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Hemdkragen:Was die Kragenform über die Persönlichkeit aussagt

Hemdkrägen beim Herrenausstatter

Der stilvolle Mann findet im Handel eine Fülle von Kragenformen, modern ist derzeit die weit gespreizte Variante.

(Foto: Jens Schierenbeck/dpa)

Männer tragen wieder weit gespreizte Kragen. Vielen steht das gar nicht - und es gibt viel vorteilhaftere Alternativen.

Gespräche über Männermode drehen sich in der Regel um Anzüge und Krawatten. Wie breit dürfen sie auf keinen Fall sein, wie schmal ist nicht mehr cool, solche Sachen. Schon viel weniger wird über Hemden geredet, fast nie jedoch über Hemdkragen. Abgesehen vielleicht vom zeitlosen Oma-Ratschlag, dass es Zeit für ein neues weißes Hemd wird, wenn sich der Kragen gelb färbt - und dem alten Verkäufergag, dass man nach den Siebzigern in Sachen Kragen so lange auf der richtigen Seite stehe, wie sie kleiner seien als Dackelohren.

Tatsächlich ist es so, dass man in Zeiten, in denen Krawatten schmaler als Bettlaken sein dürfen und auch in Deutschland Anzüge nicht mehr grundsätzlich zwei Nummern zu groß gekauft werden, der Kragen den Unterschied macht. Mit keinem anderen der unauffälligen Details der Männermode lässt sich die Persönlichkeitswirkung so stark beeinflussen. Und zwar lange, bevor die Kragen so groß sind wie Dackelohren. Im Moment allerdings ist nicht unbedingt die Größe das Problem, sondern ihre sogenannte Spreizung, also der Winkel, in dem die Kragenflügel zueinander stehen, oder der Abstand, den die linke und die rechte Kragenspitze zueinander haben.

Für die Anatomie eines Hemdkragens ist die Spreizung das wesentliche Merkmal. Sie entscheidet über den Kragenstil und damit darüber, welcher Krawattenknoten angemessen ist. Nicht unwichtig ist daneben natürlich auch, wie hoch ein Kragen am Hals sitzt und wie hoch die Kragenflügel vorne sind, also wie groß die Strecke vorn zwischen Kragenrand und Kragenflügelspitze ist. Durch regionale Eigenheiten und je nachdem, wie die Kernelemente variiert werden (hier und da auch durch Spezialdetails wie Nadeln oder Knöpfungen ergänzt), ergibt sich eine kaum überschaubare Zahl an Kragentypen und -namen: Kent, New Kent, Haifisch- oder Cutaway-Kragen, Spitzkragen, Klassischer Kragen, Italienischer Kragen und Französischer Kragen und so weiter. Man sollte sich da aber nicht verwirren lassen, im Grunde gibt es nur zwei förmliche Kragentypen, die man leicht auf einen Blick unterscheiden kann, auch wenn man nicht Vokabeln gelernt hat: die spitzeren, bei denen die Kragenflügel eher näher beieinander liegen, also in einem nach unten offenen Winkel zwischen 90 und 45 Grad, und die gespreizten, bei denen die Kragenflügel eher weit nach außen stehen, also in einem Winkel bis zu 180 Grad.

Nach der Phase mit eher schmalen und näher zueinander stehenden Kragenflügeln, die von der Serie "Mad Men" um den Werber Don Draper inspiriert war, scheint jetzt die Zeit des weit gespreizten Kragens angebrochen zu sein. Mit der verheerenden Folge, dass die Welt nun voller Männer ist, die aussehen wie unseriöse Anlageberater, die aussehen wollen wie elegante unseriöse Anlageberater. Oder wie Profi-Fußballer, Boxtrainer oder Fifa-Funktionäre, die sich für eine Fernsehgala fein gemacht haben. Selbst wenn sie, wie der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck, der auch gerne breite Krägen trägt, eigentlich einen respektablen Beruf haben.

