bedeckt München

Gondeln:Frei schwebende Urlaubsgefühle

Wintersport-Ersatzort: Alte Gondeln sind viel zu schade für den Schrottplatz. Diese historische Kabine hat Alexander von Khuon als Gartenhäuschen für seinen Vater umgebaut.

(Foto: A. von Khuon)

Bergbahn-Kabinen verkörpern den Traum vom Skiurlaub - und sind in der Pandemie auch als Separee populär. Alexander von Khuon hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht: Er kauft alte Gondeln auf macht sie zu Imbissbuden, Gartenhäuschen oder Saunas.

Von Titus Arnu

Die weiße Gondel mit der roten Aufschrift "Ski Center Latemar - Predazzo" erinnert an ein Hochgefühl. Ist das nicht genau die Bahn, mit der man damals im Val di Fiemme durch die Dolomiten geschwebt ist? War das im Sommer beim Wandern oder im Winter mit Skiern? Jedenfalls muss es genauso eine Kabine gewesen sein, durch deren große Panoramascheibe man die rosarot leuchtenden Felstürme bewundert hat. Nun steht das Ding ausrangiert auf einem Hof im Münchner Vorort Oberhaching.

Im Val di Fiemme gibt es seit diesem Winter eine modernere Bahn, die mehr Personen pro Stunde zur Bergstation befördert als die alte. Die gebrauchten Zwölfer-Gondeln wurden ausgemustert, der Unternehmer Alexander von Khuon hat sie übernommen. Er möbelt die leicht verschrammten Kabinen auf, stattet sie je nach Kundenwunsch mit Tisch, Heizung und frischer Lackierung aus - um sie dann gewinnbringend weiterverkaufen. Ein österreichischer Arzt hat gerade eine der Latemar-Gondeln bestellt, er will sie als Wartehäuschen vor seiner Praxis aufstellen, weil seine Patienten nicht im Wartezimmer sitzen dürfen.

Die meisten Skilifte laufen nicht, dafür läuft Khuons Laden

Rettungsgondeln mit grünem Kreuz aus Italien, silberne Alu-Kisten aus dem Zillertal, dazwischen alte Skier als Deko - auf dem Firmengelände von Gondel 24 in Oberhaching sieht es aus wie in einem alpinen Verkehrsmuseum. Früher hingen die Gondeln an Stahlseilen und dienten als Transportmittel für Touristen. Jetzt hängen an ihnen Emotionen: akute Bergurlaubssehnsucht, das magenkribbelnde Achterbahn-light-Gefühl beim Passieren einer Seilbahnstütze, dazu der zweischneidige Gedanke an sehr enges Beisammensein. Im Corona-Winter ist das für viele sehr weit weg. Die meisten Skilifte laufen nicht, dafür läuft Khuons Laden umso besser. Die Geschäftsidee passt offensichtlich perfekt in die Zeit. Anstatt in der Weltgeschichte herumzufahren, kaufen sich die Leute eben Privatgondeln.

Wenn man das Thema etwas höher hängt, was sich bei Bergbahnen ja durchaus anbietet, kann man in so eine außer Dienst gestellte Gondel viel Symbolisches hineinstopfen. "Das ist ein Stückchen Urlaub für zu Hause", sagt Unternehmer von Khuon. Wer sich eine ausrangierte Seilbahnkabine in den Garten stellt, erfüllt sich mehrere Herzenswünsche. Man lindert das Fernweh etwas und schafft sich gleichzeitig einen nahe gelegenen Fluchtraum, an dem man so tun kann, als würde man ausgehen. Man kann dabei allem entschweben und trotzdem auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Viele Käufer haben kreative Gestaltungspläne, sie funktionieren die Bergbahnen zu Imbissbuden, Konferenzräumen, Separees, Kassenhäuschen, Fotoboxen, Wartezimmern, Büros, Gartenlauben oder Saunas um.

Eine rot lackierte Kabine aus den 50er-Jahren bleibt so, wie sie ist, sie wird demnächst für Filmaufnahmen in Kitzbühel verwendet. Viele der Secondhand-Gondeln, die Khuon auf Lager hat, sind aber gar nicht mal so alt. Die Umlaufbahn im Ski Center Latemar wurde 1995 in Betrieb genommen und 25 Jahre später durch eine neue Anlage ersetzt. Höher, schneller, weiter - die Skigebiete setzen alles daran, immer mehr Menschen auf den Berg zu bringen. Die Erhöhung der Förderkapazität steht über allem, denn sie garantiert mehr Umsatz an den Liftkassen und in den Hütten. 4500 Personen pro Stunde kann etwa die neue Giggijochbahn in Sölden ins Skigebiet bringen. Die alten Bahnen werden entweder an Skigebiete im Ausland verkauft - oder ausgemustert. Dann kommt es darauf an, schnell zu sein und sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen - längst haben auch andere Wind gekriegt vom aufstrebenden Seilbahn-Secondhand-Markt. Wenn es gut läuft, ergattert Khuon 200 Kabinen pro Saison.

