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Grabsteine:Der Tod steht uns gut

Statt der ewig gleichen Quader gibt es nun auch Designer-Grabsteine. Ein Pionier der Branche erklärt, wozu so viel posthumer Individualismus gut ist - und was Grabsteine mit Hochzeitstorten gemeinsam haben.

Ob Handy oder Bildband, Handtasche oder Brille, all das bekommt man heute nicht mehr im Laden, sondern in einem Showroom. Selbst Espresso-Kapseln werden in minimalistisch eingerichteten Verkaufshallen präsentiert, als handle es sich um Kronjuwelen. Aber über die Produkte, die in dem Showroom im mittelfränkischen Leutershausen ausgestellt werden, ist man doch etwas verwundert. Zwischen der üblichen Sichtbeton-Optik und den hell ausgeleuchteten weißen Decken stehen hüfthohe Steinplatten. In Grau, Weiß und Schwarz, mit Kreuzen darauf oder Aussparungen, um Kerzen und Blumen hineinzustellen. Willkommen im Showroom für Grabsteine.

Hier gibt es jedoch keine alltäglichen Grabsteine, sondern Kuben aus Naturstein, Skulpturen mit Zacken oder übereinander liegenden Rechtecken aus Marmor, zweigeteilt oder mit Kugeln aus Edelstahl dazwischen. An einer Wand hängt eine riesige Grafik, auf der eine blasse, junge Frau mit tiefroten Lippen zu sehen ist, die einen nackten Arm an ihre Schläfe hält. Man weiß nicht, ob sie sich ausruht oder nachdenkt, es könnte jedenfalls auch ein Plakat für ein französisches Parfüm sein. Ist es aber nicht, das Model bewirbt Designer-Grabsteine, genauer gesagt: "das erste Fashionlabel für Grabsteine".

Pyramiden, Mausoleen, Katakomben

Immer schon hat sich der Mensch damit auseinandergesetzt, wie er nach dem Tod auf der Welt bleiben möchte. Das hat dazu geführt, dass sich die Leute Pyramiden oder Mausoleen bauen ließen, dass sie ihr Gefolge mit ins Grab nahmen oder tagelange Volksfeste auf dem Friedhof feiern. Es gibt Katakomben und Kaisergrüfte und Orte wie den Wiener Zentralfriedhof, wo auf einem Grabstein schon mal sämtliche Titel des Verstorbenen vermerkt sind. Der Friedhof ist der letzte Ort, um sich der Gesellschaft zu präsentieren; am Grabstein überdauert das, was man einmal sein wollte. Insofern war es nur eine Frage der Zeit, bis sich der moderne Mensch nicht nur im Leben über sein individuelles Stilempfinden definiert, sondern auch im Tod. Bis Gräber zu einem Produkt werden, für die es Labels gibt wie für Mode oder Möbel. Ein Produkt nicht zuletzt, an dem sich die Designer beweisen können. Und so wurde beim German Design Award 2017 erstmals ein Grabstein ausgezeichnet.

Rokstyle heißt die Firma, die den Preis gewonnen hat. Gegründet hat sie Alexander Hanel. Eigentlich kommt der 40-Jährige aus Franken, aber gerade ist er auf dem Evangelischen Luisenfriedhof im Berliner Westen unterwegs, um sich dort umzusehen. Er spaziert über schmale Kieswege und unter Trauerweiden hindurch, hin und wieder bleibt er vor einer verwitterten Granitplatte stehen oder streicht fachkundig über einen steinernen Engel. Rund um ihn herum kann man mehrere Jahrhunderte Umgang mit dem Tod studieren. Die massiven Gräber der Offiziere und Fabrikbesitzer, ein Mausoleum für eine Adelsfamilie mit steinernem Sarkophag, Goldmosaiken, "und innen ist alles aus Marmor", sagt Alexander Hanel. Und da sind natürlich die vielen Reihen mit den typischen Grabsteinen, einer so rechteckig und anthrazitfarben wie der andere. Er hält inne. "Wenn man Menschen individuell gedenken will - warum muss dann immer alles gleich aussehen?"

Wilde Muster und Aufschriften, die aussahen wie Tattoos

Zum Tod ist er über Umwege gekommen. Er stammt zwar aus einer Familie von Steinmetzen und hat auch selbst dieses Handwerk gelernt, doch bevor er sich dem Lebensende widmete, wollte er erst einmal Spaß im Leben haben. Er wurde DJ, legte in Clubs auf Ibiza auf, später machte er selbst Discomusik. Er bekam einen Plattenvertrag, hatte Auftritte bei Stefan Raab und im Fernsehsender Viva. Er gründete ein Plattenlabel in Berlin, das noch immer CDs herausbringt, meistens ruhig vor sich hin plätschernde Ambient Music. Irgendwann ging er zurück nach Franken und stieg ins Familienunternehmen ein. Dort fielen ihm zwei Dinge auf: Dass die moderne Bestattungskultur zwar einerseits die spektakulärsten Dinge hervorbringt, zum Beispiel Beerdigungen auf See oder in einem Waldstück, Urnen, die man mit nach Hause nehmen kann, oder Diamanten, die aus der Asche von Verstorbenen gepresst werden. Und dass man andererseits auf deutschen Friedhöfen kaum einen Grabstein findet, der sich von den anderen unterscheidet. "Die Menschen haben in allen Bereichen des Lebens den Wunsch nach dem Schönen und ich glaube, dass das auch im Tod gilt", sagt Alexander Hanel.

