Süddeutsche Zeitung

Geheimnis:Das Rätsel von Ica

Steine mit Dinosauriern, Maschinen und Pornografie: Ist das eine Fälschung? Oder ein historischer Fund?

Von Tobias Sedlmaier

Die meisten Geburtstagsgeschenke sind aus historischer Perspektive irrelevant, es sei denn, nicht Privatpersonen, sondern Könige, Kaiser oder das Jesuskind sind die Beschenkten. Im Falle des peruanischen Arztes Doktor Javier Cabrera hatte ein solches Präsent allerdings nachhaltige Folgen. Ein einfacher Stein führte zu einer sammlerischen Obsession und wurde zur archäologischen Streitfrage mit stellenweise sehr widersprüchlicher Quellenlage.

1966 erhielt der Chirurg zum sechsunddreißigsten Geburtstag von einem Bekannten einen kleinen steinernen Briefbeschwerer. Darin war in hellen Linien die Ansicht eines vogelähnlichen Wesens eingraviert. Als Cabrera das Motiv näher untersuchte, glaubte er, eine verblüffende Ähnlichkeit zu den Rekonstruktionszeichnungen eines Pterosaurus zu erkennen - eine Dinosaurierart, die bereits seit Jahrmillionen ausgestorben war. Dieser Stein war nicht der einzige seiner Art. In der Gegend rund um Ica, einem kleinen peruanischen Städtchen, rund 270 Kilometer südöstlich von Lima gelegen, fanden sich noch zahlreiche weitere. Die ersten waren bereits 1961 nach einem ungewöhnlichen Hochwasser des Rio Ica angespült worden. Obwohl sie sich in Größe und Gewicht erheblich unterschieden, wiesen die dunklen Steine zwei grundsätzliche Gemeinsamkeiten auf: Das Material Andesit, ein vulkanisches Gestein, und eingravierte Bilder. Viele dieser Darstellungen zeigen merkwürdige Anachronismen, etwa moderne medizinische Operationen wie Abtreibungen oder Organtransplantationen. Oder prähistorische ausgestorbene Tiere. Landkarten, die unbekanntes Terrain vermessen und von der Geografie abweichende Kontinentkonstellationen illustrieren. Sexuelle Praktiken, auch zwischen Männern. Auf einer Abbildung blickt ein Mann mit einem Teleskop in den Himmel. Zwar ist nicht jedes Detail der Gravuren eindeutig zu entschlüsseln, doch unbestreitbar bleibt, dass Szenen und Gegenstände allen archäologischen und historischen Kenntnissen widersprechen. Die zunehmende öffentliche Bekanntmachung von Doktor Cabrera, der nach und nach weitere Steine erwarb, rief folglich die Wissenschaft auf den Plan.

Das Bergbauinstitut der TU Peru meinte, die Oberflächenschicht müsse über 12 000 Jahre alt sein

Das Institut für Bergbau an der technischen National Universität Peru befasste sich mit der Patina der Steine und kam zu dem Ergebnis, dass die Oberflächenschicht wohl über 12 000 Jahre alt sein müsse. Eine genaue Datierung ist aufgrund des Materials nicht möglich. Ebenso lässt sich das Alter der Steine wegen der fehlenden Provenienz nicht bestimmen. Allerdings ist es denk- und machbar, dass die Oxidschicht gefälscht ist. Die Echtheit der Steine wurde immer wieder infrage gestellt, nicht zuletzt durch mehrere Fernsehberichte. 1977 strahlte die BBC eine Dokumentation mit dem Titel "Pathways to the Gods" aus, in der demonstriert wurde, wie der Indio Basilio Uschuya die Steine selbst fabrizierte. Mit einem Zahnarztbohrer wurde die Gravur eingedrillt, für die "authentische" Patina benutzte der Fälscher gebackenen Tierdung. Kurz darauf wurde Uschuya in Peru verhaftet und für den illegalen Verkauf archäologischer Güter angeklagt. Er blieb juristisch unbelangt, verkaufte weiterhin Steine an Touristen und Ortsansässige und starb 2002. In einem Interview mit Erich von Däniken hatte er einmal behauptet, alle gefundenen Steine gefälscht zu haben. Die Vorlage für deren motivische Gestaltung habe er aus Magazinen entnommen. Diese Aussage, die auch 1997 eine Dokumentation von Kabel 1 aufgriff, nahm er später wieder zurück.

Während ein Großteil der wissenschaftlichen Forschung in mehreren Studien mit dem Verweis auf ihre Unplausibilität ablehnt, gibt es nach wie vor Skeptiker, die sich vor allem aus den Reihen der Parawissenschaften und der sogenannten Prä-Astronautik rekrutieren. Für deren Anhänger ist die Existenz der Steine, neben zahlreichen weiteren Mysterien der Menschheit, der Beweis dafür, dass es abseits der allgemein akzeptierten Geschichtsschreibung noch andere Deutungsmöglichkeiten gibt. Etwa die Entdeckung der legendären Bibliothek von Atlantis, die das gesamte menschliche Wissen enthalten soll. Ein Zeitalter, in dem die Urmenschen gemeinsam mit den Dinosauriern die Erde bevölkert hätten. Oder aber eine prähistorische Zivilisation, die von Außerirdischen, den wahren Vorfahren des Homo Sapiens, begründet wurde.

Eine Deutung, der sich auch Javier Cabrera selbst anschloss. Bis zu seinem Tod im Jahr 2001 wandelte er sich vom Krankenhausarzt zum Sammelwütigen, stöberte Unmengen weiterer Steine auf und lehnte jeglichen Nachweis von Fälschungen kategorisch ab. Seine Nachbarn horteten fleißig mit, angeblich hatte irgendwann jeder Haushalt aus seinem Umfeld mindestens einen Stein daheim. Zusammen sollen um die 25 000 Steine zusammengekommen sein. Heute kann eine Auswahl von mehreren Tausend Exponaten, in einem kleinen, privaten Museum in Ica bestaunt werden, wo Javier Cabreras Tochter das Erbe des Vater fortsetzt.

Nicht einmal die größten Verfechter der Parawissenschaften leugnen mittlerweile das Ausmaß der gefälschten Steine, denen auch Cabrera aufgesessen ist. Dennoch ist die unüberschaubare Zahl an Exemplaren dafür verantwortlich, dass letztlich das Rätsel nie ganz gelöst werden wird. Wie ist es schließlich möglich, eine solche Menge von Menschenhand zu produzieren? Ist von den Steinen, die in den letzten Jahren noch entdeckt wurden, ebenfalls keiner echt? Zur Klärung dieser Fragen müsste man streng wissenschaftlich jeden einzelnen der Steine von Ica untersuchen. Erst dann könnte der Stein des Anstoßes endgültig beseitigt werden.

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SZ vom 02.07.2016
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