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Gescheiterte Missionare:Der Hipster ist tot ...

Hipster

Totgesagte leben länger: der Hipster

(Foto: MasterDomino / photocase.com)

... es lebe der Hipster. In den USA wird diskutiert, ob sich das Rollenbild des als Retter von Coolness, Subkultur und gebeutelter Konjunktur gefeierten Kreativen endgültig überlebt hat. Aber der bärtige Hornbrillenträger lässt sich nicht so leicht unterkriegen.

Von Lena Jakat

Das Hipstermädchen malt sich morgens die Lippen rot an und wickelt ihr Haar zu einem vorbildlich unordentlichen Dutt, schlüpft in Ringelshirt und Plisseerock, hängt sich noch schnell die lange Goldkette mit Eulen-Motivanhänger um den Hals und das Retro-Ledertäschchen über die Schulter. Auf der Straße vor dem afghanischen Feinkostladen holt sie ihr Hipsterjunge mit seinem Longboard ein. Er trägt Hornbrille zum Vollbart und ein ironisches Holzfällerhemd.

Sie holen sich Cappuccino aus dem Kaffeeladen an der Ecke, der seine Bohnen nur aus einer feministischen Genossenschaft in Nicaragua bezieht. Dann geht der Hipsterjunge in ein Büro voller Designermöbel, Social-Media-Strategien entwerfen. Und das Hipstermädchen in die Uni, studieren, wie man diese Designermöbel macht. Abends kuscheln sie sich vor dem MacBook auf die Couch, im Livestream läuft das Dschungelcamp. Ironisch gebrochen, natürlich.

Das selbstverständlich ist ein ganzer Amsterdamer Transportfahrrad-Behälter voller Klischees. So ist der Hipster wohl tatsächlich das nicht reale Gespenst, zu dem Daniel Haas ihn in seinem FAZ-Essay "Schluss mit dem Hipsterspuk" degradieren wollte. Doch der Hipster ist mehr als eine Illusion. Das weiß jeder, der in den vergangenen Jahren nur ein einziges Mal bei einem Poetry Slam war, in einem Berliner Café auf einem Sperrmüll-Sofa gesessen hat oder in einer beliebigen Großstadt durch das sogenannte Studentenviertel geschlendert ist, das sich gerade für das Monster Gentrifizierung rüstet.

Und doch wird gerade diskutiert, ob das Modell Hipster nicht endlich überholt ist. Die Kaste der coolen Kreativen wird besonders lautstark in den USA für passé erklärt, wo einst so große Hoffnungen auf ihr ruhten. Wieder einmal, muss man sagen.

Aber warum eigentlich sollte jemand Mädchen mit aufgemaltem Schnauzer ins popkulturelle Nirvana wünschen?

Nun ist es auch hierzulande so, dass die Hipster, wie Enrico Ippolito in der taz vollkommen korrekt anmerkt, schuld sind an den Luxusproblemen der Urbanisten. An allen Problemen: Schuld am Comeback der Röhrenjeans und dem späten Ruhm der Oma-Brille. Schuld daran, dass gutes Design so teuer ist und schön heruntergekommene Wohngegenden auch. Schuld an der Wiederkehr der Pelzjacken (aus dem Secondhandladen, natürlich). Schuld daran, dass Tom Selleck seinen Schnurrbart nicht mehr ironiefrei wird tragen können. Schuld an der Weltherrschaft des iKonzerns.

Und jetzt, befürchtete vergangene Woche Christian Spiller auf Zeit online, nimmt uns der Hipster auch noch den Fußball. Mal dahingestellt, wem hier der Fußball genommen wird (so unhipsterig wirkt der Autor auch nicht): Echt jetzt? Die Sorge um die Kolonialisierung der guten deutschen Fußballkultur durch ein paar Retro-Adidasjacken tragende Männer mit Hornbrillen erscheint eher unbegründet.

