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Haute Couture:Genial surreal

Joe Biden Sworn In As 46th President Of The United States At U.S. Capitol Inauguration Ceremony

Lady Gaga im spektakulären Schiaparelli-Kleid bei der Inauguration von Joe Biden.

(Foto: Courtesy Schiaparelli/Getty Images)

Amerikaner, kaum bekannt, null Couture-Erfahrung: Daniel Roseberry war nicht die erwartbare Besetzung für das legendäre Pariser Haus Schiaparelli, entpuppt sich aber spätestens seit dem Taubenkleid für Lady Gaga als Glücksfall.

Von Silke Wichert

"Im Grunde schockierend, dass ich diesen Job habe", sagt Daniel Roseberry gleich zu Beginn des Gesprächs, was schon mal ein interessantes Selbstverständnis dieses Designers offenbart. Immerhin hat der Amerikaner Lady Gaga bei der Amtseinführung von Joe Biden eingekleidet, und dieser überbordende pinkfarbene Rock zur Jacke mit goldener Riesentaube hat sich sofort ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Die Hollywood-Stylisten prügeln sich angeblich bereits um die neuen Couture-Roben, um ihre Schäfchen bei den Golden Globes und Oscars damit auszustatten.

Andererseits ist der 35-Jährige da ja tatsächlich nicht irgendwo gelandet. Sein Arbeitsplatz liegt im Attico der Place Vendôme 21 in Paris, so etwas wie der Elfenbeinturm der Modewelt. Genau hier entwarf in den Zwanziger- und Dreißigerjahren auch die gebürtige Italienerin Elsa Schiaparelli ihre surrealistisch angehauchten Designs, die so ganz anders waren als alles, was die Leute je gesehen hatten: Der Hut in Form eines Absatzschuhs, das "Skeleton-Dress" mit eingearbeiteter Wirbelstruktur, Wallis Simpson im Lobster-Kleid mit Dalís gemaltem Hummer. Schiaparelli war damit der maximale Gegenpol zu der anderen großen Designerin jener Zeit, Coco Chanel. Die Feindschaft der beiden ist legendär. Bei einem Ball soll Chanel ihre Konkurrentin sogar einmal in einen Leuchter mit mehreren Kerzen gestoßen haben, damit deren Kleid Feuer fing.

Elsa Schiaparelli

Elsa Schiaparelli Ende der Dreißigerjahre, natürlich gekleidet in ihre eigenen Entwürfe.

(Foto: Horst P. Horst/Courtesy of Schiaparelli)

Der Geist von Elsa sei in diesen Räumen immer noch spürbar, sagt Roseberry und schwenkt mit der Laptopkamera mal kurz über den Tisch: Ein goldenes, von Méret Oppenheim für Schiaparelli entworfenes Stück mit Krähenfüßen als Beine und Krallenabdrücken auf der Platte. Glamouröser wird das eigene Zoom-Ich nie wieder aufgehoben sein.

Das Revival der Marke ließ auf sich warten

Der gebürtige Texaner hat als neuer Kreativdirektor vor knapp zwei Jahren also einen Posten mit gewaltigem Erbe übernommen, obwohl er selbst überschaubar viel vorzuweisen hatte. Nach einem Praktikum beim New Yorker Konzeptionisten Thom Browne schloss er sein Studium am renommierten Fashion Institute of Technology gar nicht mehr ab. Zehn Jahre blieb er bei der Marke und stieg zum Designdirektor auf, was einiges, aber im Vergleich zu all dem ambitionierten Nachwuchs da draußen nicht wirklich überragend ist.

