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Größte Konsumgütermesse der Welt:Schöner Staub fangen

Libellen aus Messing und Pilze aus Keramik. Sie sitzen herum und fangen Staub. Machen diese Gegenstände unsere Welt aus? Die Einrichtungsmesse "Ambiente" erfindet Trends, die keiner braucht und jeder kauft.

Es ist Freitag in Frankfurt, der Eröffnungstag der Messe. Die Taxifahrer haben schon mal vorgeschlafen, die Aussteller bis tief in die Nacht hinein ihre Stände dekoriert. Manche sehen nun aus wie Läden, andere wie Hotellobbys.

Konsumgütermesse Ambiente

Diese Lampen heißen "Stella" und kosten etwa 100 Euro. In Deutschland fließt jeder sechste Euro in die Konsumgüterbranche.

(Foto: dpa)

Die Nachricht, dass es der Wirtschaft schlechtgeht, ist hier noch kein Grund zum Pessimismus, denn wenn die Menschen kein Geld haben, bleiben sie zu Hause. Und wenn sie zu Hause sind, wollen sie es da ja hübsch und abwechslungsreich haben. Ketten wie "Butlers" oder "Depot" jedenfalls expandieren fröhlich an jeder Finanzkrise vorbei. Allein in Deutschland fließt jeder sechste Euro in die Konsumgüterbranche. Weltweiter Umsatz: 9,5 Billionen.

Die Besucher kommen aus allen Himmelsrichtungen. Italiener erkennt man an ihren exakt sitzenden Winterjacken aus Nylon, die Briten tragen die modernsten Haarschnitte, die Dänen, diesmal Partnerland, sind auch diesmal sehr blond, und die Deutschen tragen wie immer graue Flanellhosen. Kilometerlange, teppichbelegte Marathonstrecken werden sie in den nächsten Tagen zurücklegen, an 4500 Ausstellern vorbei. Asiaten sieht man übrigens so gut wie gar nicht, kein Wunder, was hier ausgestellt ist, wurde zum großen Teil in ihrer Nachbarschaft produziert.

"Shabby Chic": Neues soll althergebracht wirken

Die "Ambiente" ist die größte Konsumgütermesse der Welt, nur Fachpublikum darf rein, was bedeutet: Die Besucher sind Einkäufer, ihr Anliegen ist konkret. Hier werden sie bestellen, was in den kommenden Monaten und Jahren Wohnungen und Herzen der Menschen erobert. Dementsprechend konzentriert ist die Atmosphäre. Verkäufer umkreisen Einkäufer, lassen sie kurz die Ware taxieren, bevor Annäherung und Zugriff erfolgen. "Diese hier, die Eisenviecher!" sagt gerade eine dieser Einkäuferinnen. Sie steht in der Halle mit dem Titel "Giving" (es gibt noch "Dining" und "Living"), an einem Stand mit Neuem, das althergebracht wirken soll: korrodierte Eisendrahtkörbe, scheinbar zum 22. Mal weiß übertünchte Holzmöbel, Leinenschürzen, Vogelkäfige, der sogenannte Landhausstil oder auch: Shabby Chic.

Die Frau stammt hörbar aus dem Hessischen und wirkt auch sonst nicht nach Kuscheln auf Lavendelkissen, eher nach No Nonsense. Ihr Interesse ist auf vier Tiere gerichtet; Marienkäfer, Libelle, Ameise, Schnecke. Die Eisenviecher halt.

"Laufen denn die Dinger immer noch?" will sie wissen. "Nicht totzukriegen", antwortet ihr der Verkäufer, wobei er ziemlich perfekt ihren spöttischen Tonfall imitiert. Dann lächeln beide synchron; da wären sie also ausgemacht, die Schlingel. Die Frau legt los: "Schnecken 20, Libellen 25, Ameisen 20." Die Frage nach den Marienkäfern verkneift sich der weise Verkäufer, nickt anerkennend, tippt alles in sein elektronisches Handlesegerät, durch das er später noch mal ihre Kreditkarte ziehen wird. Man stellt sich an diesem Punkt vor, dass er wahrscheinlich ein sensationell guter Verkäufer ist. Und dass sie, zu Hause, in ihrer Boutique, genau die Strenge ausstrahlt, mit der man auch noch die albernsten Dinge an die Käufer bringt. Wie sollten diese beiden stahlharten Profis auch sonst über etwas an sich Törichtes wie Messinglibellen reden?

Geschenkartikel zum Herumsitzen und Staubfangen

Die Tiere werden, wie so viele andere Geschenkartikel, in China produziert und über die ganze Welt, in die für derartige Waren zuständigen Boutiquen verteilt. Von dort aus nisten sie sich ein; in den Wohnungen, Büros und Großhirnrinden der zumeist weiblichen Käuferschaft. Manchmal für drei, manchmal auch für die nächsten dreißig Jahre. Worin genau ihr Sinn besteht? Das ist es ja, danach fragt keiner. Sie bereiten Freude, dann werden sie entweder ausrangiert oder gehören dauerhaft zum Inventar, erwerben sich durch simples Herumsitzen und Staubfangen das Recht auf Familienzugehörigkeit.

Ein paar Meter weiter, an einem Stand, der vor allem Weihnachtsartikel präsentiert, diskutiert man gerade in ähnlicher Konstellation: Sie Einkäuferin, er Verkäufer, beide vor einer 40 Zentimeter großen, stehenden Stoffmaus, die ein Schild in der Pfote trägt. "Ich mein', ned falsch verstehe", sagt die Frau. "Ich selber find' sie supersüß; aber die Frag' isch doch - versteht der Kunde die Message?"

Die auf dem Schild kann sie nicht meinen, denn da steht "Frohes Fest". Vielmehr geht es wohl um: Warum sagt das eine Maus? Und warum ohne Weihnachtsmütze? So bauchgesteuert das Geschäft erscheint, so folgt es doch einer Logik. Die Dinge brauchen Verankerung, im Unterbewusstsein oder in der Tradition. Der Verkäufer jedenfalls nickt verständnisvoll und bugsiert sie vor den Christbaumschmuck, dieses Jahr in den Trendfarben Lindgrün und Beige und Greige, einem Ton zwischen Beige und Grau, ist doch mal ein Kontrapunkt zum Violett der vergangenen Jahre . . .

Die Lieblingsfarben des Jahres: so ziemlich alle und Pastell

Was einen hier leicht in den Wahnsinn treibt, ist die Art, mit der die Dinge überhöht werden, in einer Sprache, die alles will: sinnlich daherkommen, ausufernd präzise beschreiben. In dem hier täglich stattfindenden Vortrag des Trendbüros Bora. Herke. Palmisano. über die wichtigsten Strömungen 2012 sind Designs "niedlich und elegant zugleich". Punkte sind "generell auf verschiedenen Oberflächen denkbar". Die "Lieblingsfarben 2012" werden schon mal behauptet (so ziemlich alle, und vor allem Pastell). Und nach so einem Vortrag fühlt man sich einerseits sehr seifig, andererseits gar nicht frischer. Warum trägt denn nun die Maus das Weihnachtschild? Vielleicht weil jeder bereits etliche Rentiere im Keller rumstehen hat. Eine Neueinführung ins Unterbewusstsein braucht Zeit. Ist dann aber umso langlebiger.