Der Gondel-Geschäftsmann arbeitete früher als Kfz-Kaufmann und handelte mit hochwertigen Oldtimern. Als er sein Haus in Oberhaching renovierte und die Innenräume mit atmungsaktivem Putz ausstattete, bat ihn seine Frau Patricia, nicht mehr drinnen zu rauchen. Durch einen Facebook-Beitrag von Carmen Geiss, bekannt aus der TV-Serie "Die Geissens", kam sie auf die wegweisende Idee. Hobby-Designerin Geiss hatte ein Foto einer Bergbahn-Kabine gepostet, die sie von außen mit Kuhfell verkleiden ließ ("Das wird der Burner!").

Luftiges Leichtgewicht: Seilbahn-Kabinen wie diese wiegen nur 120 Kilo. Alexander von Khuon ließ sich für das Foto trotzdem von einem Kran helfen.

(Foto: A. von Khuon)

Womit man beim Stichwort ist: Patricia von Haxthausen schlug ihrem Mann vor, sich doch so eine Gondel als Raucherkabine in den Garten zu stellen. Alexander von Khuon war der Idee nicht abgeneigt, zumal er schon als Jugendlicher bewundernd zu Seilbahnen aufgeschaut hatte. Seine Eltern besaßen eine Ferienwohnung in Kitzbühel, direkt unter der Fleckalm-Bahn. Er begann zu recherchieren, kaufte seine erste Gondel, Nachbarn bewunderten das hübsche Häuschen, wollten auch eines haben. Er kaufte alle 45 Gondeln der alten Jennerbahn in Berchtesgaden - und so nahm das Seilbahngeschäft Fahrt auf.

2015 gab Khuon seinen bisherigen Job auf, das Rauchen anschließend auch, die Seilbahn-Sache hob richtig ab. Mittlerweile hat er mehr als 1000 Kabinen verkauft. Seine Frau, früher Immobilienmaklerin, arbeitet in der Firma mit. Alles dreht sich bei ihnen um Seilbahnen: Auf dem Besprechungstisch stehen drei Miniatur-Gondeln, die Zierkissen auf dem Sofa haben Bezüge mit Gondel-Motiven. Patricia von Haxthausen zeigt, leicht seufzend, auf ihrem Handy ein Foto von einer blauen Handtasche in Form einer Gondel, aus Karl Lagerfelds letzter Chanel-Kollektion. Hätte sie gerne gehabt. Ihr Mann zuckt die Achseln: "So teuer wie ein Sportwagen, da musste ich passen."

Edle Einzelstücke stehen auch in New York oder Amsterdam

Im Vergleich dazu sind die antiken Seilbahn-Juwelen im Lager von Gondel 24 geradezu Schnäppchen. Gut erhaltene Kabinen wie die aus Predazzo können Fans für knapp 3000 Euro kaufen, eine Gondel der alten Brauneck-Bahn von 1957 kostet etwa 6000 Euro. Für manche Raritäten wie eine historische Schweizer Rettungsgondel, eine blaue Großseilbahn aus dem Zillertal oder eine rote Kabine vom Kitzbüheler Hahnenkamm zahlen Sammler deutlich mehr. Bei der Ausstattung scheuen Gondel-Liebhaber kaum Kosten und Mühen: Manche lassen sich die Kabine mit Altholz, Lederpolstern, Lammfellen, Bluetooth und Dolby-Surround-Anlage ausstatten, andere kaufen zwei fahrtüchtige Kabinen inklusive Masten und lassen sie in ihrem Park hin- und hergondeln. Edle Einzelstücke stehen beziehungsweise hängen in Lofts, Hotels und Restaurants in New York, Miami, Amsterdam - und Oberhaching.

Früher wurden alte Seilbahnkabinen einfach verschrottet, zu Hühnerställen oder Gartenschuppen umfunktioniert. Dass gebrauchte Gondeln sich zu Luxusobjekten entwickelt haben, liegt vielleicht nicht nur daran, dass sie den Traum vom Skiurlaub repräsentieren. Sondern auch an ihrem schwebenden, leichten Wesen, glaubt Alexander von Khuon: "Wer in einer Seilbahn sitzt, denkt automatisch frei und positiv." In der Kabine einer Luftseilbahn kann man sich abkapseln und dabei gleichzeitig gedanklich in die Weite schweifen. Vorausgesetzt, man leidet nicht unter Höhenangst und Klaustrophobie.

© SZ/chrm
Zur SZ-Startseite

Skimode
:Liftstation Sehnsucht

Ausgerechnet jetzt, wo die meisten Pisten geschlossen sind, gibt es so viel Designer-Skikleidung wie noch nie. Was tun die Marken, wenn der Berg ruft, aber der Lift nicht fährt?

Von Silke Wichert

Lesen Sie mehr zum Thema