Die ideale Lösung für hochgewachsene Männer mit schmalem Gesicht

Wie konnte es so weit kommen? Nun, gut ist scho n mal nicht, dass man auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Männermode-Stilnenner immer noch auf Banalitäten stößt wie den Hinweis, dass Socken in Sandalen ein Problem seien. Das ist in etwa so, als rate man angehenden Autokonstrukteuren dringend dazu, doch bitte Fahrzeuge mit Sitzen zu bauen. Und mit mehr als einem Reifen.

Dazu kommt, dass der weit gespreizte Kragen oder Spread Collar oder Haifischkragen oder Cutaway-Kragen, wie Kragen mit einer Spreizung bis zu 180 Grad auch genannt werden, in der klassischen Männermodeberatung als Inbegriff teurer, hier und da sogar smarter Business-Eleganz gilt. Das ist nicht nur mit Blick auf die roten Teppiche deutscher Society-Versammlungen natürlich vollkommen absurd.

In der eher physiognomisch orientierten modischen Typberatung wiederum ist der weit gespreizte Kragen die Variante, die als ideale Lösung für hochgewachsene, drahtige Männer mit langem Hals und eher schmalem Gesicht gilt. Prinzip Yin und Yang. Der klassische Kentkragen, der in die Familie der Straight-Point-Collars fällt und bei dem die Kragenflügel nur etwa in einem Winkel von um die 90 Grad zueinander stehen, soll in diesem Sinn dagegen eher Männer mit kurzem Hals und rundem Gesicht stehen. Das ist alles nicht vollkommen falsch, im Einzelfall aber leider nur bedingt hilfreich.

Es fängt im Grunde ja schon damit an, dass man einen weit gespreizten Kragen auf keinen Fall ohne Krawatte tragen sollte. Das sieht sonst so aus, als sei man mit dem Ankleiden nicht fertig geworden. Für diesen Eindruck gibt es jedoch nur sehr wenige passende Gelegenheiten, und in der Öffentlichkeit oder im Büro bietet sich keine davon. Ein Hemd mit einem gespreizten Kragen ist ein Hemd für eine komplette förmliche Garderobe - oder es ist das falsche Hemd.

Alleskönner Kentkragen

Der Kentkragen wiederum steht eben nicht nur Männern mit kurzem Hals und breitem Gesicht, sondern sehr gut auch großen mit schmalem Gesicht. Und er lässt sich - gesetzt der Fall, die beiden Kragenflügel sind unter dem Kinn nicht länger als ungefähr fünf bis acht Zentimeter hoch - auch am besten offen tragen (besonders in der amerikanischen Button-down-Variante), wenn es ordentlich, aber nicht allzu förmlich zugehen darf. Oder wenn Tony Soprano nicht hundertzwanzigprozentig wie ein Vorstadt-Mafiaboss aussehen soll, sondern nur wie ein rechtschaffener Strip-Club-Betreiber auf Behördenvisite oder bei seiner Therapeutin. Der ohne Krawatte getragene, aber im Stil des verehrungswürdigen Hollywood-Hipsters Ryan Gosling vollständig zugeknöpfte Kentkragen wiederum ist so etwas wie das Erkennungsmerkmal des anämischen Kunstszene-Jünglings geworden. Die Lösung, wenn man in Branchen oder Situationen, in denen Krawatten abgeschafft sind, streng und formbewusst rüberkommen möchte.

Für allen anderen förmlichen Kragen mit Krawatte gilt die Stilfaustregel: je gespreizter und voluminöser der Kragen, umso größer darf der Knoten sein. Und umgekehrt. Ein klassischer kleiner Four-in-Hand, der einfachste Krawattenknoten, passt also eher nicht zum Haifischkragen. Querbinder, Schleifen oder Fliegen wiederum sind noch einmal ein ganz eigener Fall. Wenn man nicht gerade Snooker-Profi oder Orchestermusiker ist oder sich in Frack oder Smoking auf einer der sehr selten gewordenen förmlichen Abendgesellschaften befindet, muss man schon Berufskreativer sein - oder als Exzentriker wirken wollen.

