Geburtstag Die Supermaus

Runde Ohren, lange Nase, sonniges Gemüt: Walt Disneys Schöpfung Mickey Mouse wird 90 Jahre alt. Die Figur ist längst eine Ikone der Popkultur und hat sich zuletzt zunehmend vom Kinderzimmer entfernt.

Von Jan Kedves

Kann dieser Mäuserich überhaupt weiter gucken als bis zu seiner eigenen Nasenspitze? Das fragt man sich jetzt schon seit 90 Jahren. Denn der legendäre amerikanische Cartoonist Ub Iwerks, der väterlicherseits Wurzeln in Ostfriesland hatte und im Frühjahr 1928 im Auftrag von Walt Disney in Hollywood diese knuffige anthropomorphe Mäusefigur entwarf, zeichnete deren Nase so groß und prononciert, dass es aussieht, als schiele Mickey sich immerzu selbst vorne auf die eigene Spitze drauf. Ein beschränkter Horizont kann ja durchaus hilfreich sein beim Durchstehen aller möglicher Widrigkeiten - das weiß vielleicht das Kinderpublikum noch nicht so genau, aber die Erwachsenen wissen es, die dieser Maus auch schon seit 90 Jahren in die Falle gehen beziehungsweise: die sich in ihr so gern wiedererkennen. Wer schielt sich nicht auch am liebsten auf die eigene Nase?

Den ersten Auftritt hatte Mickey Mouse im November 1928 in dem siebeneinhalbminütigen Disney-Cartoon "Steamboat Willie". In ihm wurde Mickey schon - als Dampfer-Matrose unter der Fuchtel des fies knurrenden Kapitänskaters Pete - zum ersten Mal in alle Richtungen lang gezogen, ausgelacht, auf einem Stück Seife zum Ausrutschen gebracht und mit einem Kuheuter voller Milch bespritzt. Selbstverständlich blieb Mickey trotz allem stets bestens gelaunt und war auch schon sehr in Minnie verschossen, mit der er nun allerdings auch schon seit 90 Jahren niemals Sex und keine Kinder haben darf.

Walt Disney wollte die Figur, mit der er sein Imperium begründete, eigentlich Mortimer nennen, seine Frau Lillian konnte ihn von Mickey überzeugen. Im Deutschen strich man schon in den Dreißigerjahren aus irgendwelchen Gründen das "e" heraus, weswegen die Maus bei uns bis heute Micky Maus heißt. Aber was sind schon orthografische Kleinigkeiten im Angesicht der drohenden Weltauslöschung: Noch vor dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1935, während die Nationalsozialisten schon jegliche "Amerikanisierung" des deutschen Volkes zu unterdrücken begannen, bekam Walt Disney in Paris vom Völkerbund, dem Vorläufer der heutigen Vereinten Nationen, einen Preis verliehen für die Erschaffung dieses "Symbols des universellen Wohlwollens". Damit war die Maus gemeint.

Im "Mickey Mouse Club" werden Kinderstars früh zum Teil einer Lizenzfiguren-Welt

Den Weltkrieg und den Holocaust konnte Mickey nicht aufhalten. Aber die Maus hat mit ihrem Grinsen und ihrer guten Laune bald den Wortschatz, die Popmusik, überhaupt die Popkultur, Mode und Kunst bereichert. Ersteres ist zum Beispiel daran zu erkennen, dass man bis heute vom "Mickey-Mousing" spricht, wenn in einem Film jemand die Treppe hochläuft und die Violinen in der Filmmusik dazu die Tonleiter emporklettern. Absolute Synchronität zwischen den Bewegungen auf der Leinwand und der illustrativen Tonmalerei: Darin bestand Walt Disneys Fortentwicklung der in der Klassik schon länger bekannten Programmmusik, die es ja auch schon vermochte, in der Imagination des Publikums per Orchester zum Beispiel große Wassermassen zum majestätischen Fließen zu bringen (Bedřich Smetana, "Die Moldau"). Hanns Eisler, dem großen Sozialisten, Komponisten und Kompagnon von Bertolt Brecht, war das viel zu simpel: "Wenn von einem Hund die Rede ist, bellt jemand im Orchester. Unerträglich!"

Genau diese Eindimensionalität passt aber doch so gut zu Mickey. Die Figur ist ja nicht direkt tollpatschig, so wie viele andere Cartoon-Stars es sind, und doch muss Mickey immer wieder, als Personifikation oder Mausifikation des dumb luck, mit seiner Nase in wirklich jede einzelne dumme Situation hineingeraten, nur um zu beweisen, dass es danach natürlich mit eifrig unbeschwertem Lachen sofort wieder weitergeht! Aufstehen, weitermachen.

Dieser Zwang zur guten Laune hat allerdings auch das Gegenteil provoziert: Die Kinder, die in den Neunzigerjahren in den USA als Stars des "Mickey Mouse Club" im Fernsehen sangen und tanzten - Christina Aguilera, Ryan Gosling, Justin Timberlake -, sie mussten sich später von dem Grinsedrill alle mehr oder weniger emanzipieren, beziehungsweise hatten mit ihm teils noch richtig zu kämpfen. Allen voran Britney Spears, die von 1992 bis 1996 in der Mickey-Mouse-Crew war. Als sie sich 2007 nach dem Scheitern ihrer Ehe den Kopf kahl rasierte, in eine Entzugsklinik ging und danach unter Vormundschaft ihres Vaters gestellt wurde, redete man wieder viel darüber, wie brutal es doch für junge Showtalente ist, so früh schon Teil einer komplett copyrightgeschützten, globalisierten Lizenzfiguren-Welt zu werden. Für Disney war das ein ziemliches PR-Desaster.