Er begann, selbst Grabsteine zu entwerfen, experimentierte mit wilden Mustern und Aufschriften, die aussahen wie Tattoos. Irgendwann setzte er mehr auf eine Optik, die zum Teil so markant ist wie moderne Kunstinstallationen. Hanel arbeitet viel mit naturbelassenem Stein, aber auch mit Edelstahl und Glas. Seine Lebensgefährtin Kerstin Bulka ist mit nach Berlin gekommen. Früher war sie Konditorin und hat Hochzeitstorten gemacht, jetzt entwirft sie zusammen mit ihrem Freund Grabsteine. Das sei weniger abwegig, als es klinge, sagt sie. "Ein Grabstein muss wie eine Hochzeitstorte erst einmal standfest sein." Wie das Modell "Ewiges Licht" etwa, das mit seinen übereinandergelegten Platten aus schwarzem und weißem Stein aussieht wie eine stilisierte Flamme. Und was macht einen guten Grabstein aus? Dass er zum Verstorbenen und zur Familie passe, sagt Hanel.

Grabsteine auf dem Roten Teppich der Berliner Filmfestspiele

Er ist mit seiner Lebensgefährtin bei dem Spaziergang auf dem Friedhof jetzt bei einer Wiese angekommen, in der zahlreiche identisch aussehende Plexiglas-Scheiben stecken. Ein Urnenfeld. In der Hauptstadt, die traditionell nicht besonders religiös ist, hat man es auch bei der Beerdigung gerne schlicht, es gibt in Berlin häufig anonyme Bestattungen. Man muss an das Standardwerk des französischen Historikers Philippe Ariès denken, "Geschichte des Todes". Schon vor über 30 Jahren beschrieb er dort, wie der Umgang mit dem Sterben immer anonymer und steriler wurde, wie Leiden und Tod outgesourct wurden aus dem Leben, in Krankenzimmer, auf Urnenfelder. Um sich als Gesellschaft "die allzu starke, unerträgliche Gefühlsbelastung zu ersparen", die der Tod mit sich bringe, so Ariès' These. Seither hat sich einiges geändert. Es gibt Hospize und palliative Pflege, die das Sterben zu Hause ermöglicht. Nur die Friedhöfe sind immer noch Orte, die man gerne meidet oder höchstens zu bestimmten Zeiten aufsucht, an Allerheiligen oder an den Todestagen der Angehörigen.

Genau da wolle er ansetzen, sagt Alexander Hanel: Dass Gräber etwas Schönes sind und Friedhöfe auch Orte für die Lebenden. Er guckt auf die Sitzbänke neben dem Kiesweg. "Warum stellt man die nicht im Kreis auf, sodass sich die Möglichkeit zur Kommunikation ergibt?" Nichts wäre einfacher, als Friedhöfe so umzugestalten, dass sie ein Teil des öffentlichen Raums sind. Es bräuchte nur ein paar Grünflächen oder Sitzgelegenheiten zum Verweilen, vielleicht sogar mal ein Friedhofs-Café. "Die Gesellschaft macht so viel für gesunde Menschen, es gibt Sportangebote, Betreuung. Aber was machen wir für Menschen, die jemanden verloren haben, die trauern? Wenn wir denen durch schöne Friedhöfe helfen, wäre viel erreicht."

Alexander Hanel scheut sich nicht davor, die größtmögliche Öffentlichkeit zu suchen. Er fährt mit seinen Katalogen durch die Lande, verschickt alle paar Wochen eine Presse-Aussendung, lässt sich "Karl Lagerfeld des Friedhofs" nennen. Und im vergangenen Jahr hat er bei den Berliner Filmfestspielen Grabsteine auf den Roten Teppich gestellt. Wer da zum Feiern auf die Aftershow-Party wollte, wurde erst einmal auf fast barocke Art an die eigene Vergänglichkeit erinnert.

In seiner Branche heiße es oft, es sei schwer, über Grabsteine zu reden, da sie emotional besetzt seien, sagt er. Dabei seien Emotionen doch die große Stärke, das wisse er aus seiner Zeit als Musiker. Und warum sollte man diese Emotionen nicht als das sehen, was sie sind: als Teil des Lebens und des Alltags. Und ja, manchmal eben auch als Teil der Glamourwelt.

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Quelle:
SZ vom 28.10.2017/ees
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