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Lebensgefühl:Wie riecht der Frühling?

Sträucher für Garten- und Parkanlagen Der Gemeine Flieder in voller Blütenpracht *** Shrubs for gardens and parks The li

Liebliche Wolke, heiß herbeigesehnt: der Gemeine Flieder.

(Foto: imago images/Gottfried Czepluch)

Nach dem Corona-Winter strömen endlich wieder belebende Gerüche auf uns ein - Flieder, Grillschwaden, Maiglöckchen, aber vor allem: Geosmin.

Von Titus Arnu

Frühlingsspaziergänge sind Orgien für die Sinnesorgane. Für das Auge veranstaltet die Natur eine fabelhafte Farbenshow: zartgrüne Lindenblätter, knallgelbe Forsythien, Narzissen und Tulpen von Lila bis Weiß. Für das Ohr führen Kuckuck, Hummel und Amsel ein vielstimmiges Oratorium auf. Doch für die Nase ist wohl am meisten geboten. Wenn draußen das Leben erwacht, feiern die Synapsen in unserem Hirn eine fröhliche Comeback-Party.

Der Gemeine Flieder verströmt eine liebliche Wolke: fruchtig, blumig, ein Hauch von Zimt und Zitrone. Dazu gemähtes Gras, Grillgeruch, süßliche Maiglöckchen und eine erdige Note aus dem frisch gejäteten Blumenbeet - so in etwa könnte man ein ländliches Frühlingsparfum komponieren. In der Stadt kommen andere Geruchsnoten dazu: Zitroneneis, Kaffee, Steckerlfisch, frisch eingeduftete Damen in Blumenkleidern. Selbst die Auspuffgase einer vorbeiknatternden Vespa riechen auf einmal gut, nach Italien, Urlaub und Sommer. Man ahnt es nicht nur, man riecht: Es liegt etwas in der Luft.

Vollfrühling heißt die botanische Jahreszeit im phänologischen Kalender. Wenn Apfelbäume, Flieder, Himbeeren, Löwenzahn, Maiglöckchen und Waldmeister blühen, ist es nicht mehr weit bis zum Sommer. Mit der Natur erwacht auch der Mensch aus seinem emotionalen Winterschlaf. Steigende Temperaturen setzen immer mehr Duftmoleküle frei, 300 verschiedene Riech-Rezeptoren in der Nase des Menschen saugen sie gierig an. Der Vollfrühling schlägt voll aufs Gemüt, und zwar überwiegend positiv. Nach dem tristen Corona-Winter registrieren die meisten Menschen diese Duftexplosion mit besonderer Dankbarkeit. Man kann das Ende der Pandemie wittern. Und man muss eigentlich keine exotische Fernreise planen, es reicht, schnuppernd durch die Stadt zu streifen. Da ist olfaktorisch von Orient bis Okzident alles geboten.

Gerüche sind mit Emotionen verknüpft

Frühjahrsgerüche wirken erfrischend auf die Psyche, und das liegt nicht nur am aktuellen Lebensgefühl. Das Phänomen ist tief in unseren Genen verankert. Der Geruch gilt entwicklungsgeschichtlich als ältester Sinn des Menschen, er funktioniert direkter als andere sensorische Wahrnehmungen, wie Hirnforscher herausgefunden haben. Deswegen sind Gerüche auch immer mit Emotionen und Erinnerungen verknüpft. Oder, wie es der französische Romantiker Alfred de Musset ausdrückte: "Düfte haben mehr als eine Ähnlichkeit mit der Liebe, und manche Leute glauben sogar, die Liebe sei selbst nur ein Duft; wahr ist, dass die Blume, der sie entströmt, die schönste der Schöpfung ist."

