Gescheiterte Missionare Hipster = Zeug + Collage + Ironie

Anderswo beschreibt Lanham den Hipster anhand von drei Charakteristika. Erstens: Zeug. "Hipstertum dreht sich um Zeug. Es ist das natürliche Nebenprodukt einer konsumsüchtigen Kultur mit einer wachsenden Mittelklasse." Zweitens: Collage. "Das Mischmasch aus verschiedenen Elementen der Popkultur". Drittens: Ironie. "Der reflexartige Weg für Hipster, um zu vermeiden etwas ehrlich wertzuschätzen." (Eine ausführliche Analyse des Hipster-Hangs zur Ironie findet sich auch auf diesen Philosophie-Seiten der New York Times).

Diese konsumorientierten, mischmaschenden Zyniker sollten also die USA retten. Im Wirtschaftsmagazin Forbes wurde noch 2008 die "neue Gegenkultur" der Hipster als Rettung für den Einzelhandel, allen voran für die Textilwirtschaft, gefeiert: "Nie zuvor war der Hipster das Hauptziel eines großes Marketing-Plans", schreibt Lauren Sherman. "Aber das ändert sich langsam, da diese Gruppe in gewisse Machtpositionen aufsteigt und fähig ist, Produkte einzuführen, die eine große Bandbreite von Konsumenten ansprechen." Plisseeröcke. Hornbrillen. Eulenanhänger.

Gut zehn Jahre, nachdem Richard Florida seine Theorie der kreativen Klasse vorgelegt hat, ist sie von der Realität überholt. Das zumindest sagt Joel Kotkin. Kotkin ist einer der schärfsten Kritiker Floridas und hat im Debatten-Portal The Daily Beast einen vielbeachteten Essay geschrieben. Er widerlegt darin die positiven Auswirkungen, die Florida den Kreativen zugeschrieben hat. Die hippen Gegenden der Städte seien oft nur auf ein paar Straßenzüge beschränkt, schreibt Kotkin, von positiven Effekten auf die weniger gut Verdienenden keine Spur, statt ethnisch diverser seien die hippen Gegenden von San Francisco oder Portland weißer geworden. Die Vorstädte, die Florida einst für passé erklärte, seien noch immer die beliebteste Wohngegend für Familien. Kurz: all das Geld, das Städte in die Hand genommen hätten, um die kreative Elite anzulocken, sei eine sinnlose Investition gewesen. Oder, wie es der Blog Jezebel mit Blick auf Floridas Vision zusammenfasst: "Es ist nur, dass das, ähem, nicht so passiert ist."

Der entscheidende Punkt in Kotkins Abgesang auf die Erlöserqualitäten des Hipsters ist, dass er sich auf ein angebliches Eingeständnis des Hipster-Übervaters Florida stützt. Der habe selbst zugegeben, dass "bei genauerem Hinsehen Talentansammlungen nur zu einem geringen Trickle-Down-Gewinn führen". Florida wehrte sich prompt gegen Kotkins kühne Analyse seines Scheiterns und rückt seinen Kritiker in die Nähe reaktionärer Spießer-Mächte. Auch wenn sie im Detail nicht ganz aufgegangen sei, ganz daneben habe er nicht gelegen mit seiner Theorie.

Nun ist es bei weitem nicht das erste Mal, dass irgendjemand dem Hipster einen Totenschein ausstellen will. Schon 2007 veröffentlichte das Stadtmagazin Time Out New York die Titelgeschichte "Der Hipster muss sterben". Greifs Hipster-Aufsatzsammlung von 2010 trägt im amerikanischen Original den rückblickenden Titel "What Was the Hipster?". Und im März verkündete die Fotosharing-App gleichen Namens - eine Art superhippe Version der Hipster-App Instagram - ihre Kapitulation. "Mit einer Mischung vieler Gefühle - Dankbarkeit, Traurigkeit, Vorfreude auf die Zukunft - teilen wir euch mit, dass Hipster zumacht", heißt es in einem Abschiedsgruß auf der Homepage der Entwickler.

Doch noch nie hat sich der Hipster an das gehalten, was ihm Blogger und andere Analysten des Zeitgeists vorschreiben wollten. Er tauschte einfach den Vollbart gegen den Moustache, das Fixie gegen das Longboard. Und blieb. Er heißt jetzt auch nicht mehr unbedingt Hipster, sondern schonmal altbro (=alternative + bro(ther)) oder, abwertender, altbag.

Der Hipster wird vielleicht nicht die kaputten Millionenmetropolen der USA retten. Er wird aber auch nicht die deutsche Fußballkultur zerstören. Er wird weiterhin Flohmärkte, Bio-Cafés und Indiebars füllen. Und, wenn er keinen Bock mehr darauf hat, ein Spottobjekt zu sein, sich einfach neu erfinden. Der Hipster ist tot, es lebe der Altbro.