Tomaten Europas trauriges Dauergemüse

Eine französische Verbraucherschutzorganisation hat 900 Freiwillige Kirschtomaten testen lassen. 39 Prozent sahen sich noch nicht einmal in der Lage, eine Meinung zu entwickeln.

(Foto: Martina Marschall; marshi / photocase.de)

Franzosen lieben Tomaten, doch vielen sind sie neuerdings zu fad und wässrig. Das Land rätselt nun, wer daran schuld ist.

Von Nadia Pantel

Saisongemüse müsste man sein. So wie der Spargel, für den jedes Frühjahr alle deutschen Speisekarten umgeschrieben werden. Oder ein Obst wie die Erdbeere, auf das von April an sehnsüchtig gewartet wird. Auf diese Hingabe muss die Tomate verzichten. Sie ist Europas trauriges Dauergemüse. Dabei ist sie oft so fad, dass ihre rote Farbe den einzigen Mehrwert auf dem Teller darstellt.

Die Geschmacksarmut der Tomate ist kein subjektiver Eindruck. Die französische Verbraucherschutzorganisation CLCV hat 900 Freiwillige Kirschtomaten testen lassen. Am Dienstag veröffentlichte der Parisien das Ergebnis des Versuchs. Bescheidene 25 Prozent der Testteilnehmer fanden, dass die Tomaten gut geschmeckt hätten. 29 Prozent haben sie nicht gemocht. 39 Prozent sahen sich noch nicht einmal in der Lage, eine Meinung zur Tomate zu entwickeln. Sie habe "weder gut noch schlecht" geschmeckt.

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Die Schmähung der Tomate kommt genau zu der Zeit im Jahr, in der man ihr eigentlich tomatenförmige Häuschen bauen müsste, um sie an jeder Straßenecke zu verkaufen. So wie es bei der Erdbeere gemacht wird. Bevor Tomaten in riesigen Gewächshäusern mit möglichst geringem Außenweltkontakt gezüchtet wurden, begann ihre Saison Mitte August und endete im Oktober. Heute gibt es Tomaten zwölf Monate im Jahr, und sie schmecken im Sommer genauso neutral wie im Winter.

In Frankreich beginnt nun die Suche nach den Schuldigen am Niedergang der Tomate. Wer einmal in einem sonnigen Land im Spätsommer eine Tomate direkt vom Strauch gegessen hat, weiß: Die Pflanze produziert Wunderbares, wenn man sie lässt. Wer hindert sie also daran? Jacques Rouchaussé, Präsident der Vereinigung der Gemüseproduzenten Frankreichs, sieht das Problem in Transportwegen und Lagerung. Kaufe man direkt bei den Bauern, erhalte man tadellose Ware. "Die Zeiten, in denen die Tomaten so hart waren, dass man damit Boule spielen konnte, sind vorbei", so Rouchaussé zum Parisien.

Der Sprecher der Supermarktkette Système U, Thierry Desouches, strengt sich gar nicht erst sonderlich an, das Gemüse zu verteidigen. "Die Tomaten, die Sie im Supermarkt bekommen, sind nicht die leckersten", stellt er fest. Die Situation könne sich verbessern, wenn mehr alte Sorten angeboten würden, die dann aber auch teurer seien. Xavier Mathias, Berater für Bioproduktion, glaubt, dass die Tomate deshalb ihren Geschmack eingebüßt hat, weil dieser Aspekt für die Betriebe nicht mehr entscheidend sei. Er formuliert die Anforderungen an die zeitgenössische Massentomate so: "rund, vollständig rot, transportresistent".

Die Enttäuschung der Verbraucher übersetzt sich nicht in Verzicht. In Frankreich wie in Deutschland bleibt die Tomate das beliebteste Gemüse. 33,4 Kilogramm Tomaten isst der durchschnittliche Franzose pro Jahr. Deutsche kommen auf jährlich auf 27,5 Kilogramm Tomaten pro Kopf, wobei zwei Drittel der Tomaten aus Dosen, als Ketchup oder in Nudelsaucen konsumiert werden. In Frankreich handelt es sich bei 44 Prozent der verkauften Tomaten um das rote Gemüse in unverarbeiteter Form.

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