessante Frage. "Big hats" für den pompösen Auftritt trug sie vor allem in "My Fair Lady".

Da steckte der Kostümbildner Cecil Beaton, eigentlich Fotograf und ihr persönlicher Hofporträtist, all seinen viktorianischen Überschwang in die Gebilde auf dem Kopf der Hauptdarstellerin. Privat und in den meisten Filmen ließ sie ihr Gesicht lieber von schlichten Entwürfen mit Twist einrahmen. Eine scheinbar brave Haube - aus kokettem Pelz. Bizarr gerollte Bastkrempen hier, ein arabischer Quasten-Fez dort: Beim Durchblättern der Bücher bekommt man einen Blick dafür, wie Hollywoods liebstes Großauge stilistisch stets die Form wahrte und doch ironische Akzente setzte.

Natürlich hat dieses Subtile auch mit dem Frauentypus Audrey Hepburn zu tun, den es vor Audrey Hepburn nicht gab. Der brünetten Europäerin aus London fehlte in den Fünfzigern so ziemlich alles, um in Hollywood durchzustarten. Sie hatte keinen Busen, keine Hüften, keine aufgeworfenen Lippen. Also wurde eine neue Kategorie erfunden: Die mädchenhaft schmale Schönheit mit Klasse und Grips. Bekanntlich war der Schöpfer dieses Wesens in erster Linie der Couturier Hubert de Givenchy, dessen Entwürfe sie in Filmen und als Privatperson bevorzugte.

Die schönsten Hüte kamen aus einem Pariser Atelier

Auch bei den Hüten kamen ihre schönsten aus seinem Pariser Atelier. Wenn Hepburn als eine der ersten eine Art weißen Weltraum-Helm aus Wollstoff trug (todschick in den Sechzigern) oder einen maskulinen Trilby, setzte sie nicht nur hysterisch kopierte Trends. Sie spielte ja auch Frauenfiguren, die alles andere als fügsame Persönchen waren. Man muss sich nur ansehen, wie sie sich in "Charade" beharrlich an Cary Grant heranmacht - abgesehen von dem grandiosen Outfit in der Anfangsszene.

Nicht zuletzt sind ihre Hüte ein ganz pragmatisches Mittel gewesen, um Vorzüge zu betonen. Der schmale Hals, die Augenpartie sind Audrey Hepburns Kapital. Ihr italienischer Visagist trug Mascara schichtenweise auf und trennte in Kleinstarbeit jede einzelne Wimper von der nächsten, per Sicherheitsnadel. Das musste natürlich in Szene gesetzt werden. So gut wie jeder ihrer Hüte ließ die Brauen frei, für den maximalen Effekt.

Hollywood

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