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Grillen:Warum reden sich alle ein, Grillen würde Spaß machen?

In Deutschland herrscht derzeit wieder dicke Luft.

(Foto: The Digital Marketing Collaboration / Unsplash)

Wenn es qualmt und stinkt, sind die Deutschen glücklich. Das Bedürfnis, die Kochstelle ins Freie zu tragen, eint die Nation. Dabei gibt es so viele Gründe, es sein zu lassen.

Von Anna Fischhaber

Es ist Sommer, und in den Vorstädten und Stadtparks herrscht seit Wochen dicke Luft. Unter den schwarzen Wolken scharen sich Menschenmassen selig um die Wurst. Es vergeht kaum ein Wochenende, an dem man nicht irgendwo zum gemeinsamen Fleischverzehr gebeten wird. Anstatt mit einem kühlen Drink auf einem gemütlichen Liegestuhl im Schatten zu fläzen, kauert man also bei 35 Grad brütender Hitze um das noch heißere Feuer. Man schwitzt. Vom Billiggrill des Sitznachbarn, keinen Meter entfernt, zieht beißender Qualm herüber, kriecht einem in die Nase und setzt sich an Haaren und Klamotten fest.

Klar, die Idee war mal schön: Man trifft Freunde im Freien, jeder steuert etwas zum Essen bei. Ein naturnahes Gemeinschaftserlebnis. Zumindest wenn man zu den wenigen Privilegierten gehört, die ihren Weber-Grill in einem großen Garten oder auf einer Dachterrasse aufstellen - und dann in Würde ihre Würstchen an einem Tisch verspeisen können. Aber wer kann das schon? Obwohl Brutzeln längst die liebste Freizeitbeschäftigung der Deutschen ist, hat die Stadt dafür keinen Platz vorgesehen. Grillen im Hof? Laut Hausordnung strengstens untersagt. Verschämt stellt man deshalb seinen Elektrogrill in die Ecke des viel zu kleinen Balkons und grillt in Rekordzeit, bevor der strenge Nachbar von gegenüber wieder mit der Polizei droht.

Wer echtes Feuer will, muss morgens früh aufstehen. An den wenig ausgewiesenen Zonen presst man dann seinen Rost neben Hunderte andere und fühlt sich spätestens ab Mittag wie in einem überfüllten Krematorium. Wer einmal einen sonnigen Sonntag auf spitzen Isarkieseln wie ein Gorilla im Nebel gekauert hat, wird nie mehr behaupten, das habe etwas mit gemütlich und naturnah zu tun. Der Rücken schmerzt, die enge Hose kneift, die Augen jucken. Hinzu kommt, dass Grillen alles andere als gut für die Natur ist: Während das Fleisch immer öfter bio sein darf, ist es die Grillkohle nämlich fast nie. Jedes Jahr werden in Deutschland 2000 Fußballfelder Regenwald verheizt - vor allem aus illegalen Rodungen. Hinzu kommt der viele Müll.

"Willkommen im Zentrum der Glut"

Zu laut sollte man so etwas allerdings nicht sagen: Wer Grillen nicht liebt, gilt schnell als Spaßverderber. Die Deutschen und ihr Grill - das ist eine echte Liebesbeziehung. Der Drang, die Kochstelle ins Freie zu tragen, eint die Nation, der Rost scheint praktisch zur Grundversorgung zu gehören. In Umfragen sagen regelmäßig um die 75 Prozent der Deutschen von sich, dass sie gerne grillen. Zum Vergleich: ein Smartphone nutzen 78 Prozent.

Wieder und wieder sieht man also in trauter Runde der Kohle zu, wie sie viel zu langsam verglüht, und fachsimpelt über die perfekte Temperatur. Langweiliger geht es kaum. Und trotzdem ist das Internet voller Liebesbekunden an den jungen Wilden am Rost, der - im Alltag seiner Männlichkeit beraubt - in dieser Pose endlich seinem archaischen Trieb freien Lauf lassen darf. In Fulda findet an diesem Wochenende bereits die 22. Grill-& BBQ-Meisterschaft statt. Mit Tausenden Fans. Das nicht gerade originelle Motto: "Willkommen im Zentrum der Glut".

Aber mal ehrlich: Weder wirkt es besonders archaisch, wenn jemand ein Feuer mit Grillanzünder entfacht, noch ist eine Grillschürze irgendwie erotisch. Und gibt es diese Grillpartys wirklich? Auf denen sich die Männer um den besten Platz am Rost streiten, um dann stundenlang das perfekte Stück Fleisch zu smoken, während die Frauen sie dabei bewundern. Die Realität sieht doch eher so aus: Nach der ersten Euphorie will auch der ambitionierteste Grillmeister endlich selbst essen, statt weiter am Rost zu schwitzen. Der Rest ist Asche. Also verbranntes Essen.

Überhaupt das Essen. Fleischliebhaber werden jetzt sagen, nichts gehe über ein perfektes Nackenkotelett vom Grill. Und sicher, wer wie der argentinische Spitzenkoch Francis Mallmann Pfirsiche im offenen Feuer extra anbrennen lässt oder gleich ein ganzes Rind stundenlang in glühender Asche gart, dem ist ein Festmahl sicher. In der Realität mariniert dann doch kaum jemand liebevoll sein Biofleisch am Abend zuvor. Stattdessen gibt es zähes Steak aus dem Supermarkt und dazu die schon etwas eingetrocknete Fertig-Barbecue-Sauce, die noch im Kühlschrank stand. Oder Käsekrainer, die viel zu schnell kalt werden und aus denen das Fett nur so trieft.

Dazu wird wahlweise Nudelsalat mit zu viel Mayonnaise oder labbriges Grünzeug gereicht. Denn bis das Fleisch endlich fertig ist, hat der Salat in der Sonne längst kapituliert. Das Ganze spült man mit warmem Bier hinunter, weil das mit der natürlichen Kühlung im Fluss halt doch nie so funktioniert, wie man sich das vorgestellt hatte. Zumindest hat man auch am Tag danach noch etwas davon: Weil warmes Bier in Kombination mit dem Rauch ziemliche Kopfschmerzen verursacht.

Spätestens am Morgen danach sehnt sich deshalb auch der stolzeste Grillmeister nach seiner Küche samt moderner Spülmaschine und Arbeitsplatte in rückenschonender Höhe zurück. Denn kaum etwas macht so viel Arbeit und so wenig Spaß, wie einen Grill zu reinigen. Ein wenig brauner Grind bleibt meistens für das nächste Festmahl im Freien zurück. Zum Glück muss das nicht bis zum nächsten Sommer warten. Gegrillt wird längst auch im Schnee. Immerhin macht dann endlich das wärmende Feuer einen Sinn.

© SZ.de/vs/sks
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