"Schon 2017 hatte mich ein Headhunter für den Job angerufen, aber es wurde dann nichts daraus", erzählt Roseberry. Die Marke gehört seit 2007 Diego Della Valle, dem Gründer von Tod's. 2012 sollte der Italiener Marco Zanini das große Revival einläuten, hielt sich aber gerade mal ein Jahr, auf ihn folgte Bertrand Guyon, dessen Schiaparelli-Verweise oft allzu offensichtlich erschienen. Das Team von Della Valle soll sich angeblich fast hundert Kandidaten angeguckt haben und landete über energisches Zureden einer gemeinsamen Freundin, der gut vernetzten Giovanna Battaglia Engelbert, wieder bei Roseberry. "Ich hatte damals meinen Job bei Thom bereits gekündigt, ohne etwas Neues zu haben. Ich war pleite, schlief bei Freunden auf der Matratze", erzählt Roseberry. "Aber irgendwie wusste ich, du musst springen, damit sich irgendwo ein Netz auftut." Einen Monat lang zeichnete er wie ein Wahnsinniger seine Vision für die Marke, offensichtlich überzeugend. Im April 2019 wurde er als neuer Designer vorgestellt, zwei Monate später zeigte er seine erste Kollektion, die viel wollte, aber noch nicht konnte. War ein Amerikaner, ohne Couture-Erfahrung, der kein Wort Französisch sprach, für so ein ikonisches Pariser Atelier wirklich der richtige?

Ledercorsage mit Sixpack: Kim Kardashian trug sie mit einem grünen Samtrock zu Weihnachten.

(Foto: Courtesy of Schiaparelli)

"Wie gesagt, es ist schockierend", wiederholt Roseberry. "Aber genau das eröffnet mir auch Möglichkeiten." Er könne freier, mit weniger Skrupel an das Erbe herangehen. Letztlich ist er ein Außenseiter, wie Schiaparelli selbst es war, die ohne formale Schneiderausbildung als getrennt lebende Frau nach Paris kam, dort jedoch schnell vor allem die künstlerische Avantgarde mit ihrer Extravaganz und irren Ideen beeindruckte. Roseberry dagegen ist eher ruhig. Seine Stimme klingt so weich, dass man ihn nach einer Stunde dringend der Kartei von dieser Calm-Einschlaf-App empfehlen möchte. Aktuell pflege er coronabedingt fast "ein Mönchsleben", das er insgeheim genieße, weil die Ablenkung dadurch gen null tendiere. Sein Auftreten ist betont freundlich, unaufgeregt, er trägt Jeans und ein sehr reales, schwarzes Button-down-Hemd. Bei einem Dinner saß er einmal neben der ehemaligen französischen Vogue-Chefin Carine Roitfeld. Der Abend muss für sie so mittel spannend verlaufen sein, jedenfalls entfuhr ihr beim nächsten Zusammentreffen, als sie im Atelier seine Entwürfe sah, ein ehrlich verblüfftes: "Daniel! Ich hatte ja keine Ahnung, dass du in Wahrheit so durchgeknallt bist!" Es war als Kompliment gemeint.

Roseberry

Ein Amerikaner in Paris: Daniel Roseberry, Creative Director von Schiaparelli.

(Foto: Courtesy of Schiaparelli)

Eine Leder-Corsage für Kim Kardashian

In der Ende Januar präsentierten Couture-Kollektion äußert sich das beispielsweise so: Bei einem pinkfarbenen Kleid sieht man den Saum, einer optischen Täuschung gleich, doppelt fließen, von der Taille und von den Ohrringen hinunter. Großflächiger Schmuckbesatz an Ausschnitten entpuppt sich bei näherem Hinsehen als kunstvolles Hasen- oder Schlangengebilde. Inspiriert von Elsas berühmtem Skeleton-Dress entwarf Roseberry eine Leder-Corsage mit eingearbeitetem Sixpack. Höchstes Handwerk kombiniert mit einer feministischen Marvel-Ästhetik, die Kim Kardashian sich sofort selbst zu Weihnachten schenkte.