Naserümpfend könnte man hier anmerken: ganz schön viel heiße Luft für so etwas Flüchtiges wie Duftmoleküle. Aber die Gefühlswucht von Gerüchen sollte man nie unterschätzen. "Der Frühlingsduft ist ein komplexes Muster, das bei jedem Menschen ein bisschen anders ist", sagt Hanns Hatt, Professor für Zellphysiologie an der Ruhr-Universität Bochum. "Jeder hat seinen eigenen Frühlingsduft, der aus Erfahrungen in der eigenen Kindheit geprägt ist", erklärt der führende deutsche Riechforscher, "wenn jemand neben einem Biergarten aufgewachsen ist, verbindet er das Frühjahr vielleicht mit Kastanienblüte und gegrilltem Hähnchen." Außer der subjektiven Erinnerung können Geruchsstoffe auch auf Zellebene viel Positives auslösen, so Hatt: "Wenn man Düfte therapeutisch einsetzt, kann man zum Beispiel Haare länger am Leben erhalten und Darmfunktionen optimieren."

Parfumeure machen sich die Wirkungsweise der Duftmoleküle zunutze, wenn sie mit Maiglöckchen- und Lavendel-Essenzen hantieren. Poeten und Songschreiber hingegen beschwören Erinnerungen herauf, wenn sie den Patschuli-Duft eines Hippiemädchens ins Mystische verklären oder von "Guerlain im Haar" singen wie Serge Gainsbourg - der Parfumhersteller kann ihm ewig dankbar sein für diese Zeile im Lied "Initials B. B.".

Modrige Erde: der typische Frühlingsduft

Als typischen Frühlingsduft haben Geruchsforscher übrigens weder Flieder noch Maiglöckchen ausgemacht, sondern eine Substanz namens Geosmin. Dieser Stoff wird von Mikroorganismen im Boden produziert und entsteht, wenn die Erde sich im Frühjahr erwärmt und Geruchsmoleküle freigibt. Geosmin riecht modrig bis muffig, und lässt eigentlich absolut keine Zitronenfalter- und Eisdielen-Assoziationen anklingen - aber der Mensch kann gar nicht anders, als diesen erdigen Duft mit dem Frühling zu verbinden. Das ist in unseren Genen so gespeichert. Lange bevor die ersten Tulpenknospen sich öffnen, sendet Geosmin eine molekulare Botschaft an unser limbisches System: Hallo, aufwachen, es wird Frühling!

Zwischen dem betörenden Frühlingsduft und der Geruchsbelästigung verläuft eine schmale Nasenscheidewand. Manche Düfte sind Geschmacksache: Die einen bekommen leuchtende Augen, wenn sie Bärlauch riechen, die anderen unken: "Bäh, Bärlauch." Ein frisch gemähter Rasen und Grillschwaden? Für die einen ein Fest für die Nerven, für die anderen ein Test für die Nerven. Was in der Stadt wie stark miefen darf, ist behördlich geregelt, in München durch die Geruchsimmissionsrichtlinie (GIRL). Der maximal zulässige Gestank aus Imbissbuden und Nachbarsgärten ist darin präzise festgelegt. Ein gewisses Level an Malz und Grillhaxe muss man der Brauerei- und Biergartenstadt aber sicherlich zugestehen.

Die norwegische Geruchskünstlerin Sissel Tolaas hat München als Mischung aus "Bier, Fleisch und teurem Parfum" definiert - und auf dieser Basis einen deftigen München-Duft kreiert. Tolaas sammelt Gerüche von Menschen, Städten und Dingen, sie versteht ihre Arbeit als "forensische Chemie", angesiedelt zwischen Naturwissenschaft, Psychologie und Kunst. Sie sagt, dass Städte typische Gerüche haben, so wie auch Menschen individuell duften. Köln riecht gefühlt nach 4711 und schalem Kölsch, Hamburg nach Brackwasser, Kaschmir und nassen Lederslippern. Das Parfum "Breath of Berlin", erhältlich in fernsehturmförmigen Flakons, duftet laut Angaben des Herstellers nach "Mandarine, Citrus, Vanille, weißem Moschus und Piment". Wie bitte? Da fehlen ganz klar die Kopfnoten Currywurst und Döner. Eine Prise Stadtluft kann Doping für die Laune sein, aber nur, wenn sie nicht zu weltfremd riecht.

© SZ/jrot
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