Frisuren-Trend:Ursprünge in der Subkultur

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Als Alltagsphänomen tauchte der rasierte Frauenkopf erstmals Mitte der Siebziger auf. Wer jetzt einwenden will, dass ja schon Twiggy in den Sechzigern einen sogenannten Pixie trug: Der ist zwar kurz, aber doch zu lang, um als Buzz Cut durchzugehen - und trotzdem ein wichtiger Beitrag zur Emanzipation vom Bild der hold gelockten, treu ergebenen Frau.

Jedenfalls waren es die Skinheads und Punks, die ein paar Jahre später ihre Kopfhaut zum stilistischen Code machten, als bewusst hässliche Antwort auf lange Hippie-Haare und als Protest gegen das Establishment: Sie trugen komplett Glatze, ließen lange Strähnen vor den Ohren wachsen (Chelsea Cut) oder einen borstigen Streifen von Stirn bis Nacken (Irokesenschnitt).

Der Ursprünge des modischen Buzz Cut liegen also, wie viele andere Militärtrends, in der Subkultur. Und wie das Camouflagemuster oder die Springerstiefel ist nun auch der kahl geschorene Kopf von der Stil-Elite adaptiert worden. In der Modetheorie nennt man so ein Phänomen "Bubble Up": Das stufenweise Aufsteigen über frühe Trendsetter und Opinionleader, in diesem Fall etwa Sinéad O'Connor. Das Musikvideo zu ihrem größten Hit "Nothing Compares 2 U" ist auch deshalb bis heute bekannt, weil sich die Sängerin darin kurz geschoren und verletzlich zeigt. Eigentlich wollten die Plattenbosse aus der jungen Irin ein Girlie mit langen Haaren und Minirock machen. "Ich bin sofort zum nächsten Barber und habe mich rasieren lassen", sagte O'Connor vor ein paar Jahren auf Oprah Winfreys Couch.

Nicht zuletzt hat eine große Gruppe von Schauspielerinnen dazu beigetragen, dass man Frauen mit extrem kurzen Haaren gemeinhin bewundert. Auf der Leinwand gehört der Buzz Cut zur Ausstattung starker Schicksalsrollen: die Soldatin (Demi Moore in "Die Akte Jane"), die Prostituierte (Anne Hathaway in "Les Misérables"), erst kürzlich die Übersinnliche (Milly Bobby Brown in "Stranger Things") und natürlich die Krebspatientin (Kim Cattrall in "Sex and the City", Cara Delevingne spielt die Rolle gerade für "Life in a Year").

Die Buzz-Cut-Trägerin auf offener Straße ist also mehr als einfach nur eine Frau mit sehr kurzen Haaren, ob sie will oder nicht. Das Klischee besagt: Entweder sie muss krank sein, oder sie hat bewusst ein Symbol ihrer Weiblichkeit aufgegeben, weil sie nicht länger Objekt sein will (was auch die Probleme vieler Männer mit extremen Kurzhaarfrisuren erklärt). Und jetzt rollt die Welle der kahl rasierten Models, Stars und Youtuberinnen an, die einfach Lust haben, ihren Look zu verändern, etwas auszuprobieren - und ein bisschen Feministin zu sein.

Ob der Schnitt einem steht, lässt sich vorher nur schwer feststellen

Feminismus ist aktuell eines der größten Trendthemen, und die Mode der wichtigste Marktplatz dafür. An jeder Ecke bekommt man T-Shirts mit Frauenpower-Sprüchen angeboten, auch Cara Delevingne entwirft sie. Mit solchen Merchandise-Produkten kann jeder eine Haltung einnehmen, aber jeder kann sie auch schnell wieder loswerden, durchs Ausziehen.

Natürlich ist der aktuelle Hype um den Buzz Cut Teil dieses Phänomens. Nur: Sind die Haare erst mal ab, gibt es kein Zurück, pro Monat wachsen sie gerade mal um einen Zentimeter. Ob der Schnitt einem steht - und er steht nicht jeder Frau - lässt sich vorab nur schwer feststellen. Zwar gilt, dass das Gesicht möglichst weiche Züge haben und nicht zu lang sein sollte, am Ende entscheidet aber die Kopfform. Wer sich den Schädel rasiert, setzt also das stärkere Zeichen. Auch für sich selbst. In der Feminismus-Ausgabe der Glamour sagte das deutsche Buzz-Cut-Model Lina Hoss erst vor Kurzem: "Ich bin viel selbstbewusster geworden und habe natürlich auch aufgehört, darüber nachzudenken, ob meine Haare sitzen oder nicht."

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