Und obwohl die Kollektion in Pandemiezeiten nur digital in Form eines Lookbooks präsentiert wurde, verpuffte ihre Wirkung erstaunlicherweise nicht. Roseberry fotografierte die Entwürfe selbst, oft angeschnitten, in extremer Draufsicht oder von unten, alles "very in your face", Couture fürs Instagram-Zeitalter. Wofür auch sonst? "Es wäre doch furchtbar", meint Roseberry, "wenn ich jetzt bei jedem Entwurf sagen müsste: So schade, dass Sie das nicht in echt sehen können, denn eigentlich sieht es wirklich toll aus!" Wer vom normalen Publikum erlebe schon je Haute Couture live. Die Sparte ist der Traum der Mode, den man nicht besitzen muss, der aber wie Kunst inspirieren kann. Für den Rest gibt es bei Schiaparelli seit vergangenem Jahr eine Ready-to-wear-Linie.

Surrealismus fürs Instagram-Zeitalter: Entwurf aus der aktuellen Couture-Kollektion

(Foto: Courtesy of Schiaparelli)

Als er das erste Mal bei "Schiap", wie er die Marke nennt, den fünfstelligen Preis an einer Hose entdeckte, sei er selbst fast hinten rüber gefallen, gesteht der Designer. Roseberry kommt aus einer anderen Welt. Die konservative Familie wohnte in einem texanischen Vorort, seine Mutter war Hausfrau, sein Vater Prediger, der auch mal öffentlich Homosexualität verteufelte. Den Jungen, noch weit von seinem Coming-out entfernt, ließ das tief verunsichert zurück, er habe nie so richtig gewusst, wo er hingehörte. Das wiederum beflügelte seine Fantasie. Schon als kleines Kind hatte er Zeichner für Disney werden wollen. Als sein älterer Bruder heiratete und sich die Braut von der Dorfschneiderin ein glamouröses Kleid der Designerin Carolina Herrera nachmachen ließ, malte er fortan nur noch Kleider. "Seit ich elf bin, wollte ich, was ich jetzt habe", sagt Roseberry.

Heute skizziert er seine Entwürfe noch immer, entwickelt die Farben, Effekte und Muster aber am Computer weiter. Danach gibt er die Anweisungen ans Atelier, mit Simultanübersetzer. Seine aktuellen Französischkenntnisse? Der Mann schaut kurz, ob er unbeobachtet ist, und formt dann mit den Fingern eine große Null. Aber Ideen sind ja universell, und um Ideen ging es in diesem Haus immer schon mehr als bei anderen Labels. "Schiaparellis Arbeiten entstanden zu einer Zeit, als alles auseinanderzufallen schien - so wie jetzt", sagte Roseberry in einem Interview 2019. Zwei Jahre später hat diese Aussage ein seltsames Update bekommen. Umso mehr sollte die Antwort der Mode wie damals ausfallen, findet er. "Elsas Surrealismus war nie zynisch. Eher ein kindlicher Blick auf den Glamour, mit viel Kreativität und Humor."

Skizze des Entwurfs für Lady Gaga. Die Vogelbrosche geht auf eine Keramik-Taube zurück, die Roseberrys Mutter in der Küche hängen hatte

(Foto: Courtesy of Schiaparelli)

Schauspielerinnen wie Regina King oder die Sängerin Cardi B. trugen zuletzt seine Entwürfe, aber Lady Gaga war der bisherige Höhepunkt, wie der Gewinn der Champions League. Denn Superstars fordern für solche Events ja nie nur ein Kleid an, sondern mehrere von unterschiedlichen Marken. "Als wir den besten Kurierservice für solche Transporte anriefen, erfuhren wir, dass sie einen ganzen Flieger gechartert hatten, weil so viele Kleider nach Washington gingen", erzählt Roseberry. Bis zum Schluss wissen die Designer meist nicht, wer das Rennen macht. "Wir saßen mit dem ganzen Team im Atelier vor dem Fernseher." Und dann erschien die Sängerin am Arm des Marineoffiziers, in seiner Heimat, mit seinem Kleid, mit diesem Riesenvogel auf der Brust. Ein Moment, wie er nicht passender hätte sein können: "Total surreal."

© SZ
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