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Hemdkragen:Darum wirkt ein Tab-Kragen meistens overdressed

Auch der Tab-Kragen zieht besondere Aufmerksamkeit auf sich. Im Prinzip ist er zwar auch nur eine Art Spitzkragen, dadurch allerdings, dass verborgen hinter dem Krawattenknoten die Kragenflügelspitzen noch einmal zusammengeknöpft und so fest in Richtung Brust gedrückt werden, wirkt er auf klassische Art sehr förmlich. Wenn man also nicht gerade James Bond ist, wirkt ein Tab-Kragen außerhalb von Aufsichtsratssitzungen ehrwürdiger Großkonzerne arg overdressed.

Für den Club-Kragen, der letztlich ein Tab-Kragen mit abgerundeten Kragenflügelspitzen ist, sollte man jedoch am besten gleich Don Drapers Chef Roger Sterling sein. Anders gesagt: Um schon in der Mittagspause in einer guten Bar würdevoll zwei bis drei Martini zu trinken, ist kein besserer Kragen vorstellbar - wenn das Martini-Trinken in der Mittagspause nur nicht eine so vernachlässigte Kunst geworden wäre.

Weil er dann seine Freunde und seinen Job verlöre

Aber wie es nun einmal ist: Tatsächlich Stil hat natürlich nur der, welcher die Regeln so zu brechen versteht, dass alle Umstehenden glauben, sie seien doch nicht gültig. Man kann also meistens auch einfach das Gegenteil all dessen tun, was so geraten wird - man muss es eben nur können. Man werfe probehalber also einen Blick in einen der jüngeren Neo-Dandy-Bildbände wie etwa "I am Dandy - The Return Of The Elegant Gentlemen" oder sehe sich auf einem Modeblog eine Bildergalerie mit den Besuchern der Männermodemessen in Mailand oder Florenz an. Da stehen dann Männer wie der Fotograf Lyle Roblin oder der römische Maßschneider Andrea Luparelli in der Gegend herum, und bei denen sieht der weit gespreizte Kragen dann plötzlich doch aus wie die logischste lässige Stilidee überhaupt.

Warum es bei ihnen funktioniert, ist aber gar nicht so einfach herauszubekommen. Man denkt sofort an die schöne alte Unterscheidung zwischen Bohemien und Dandy. Danach missachtet der Bohemien Regeln, die sich der Durchschnittsbürger nicht erlauben kann zu missachten (weil er dann seine Freunde und seinen Job verlöre), während der Dandy Regeln befolgt, die sich der Durchschnittsbürger nicht erlauben kann zu befolgen (weil er dann seine Würde verlöre oder bestenfalls aussähe wie ein Statist in einem Kostümfilm). Aber welche dieser Regeln könnte so weit alltagstauglich sein, dass sie auch der Durchschnittsbürger anzuwenden versteht, wenn er nicht lassen kann vom gespreizten Kragen? Tja, womöglich keine. Der Ausweg ist, wie so vieles in der Mode, wohl eine Frage der Haltung: Man sollte die Fähigkeit trainieren, gut gekleidet zu sein, ohne den Eindruck zu erwecken, sich darüber allzu viele Gedanken gemacht zu haben.

Das ist natürlich leicht gesagt. Fürs Erste reichte es vermutlich aber auch schon, wenn man zum weit gespreizten Kragen nicht auch noch einen Nadelstreifenanzug, eine glänzende Seidenkrawatte und eine zu lange Hose trägt. Eine dezente, gern einen Hauch nachlässig gebundene Krawatte und ein eher schmaler sandfarbener Baumwollanzug zum Beispiel, mit einer legeren, nach unten schmaler werdenden Hose, die kurz über dem Schuh endet, reicht völlig, wenn sie später nicht noch Diktator sein oder irgendwem einen Neuwagen mit überflüssigen Extras aufschwatzen müssen. Ansonsten gilt es selbstverständlich wie immer, sich nicht irre machen zu lassen und gelegentlich daran zu denken, dass sogar Cary Grant, der für viele bestgekleidete Mann aller Zeiten, einst zugegeben hat, das er in seinem echten Leben oft sehr gerne Cary Grant gewesen wäre.

© SZ vom 28.01.2017/jana

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