Hoffnung des Rostgürtels

Was daran liegt, dass der Hipster hierzulande noch nie so richtig ernst genommen wurde. Außer von sich selbst. (Weil haltungsfreie Ironie in Bezug auf die eigene Person schwierig werden kann.) Anders liegen die Dinge im Heimatland des Hipsters. In Amerika. Nicht in dem Amerika, wo sonnenverbrannte Farmer auf dicken Mähdreschern über ihre Maisfelder fahren, wo USA-Flaggen in jedem Vorgarten hängen, wo die Leute sonntags zur Kirche gehen und die Republikaner wählen. Sondern im coolen Amerika, in den Innenstädten der Ostküsten-Metropolen und San Francisco.

Dort hatte so mancher Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler im Hipster den personifizierten Ausweg aus der Krise gesehen. Ein Heer von jungen, kinderlosen, kreativen, gut verdienenden und gut Geld ausgebenden Hipstern sollte die Innenstädte erobern, die vorangegangene Generationen zugunsten der erschwinglicheren Vororte verlassen hatten. Der Hipster sollte kulturelle Vielfalt ebenso mitbringen wie kleine, von großen Ketten unabhängige Geschäfte. Er sollte mit seinen in der Kreativbranche sauer verdienten Dollars der Wirtschaft den fehlenden Schwung verleihen. Vom Zustrom der kreativen Klasse sollten alle Bewohner der Stadt profitieren: Dank des Hipsters sollten auch die Löhne der Platzanweiser in den charmanten Independent-Kinos steigen und die der Verkäufer in den Bioläden.

Herr Florida und seine Klasse

Der prominenteste Begründer dieser Theorie ist Richard Florida. Die These von der wohltuenden Wirkung der Kreativen legte Florida erstmals 2002 dar, in "The Rise of the Creative Class". Dass seine These nicht nur bei Kritikern der Gentrifizierung von Anfang an umstritten war, tat dem Umstand keinen Abbruch, dass etliche Städte Floridas These begierig aufnahmen und sich von ihm teure Konzepte schneidern ließen, welcher Köder besonders geeignet sei, um den Hipster anzulocken. Metropolen im Nordosten der USA, wo sich in den vergangenen Jahrzehnten das einstmals größte Industriegebiet des Landes in den Rostgürtel verwandelte. Städte, die danach lechzten, cool und zukunftsfähig zu werden.

Wer oder was ein Hipster so genau ist, dafür gab es derweil nie eine befriedigende Definition, was schon die Vielfalt der Beiträge in Marc Greifs Standardwerk "Der Hipster" zeigt. Bei Florida ist der Hipster oft homosexuell, meist kinderlos und lehnt in jedem Fall das spießige Familienleben ab. Deswegen hat er auch mehr Zeit, Geld zu verdienen und wieder auszugeben. In seinem sarkastischen "Hipster Handbook" gibt der US-Autor Robert Lanham Hinweise, wie sich der Hipster identifizieren lässt, unter anderem "Du hast dein Geschirr und die karierte Tischdecke in einem Trödelladen gekauft, um deinen Willen zum Kitsch zu bekunden und lädst oft Freunde zum vegetarischen Abendessen ein" oder "Du hast schonmal jemand deines Geschlechts geküsst und bringst dieses Erlebnis gerne in alltägliche Konversationen ein". Im deutschen Handbuch "Grundlagen der Polizeipsychologie" findet sich leider nur der "Nerd", dessen Verwandtschaft zum Hipster noch nicht abschließend erforscht wurde. Für den Nerd sind demnach "Idealismus und Narzissmus typisch." "Nerds weisen oft eine geringe Frustrationstoleranz auf und haben einen unsystematischen, wenig effektiven Arbeitsstil". Kreativ eben.

Wer ist er also, dieser Hipster, dieses einerseits allgegenwärtiges Klischee, das andererseits so schwer zu fassen ist?

Hipster = Zeug + Collage + Ironie

Anderswo beschreibt Lanham den Hipster anhand von drei Charakteristika. Erstens: Zeug. "Hipstertum dreht sich um Zeug. Es ist das natürliche Nebenprodukt einer konsumsüchtigen Kultur mit einer wachsenden Mittelklasse." Zweitens: Collage. "Das Mischmasch aus verschiedenen Elementen der Popkultur". Drittens: Ironie. "Der reflexartige Weg für Hipster, um zu vermeiden etwas ehrlich wertzuschätzen." (Eine ausführliche Analyse des Hipster-Hangs zur Ironie findet sich auch auf diesen Philosophie-Seiten der New York Times).

