Früherer BMW-Chefdesigner Chris Bangle Alles wird Design

Die Sitzbank als Statement: Die übergroßen und kaum zu übersehenden Modelle des Designers Chris Bangle stehen jetzt überall in den Hügeln der Langhe im italienischen Piemont.

(Foto: Chris Bangle)

Auch die Gebäude sind Skulpturen, mitsamt einem Innenhof, der jetzt als Auditorium dient, mit Treppen, die zuweilen in aufgeschnittenen Rohren verlaufen, und Dachsparren, die als Raumteiler fungieren. "Alles Design", sagt Chris Bangle, "möchte ,Car Design' sein." Er betont diese Formel so, dass man versteht: Er hat viel mehr im Sinn als die Formgebung von Automobilen. Der Satz schließt die großen Sitzbänke ein. All diese Gegenstände sollen Teil einer möglichst totalen Ästhetisierung der Warenwelt sein - auch die Cognacflaschen, die Chris Bangle entwirft, neben Yachten und Küchen.

Zur Ästhetisierung der Welt gehört eine Türglocke, die aus einer Reihe von vier übereinander gehängten grifflosen Bratpfannen besteht. Wenn sie mit einem Klöppel angeschlagen werden, machen sie großen Lärm. Zur Ästhetisierung gehört auch ein Schwimmbad auf einer schmalen Brücke, die sich zwanzig Meter über das unter dem Weiler liegende Tal hinausstreckt. Die Brücke ist mit hochglänzendem Edelstahl verkleidet, in dem sich Himmel, Erde und Pflanzen spiegeln, so dass man sie aus einiger Entfernung gar nicht erkennt.

Marken bestehen aus zur Gewohnheit gewordenen Erwartungen

Zur Ästhetisierung gehören schließlich Hunderte Gegenstände scheinbar spielerischer Art, die sich in allen Räumen finden: ein Schachspiel mit einer Oberfläche wie eine Hügellandschaft, ein Eiffelturm, der wie eine Stoffpuppe gestaltet ist, eine runde Tischtennisplatte für fünf Spieler. Diese Dinge bilden eine Art beseelten Hausrat. "Form", doziert Chris Bangle, sei nicht nur "Funktion", wie es die Designschulen des 20. Jahrhunderts gelehrt hätten. "Form" sei vielmehr "Prozess".

Neulich, sagt Chris Bangle, habe man ihm zwölf leitende Angestellte geschickt, aber nicht eines zu entwerfenden Gegenstands wegen. "Ich möchte zwölf neue Leute", habe ihm der Auftraggeber gesagt. Er habe sie ihm geliefert, keine neuen Menschen, aber Angestellte, die fortan "in veränderlichen Charakteren denken". Mit der Entwicklung von "Marken", meint Bangle, habe eine solche Verflüssigung aller Verhältnisse nur bedingt etwas zu tun. "Studebaker, PanAm und Oldsmobile waren starke Marken, wie Festungen, und es gibt sie schon lange nicht mehr." Marken, sagt er, bestünden aus zur Gewohnheit gewordenen Erwartungen. Chris Bangle kennt viele Varianten desselben Gedankens.

In Turin lebte Chris Bangle in den Achtzigern. Dort entwarf er den Fiat "Coupé", einen gurkenförmigen Sportwagen, der durch scharfe, aber von aller technischen Funktion befreite Sicken in den Kotflügeln auffiel. In München habe er danach lange genug gelebt, um die Stagnation fürchten zu lernen. Wer zu lange bleibe, verbrauche sich in den Kämpfen der inneren Konkurrenz. Man werde hart und einsam. Als er bei BMW angefangen habe, habe er seiner Frau versprochen, höchstens zwei Produktzyklen zu bleiben. Es seien dann doch zwei, drei Jahre mehr geworden.

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Dass er nach Turin zurückkehrte, habe an den Menschen gelegen, erklärt er, denen er während seiner Zeit bei Fiat begegnet war, und an denen, die er danach kennenlernte. In seinem Studio arbeiten außer ihm und seiner Frau nur Italiener. Mit ihnen spricht er in flüssigem Durcheinander Englisch und Italienisch zugleich. Nicht nur die Handwerker, mit denen er hölzerne Automodelle baut oder komplizierte eiserne Aufhängungen für Schiebetüren, stammen aus der Nachbarschaft, sondern auch Paolo Ornato, der für ihn wichtigste Architekt.