Das Grinsen kann also auch etwas Morbides bekommen. Das erkannte etwa gleichzeitig zu Britney Spears' öffentlichem Nervenzusammenbruch auch der amerikanische Musikproduzent Joel Thomas Zimmerman. Er nennt sich Deadmau5 (ausgesprochen: "dead mouse") und tritt in Stadien vor zigtausend ausrastenden Fans mit einer riesigen schwarzen Helmmaske auf. Sie trägt ein fettes Grinsen und zwei runde Ohren. Deadmau5, das ist sozusagen die von den Toten ins Reich der brutal böllernden und sensorisch überfordernden EDM-Musik auferstandene Zombie-Mickey-Mouse. Kein Wunder, dass der Disney-Konzern das gar nicht toll findet: Als Deadmau5 seine charakteristische Helmmaske als Logo schützen lassen wollte, reichte der Konzern im Jahr 2014 Klage ein. Im Jahr darauf einigte man sich außergerichtlich.

Und Minnie? Es ist wie bei den Menschen: Die Mäuseriche stehen im Vordergrund

Jetzt, zum bevorstehenden neunzigsten Geburtstag, gibt es im Webshop des Disney-Konzerns natürlich allerhand Lizenz-Feierartikel zu kaufen: Mickey-Rucksäcke, Mickey-Bomberjacken und so weiter. Vom Mickey-Mouse-Instagram-Filter kann man sich derweil die Ohren und die Nase ins Selfie rechnen lassen. Evian gratuliert mit Mickey-Motiven auf Plastik-Wasserflaschen, und Steiff sendet beste Grüße mit Mickey und Minnie als Stofffiguren mit Knopf im Ohr. Auch auf den Laufstegen ist Mickey immer wieder zu sehen, zuletzt etwa bei Gucci, wo diverse Lederhandtaschen in der Form von Mickeys Kopf gezeigt wurden. Einen neuen opulenten Bildband gibt es auch: "Walt Disney's Mickey Mouse - The Ultimate History" (Taschen Verlag), mit jeder Menge faszinierender früher Entwurfszeichnungen aus den Archiven. Und falls jemand noch mehr Geld ausgeben will: Mickey ist nun auch als sehr edles Keramikobjekt zu haben, was vielleicht ein bisschen riskant ist, denn Mickey rutscht ja gerne aus. Wie auch immer: Keramik-Mickey ist handgefertigt nach antiken venezianischen Techniken, kommt aus den Werkstätten der italienischen Firma Bosa - und trägt eine sehr schöne Hose, die ein bisschen so aussieht, als hätte der Künstler Keith Haring sie persönlich mit Filzstift bemalt.

Das ist gar nicht so weit hergeholt, denn Keith Haring hat sich zu Lebzeiten tatsächlich mit Mickey Mouse beschäftigt. Er malte Mickey im Bann des Transporterstrahls eines UFOs - wobei unklar bleibt, ob Mickey von diesem UFO gerade entführt oder ob er abgesetzt wird, was ja bedeuten würde, dass Mickey in Wahrheit ein Alien ist! Haring malte auch "Andy Mouse" (1986), eine Kreuzung aus Mickey und seinem Freund Andy Warhol, mit Sonnenbrille, Perücke und fettem Dollarzeichen auf der Brust - ein bisschen Dagobert Duck steckt also noch mit drin, und mit ihm auch ein subtiler Kommentar darauf, dass Mickey ja eine ziemlich kapitalistische Figur ist. Warhol wiederum nahm Mickey 1981 in sein "Myths""-Portfolio mit auf, neben neun anderen mythischen amerikanischen Figuren wie Uncle Sam oder Superman (die Motive gibt es passenderweise gerade bei Uniqlo als Prints auf Sweatshirts zu kaufen). Und vor Warhol wiederum malte ein weiterer Gigant der Pop-Art die Maus: Roy Lichtenstein. Er steckte 1958 noch im Übergang von abstraktem Expressionismus zu Pop-Art, weswegen man in dem scheinbar chaotischen Farbgekritzel erst auf den zweiten Blick das Grinsen, dieses Schielen und diesen Handschuh erkennt. So ein Gemälde ist heute natürlich Millionen wert: Mickey, Mickey, Money!

Aber wo bleibt da eigentlich Minnie? Ja, je mehr man über Mickeys neunzigsten Geburtstag nachdenkt und ihn feiert, desto mehr könnte auch auffallen, dass Minnie Mouse doch eigentlich gleich alt ist und nun also auch 90 wird. Minnie hatte ihren ersten Auftritt ebenfalls in "Steamboat Willie", besagtem Debütcartoon aus dem November 1928. Da ruft sie vom Ufer des Mississippi River Mickey auf dem Dampfer schon ihr erstes süßes "Yoo-hoo!" hinterher, welchem Mickey natürlich sofort erliegt. Und da trägt sie auch schon diese viel zu riesigen Pumps, die eher so etwas wie Schuhboote sind und die auch immer Anlass für allerhand Slapstick, "Aua!" und anschließendes "Hahaha!" bieten.

Tja, Minnie, du bist als romantischer Sidekick leider nie so richtig zum Zug gekommen. Bei den Mäusen scheint es fast ein bisschen so zu sein wie bei den Menschen: Die Mäuseriche stehen immer etwas mehr im Vordergrund. Deswegen dir wenigstens von hier aus einen ganz besonders herzlichen Glückwunsch zum Neunzigsten!