Diese konsumorientierten, mischmaschenden Zyniker sollten also die USA retten. Im Wirtschaftsmagazin Forbes wurde noch 2008 die "neue Gegenkultur" der Hipster als Rettung für den Einzelhandel, allen voran für die Textilwirtschaft, gefeiert: "Nie zuvor war der Hipster das Hauptziel eines großes Marketing-Plans", schreibt Lauren Sherman. "Aber das ändert sich langsam, da diese Gruppe in gewisse Machtpositionen aufsteigt und fähig ist, Produkte einzuführen, die eine große Bandbreite von Konsumenten ansprechen." Plisseeröcke. Hornbrillen. Eulenanhänger.

Gut zehn Jahre, nachdem Richard Florida seine Theorie der kreativen Klasse vorgelegt hat, ist sie von der Realität überholt. Das zumindest sagt Joel Kotkin. Kotkin ist einer der schärfsten Kritiker Floridas und hat im Debatten-Portal The Daily Beast einen vielbeachteten Essay geschrieben. Er widerlegt darin die positiven Auswirkungen, die Florida den Kreativen zugeschrieben hat. Die hippen Gegenden der Städte seien oft nur auf ein paar Straßenzüge beschränkt, schreibt Kotkin, von positiven Effekten auf die weniger gut Verdienenden keine Spur, statt ethnisch diverser seien die hippen Gegenden von San Francisco oder Portland weißer geworden. Die Vorstädte, die Florida einst für passé erklärte, seien noch immer die beliebteste Wohngegend für Familien. Kurz: all das Geld, das Städte in die Hand genommen hätten, um die kreative Elite anzulocken, sei eine sinnlose Investition gewesen. Oder, wie es der Blog Jezebel mit Blick auf Floridas Vision zusammenfasst: "Es ist nur, dass das, ähem, nicht so passiert ist."

Der entscheidende Punkt in Kotkins Abgesang auf die Erlöserqualitäten des Hipsters ist, dass er sich auf ein angebliches Eingeständnis des Hipster-Übervaters Florida stützt. Der habe selbst zugegeben, dass "bei genauerem Hinsehen Talentansammlungen nur zu einem geringen Trickle-Down-Gewinn führen". Florida wehrte sich prompt gegen Kotkins kühne Analyse seines Scheiterns und rückt seinen Kritiker in die Nähe reaktionärer Spießer-Mächte. Auch wenn sie im Detail nicht ganz aufgegangen sei, ganz daneben habe er nicht gelegen mit seiner Theorie.

Nun ist es bei weitem nicht das erste Mal, dass irgendjemand dem Hipster einen Totenschein ausstellen will. Schon 2007 veröffentlichte das Stadtmagazin Time Out New York die Titelgeschichte "Der Hipster muss sterben". Greifs Hipster-Aufsatzsammlung von 2010 trägt im amerikanischen Original den rückblickenden Titel "What Was the Hipster?". Und im März verkündete die Fotosharing-App gleichen Namens - eine Art superhippe Version der Hipster-App Instagram - ihre Kapitulation. "Mit einer Mischung vieler Gefühle - Dankbarkeit, Traurigkeit, Vorfreude auf die Zukunft - teilen wir euch mit, dass Hipster zumacht", heißt es in einem Abschiedsgruß auf der Homepage der Entwickler.

Doch noch nie hat sich der Hipster an das gehalten, was ihm Blogger und andere Analysten des Zeitgeists vorschreiben wollten. Er tauschte einfach den Vollbart gegen den Moustache, das Fixie gegen das Longboard. Und blieb. Er heißt jetzt auch nicht mehr unbedingt Hipster, sondern schonmal altbro (=alternative + bro(ther)) oder, abwertender, altbag.

Der Hipster wird vielleicht nicht die kaputten Millionenmetropolen der USA retten. Er wird aber auch nicht die deutsche Fußballkultur zerstören. Er wird weiterhin Flohmärkte, Bio-Cafés und Indiebars füllen. Und, wenn er keinen Bock mehr darauf hat, ein Spottobjekt zu sein, sich einfach neu erfinden. Der Hipster ist tot, es lebe der Altbro.

© Süddeutsche.de/feko/bavo
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