Süddeutsche Zeitung

Frisuren-Trend:Warum Frauen den Buzz Cut lieben

Lesezeit: 5 min

Zuerst wurde der kahlrasierte Kopf auf Laufstegen gefeiert, jetzt zeigen sich Prominente wie Kristen Stewart oder Cara Delevingne: Der Buzz Cut gilt als Frisur des Jahres - auch weil viele darin das Zeichen eines neuen Feminismus sehen.

Von Dennis Braatz

Die meisten Frauen zögern an zwei Stellen. Zuerst, wenn der Rasierer losbrummt. Dann fahren sie sich durch die Haare und tasten ihren Kopf ab: Will ich wirklich? Doch, ich will! Beim Ansetzen des Rasierers muss dann häufig erneut unterbrochen werden. Sie kneifen die Augen zusammen, pressen die Lippen aufeinander und geben leise "Oh! My! God!"-Laute von sich. Nach zehn Minuten ist im Schnitt eigentlich alles schon wieder vorbei, aber beim Blick in den Spiegel nichts mehr wie vorher.

Wer bei Youtube "Women" und "Buzz Cut" eintippt, kann reihenweise junge Frauen dabei beobachten, wie sie sich vor laufender Kamera die Köpfe scheren oder scheren lassen. Die Fastglatze gilt als Trendfrisur dieses Jahres, spätestens seit sich in Hollywood ein paar Damen von ihrer Mähne verabschiedet haben. Kristen Stewart machte im März mit einer neuen Kürze von knapp drei Millimetern den Anfang. Auf kaum mehr brachte es einen Monat später Katy Perry. Und bei den MTV Movie & TV Awards vor zwei Wochen präsentierten sich gleich zwei Frauen nahezu kahl, Amandla Stenberg sowie Ex-Model und Schauspielerin Cara Delevingne.

Delevingne hatte ihre neue Frisur zuvor auf Instagram kommentiert. "Es ist anstrengend, gesagt zu bekommen, wie Schönheit auszusehen hat. Ich bin es leid, dass die Gesellschaft vorschreibt, was Schönheit bedeutet. Entfernt jede Kleidung. Entfernt das Make-up. Schneidet euch die Haare. Entfernt jeden materiellen Besitz. Wer sind wir dann? Wie definieren wir Schönheit?" War natürlich nicht bitterernst gemeint, aber: Es folgten mehr als 52 000 überwiegend wohlwollende Kommentare ihrer Abonnenten - und die nächste Debatte über Schönheitsideale und Feminismus in der Glamourwelt. Ist das jetzt gut, wenn Frauen wie sie mit einem radikalen Haarschnitt eine Haltung einnehmen? Oder springen Frauen wie sie nur auf einen Trend auf?

Klar ist: Unvorteilhaft will keiner der Stars aussehen. Deshalb haben sich die meisten das Haar auch nicht einfach nur abrasiert, sondern die verbliebenen Stoppeln zusätzlich inszeniert, nämlich platinblond eingefärbt. Man könnte das für eine weitere Nineties-Laune halten, aber es geht um einen bewusst eingesetzten Trick. Von dunklen Haarfarben setzt sich die weiße Kopfhaut allzu deutlich ab. Blond dagegen vermischt sich optisch mit der Blässe. Die Frisur wirkt wie ein einziger Lichtreflex, sieht also mehr nach Gesamtkunstwerk als nach Frisörunfall aus.

Darüber hinaus kommt die Inspiration für die Millimeterfrisur aus der Welt des schönsten Scheins überhaupt, nämlich vom Laufsteg. Seit den Schauen im September 2015 lassen immer mehr Models Haare. Eine der ersten war Ruth Bell. Als die Britin bei Versace im Nadelstreifenblazer vors Publikum trat, ging ein Raunen durch die Ränge. Ein kahl rasierter Kopf, das kannten die Redakteure bislang nur von schwarzen Models wie Alek Wek, die seit den Neunzigern auf dem Catwalk für das Klischee der exotischen Massai-Frau zuständig sind. Donatella Versace aber widmete ihre ganze Show der weiblichen Vielfalt, mischte Mädchen unterschiedlichster Hautfarben, Ethnien und Frisuren durcheinander.

Kontrast zu klassicher Weiblichkeit

Ohne High Heels hätte Bell wie ein Teenagerjunge mit Sommersprossen ausgesehen. "Ich dachte, ich würde wegen des Haarschnitts weniger Aufträge bekommen", sagte sie im Guardian. Stattdessen folgte für Bell ein Magazincover auf das nächste - und man sah plötzlich jede Menge weiterer Models mit raspelkurzen Haaren. Sie präsentieren Spitzen- oder Seidenkleider, tragen die Lippen betont und große Creolen. Die Frisur funktioniert als Kontrastmittel zu klassischen Attributen der Weiblichkeit.

Womit wir bei der Frage nach der Herkunft des Buzz Cuts wären, also der klassischen Männlichkeit. "To buzz" bedeutet so viel wie Surren oder Summen und meint das Geräusch des elektrischen Rasiergeräts, mit dem Soldaten in vielen Ländern beim Eintritt ins Militär die Haare gestutzt werden. Ursprünglich ging es darum, die Verbreitung von Läusen zu verhindern. Heute soll die Radikalrasur die Pflege erleichtern und Uniformität schaffen.