Darum wirkt ein Tab-Kragen meistens overdressed

Auch der Tab-Kragen zieht besondere Aufmerksamkeit auf sich. Im Prinzip ist er zwar auch nur eine Art Spitzkragen, dadurch allerdings, dass verborgen hinter dem Krawattenknoten die Kragenflügelspitzen noch einmal zusammengeknöpft und so fest in Richtung Brust gedrückt werden, wirkt er auf klassische Art sehr förmlich. Wenn man also nicht gerade James Bond ist, wirkt ein Tab-Kragen außerhalb von Aufsichtsratssitzungen ehrwürdiger Großkonzerne arg overdressed.

Für den Club-Kragen, der letztlich ein Tab-Kragen mit abgerundeten Kragenflügelspitzen ist, sollte man jedoch am besten gleich Don Drapers Chef Roger Sterling sein. Anders gesagt: Um schon in der Mittagspause in einer guten Bar würdevoll zwei bis drei Martini zu trinken, ist kein besserer Kragen vorstellbar - wenn das Martini-Trinken in der Mittagspause nur nicht eine so vernachlässigte Kunst geworden wäre.

Weil er dann seine Freunde und seinen Job verlöre

Aber wie es nun einmal ist: Tatsächlich Stil hat natürlich nur der, welcher die Regeln so zu brechen versteht, dass alle Umstehenden glauben, sie seien doch nicht gültig. Man kann also meistens auch einfach das Gegenteil all dessen tun, was so geraten wird - man muss es eben nur können. Man werfe probehalber also einen Blick in einen der jüngeren Neo-Dandy-Bildbände wie etwa "I am Dandy - The Return Of The Elegant Gentlemen" oder sehe sich auf einem Modeblog eine Bildergalerie mit den Besuchern der Männermodemessen in Mailand oder Florenz an. Da stehen dann Männer wie der Fotograf Lyle Roblin oder der römische Maßschneider Andrea Luparelli in der Gegend herum, und bei denen sieht der weit gespreizte Kragen dann plötzlich doch aus wie die logischste lässige Stilidee überhaupt.

Warum es bei ihnen funktioniert, ist aber gar nicht so einfach herauszubekommen. Man denkt sofort an die schöne alte Unterscheidung zwischen Bohemien und Dandy. Danach missachtet der Bohemien Regeln, die sich der Durchschnittsbürger nicht erlauben kann zu missachten (weil er dann seine Freunde und seinen Job verlöre), während der Dandy Regeln befolgt, die sich der Durchschnittsbürger nicht erlauben kann zu befolgen (weil er dann seine Würde verlöre oder bestenfalls aussähe wie ein Statist in einem Kostümfilm). Aber welche dieser Regeln könnte so weit alltagstauglich sein, dass sie auch der Durchschnittsbürger anzuwenden versteht, wenn er nicht lassen kann vom gespreizten Kragen? Tja, womöglich keine. Der Ausweg ist, wie so vieles in der Mode, wohl eine Frage der Haltung: Man sollte die Fähigkeit trainieren, gut gekleidet zu sein, ohne den Eindruck zu erwecken, sich darüber allzu viele Gedanken gemacht zu haben.

Das ist natürlich leicht gesagt. Fürs Erste reichte es vermutlich aber auch schon, wenn man zum weit gespreizten Kragen nicht auch noch einen Nadelstreifenanzug, eine glänzende Seidenkrawatte und eine zu lange Hose trägt. Eine dezente, gern einen Hauch nachlässig gebundene Krawatte und ein eher schmaler sandfarbener Baumwollanzug zum Beispiel, mit einer legeren, nach unten schmaler werdenden Hose, die kurz über dem Schuh endet, reicht völlig, wenn sie später nicht noch Diktator sein oder irgendwem einen Neuwagen mit überflüssigen Extras aufschwatzen müssen. Ansonsten gilt es selbstverständlich wie immer, sich nicht irre machen zu lassen und gelegentlich daran zu denken, dass sogar Cary Grant, der für viele bestgekleidete Mann aller Zeiten, einst zugegeben hat, das er in seinem echten Leben oft sehr gerne Cary Grant gewesen wäre.

© SZ vom 28.01.2017/jana

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