Aber eine Frau mit diesem Haarschnitt, das war lange Zeit undenkbar. Es sei denn, sie wurde bestraft, als angebliche Hexe im Mittelalter - oder in Frankreich und Norwegen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, wenn sie sich - welche Schande - mit einem Deutschen eingelassen hatte. Dann gab es da noch die Schauspielerin Jean Seberg, eine der ersten Buzz-Cut-Trägerinnen Hollywoods, 1957 spielte sie Jeanne d'Arc in der Verfilmung von George Bernard Shaws "Die heilige Johanna".

Ursprünge in der Subkultur

Als Alltagsphänomen tauchte der rasierte Frauenkopf erstmals Mitte der Siebziger auf. Wer jetzt einwenden will, dass ja schon Twiggy in den Sechzigern einen sogenannten Pixie trug: Der ist zwar kurz, aber doch zu lang, um als Buzz Cut durchzugehen - und trotzdem ein wichtiger Beitrag zur Emanzipation vom Bild der hold gelockten, treu ergebenen Frau.

Jedenfalls waren es die Skinheads und Punks, die ein paar Jahre später ihre Kopfhaut zum stilistischen Code machten, als bewusst hässliche Antwort auf lange Hippie-Haare und als Protest gegen das Establishment: Sie trugen komplett Glatze, ließen lange Strähnen vor den Ohren wachsen (Chelsea Cut) oder einen borstigen Streifen von Stirn bis Nacken (Irokesenschnitt).

Der Ursprünge des modischen Buzz Cut liegen also, wie viele andere Militärtrends, in der Subkultur. Und wie das Camouflagemuster oder die Springerstiefel ist nun auch der kahl geschorene Kopf von der Stil-Elite adaptiert worden. In der Modetheorie nennt man so ein Phänomen "Bubble Up": Das stufenweise Aufsteigen über frühe Trendsetter und Opinionleader, in diesem Fall etwa Sinéad O'Connor. Das Musikvideo zu ihrem größten Hit "Nothing Compares 2 U" ist auch deshalb bis heute bekannt, weil sich die Sängerin darin kurz geschoren und verletzlich zeigt. Eigentlich wollten die Plattenbosse aus der jungen Irin ein Girlie mit langen Haaren und Minirock machen. "Ich bin sofort zum nächsten Barber und habe mich rasieren lassen", sagte O'Connor vor ein paar Jahren auf Oprah Winfreys Couch.

Nicht zuletzt hat eine große Gruppe von Schauspielerinnen dazu beigetragen, dass man Frauen mit extrem kurzen Haaren gemeinhin bewundert. Auf der Leinwand gehört der Buzz Cut zur Ausstattung starker Schicksalsrollen: die Soldatin (Demi Moore in "Die Akte Jane"), die Prostituierte (Anne Hathaway in "Les Misérables"), erst kürzlich die Übersinnliche (Milly Bobby Brown in "Stranger Things") und natürlich die Krebspatientin (Kim Cattrall in "Sex and the City", Cara Delevingne spielt die Rolle gerade für "Life in a Year").

Die Buzz-Cut-Trägerin auf offener Straße ist also mehr als einfach nur eine Frau mit sehr kurzen Haaren, ob sie will oder nicht. Das Klischee besagt: Entweder sie muss krank sein, oder sie hat bewusst ein Symbol ihrer Weiblichkeit aufgegeben, weil sie nicht länger Objekt sein will (was auch die Probleme vieler Männer mit extremen Kurzhaarfrisuren erklärt). Und jetzt rollt die Welle der kahl rasierten Models, Stars und Youtuberinnen an, die einfach Lust haben, ihren Look zu verändern, etwas auszuprobieren - und ein bisschen Feministin zu sein.

Ob der Schnitt einem steht, lässt sich vorher nur schwer feststellen

Feminismus ist aktuell eines der größten Trendthemen, und die Mode der wichtigste Marktplatz dafür. An jeder Ecke bekommt man T-Shirts mit Frauenpower-Sprüchen angeboten, auch Cara Delevingne entwirft sie. Mit solchen Merchandise-Produkten kann jeder eine Haltung einnehmen, aber jeder kann sie auch schnell wieder loswerden, durchs Ausziehen.

Natürlich ist der aktuelle Hype um den Buzz Cut Teil dieses Phänomens. Nur: Sind die Haare erst mal ab, gibt es kein Zurück, pro Monat wachsen sie gerade mal um einen Zentimeter. Ob der Schnitt einem steht - und er steht nicht jeder Frau - lässt sich vorab nur schwer feststellen. Zwar gilt, dass das Gesicht möglichst weiche Züge haben und nicht zu lang sein sollte, am Ende entscheidet aber die Kopfform. Wer sich den Schädel rasiert, setzt also das stärkere Zeichen. Auch für sich selbst. In der Feminismus-Ausgabe der Glamour sagte das deutsche Buzz-Cut-Model Lina Hoss erst vor Kurzem: "Ich bin viel selbstbewusster geworden und habe natürlich auch aufgehört, darüber nachzudenken, ob meine Haare sitzen oder nicht."

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Quelle:
SZ vom 20.05.2017/olkl
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