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Foodie-Trend in Berlin:Essen wieder selber machen, auch gerne als Produzent

Abseits von Koch-Shows im TV wollen viele wieder selber lernen, wie das mit dem guten Essen funktioniert. Das liegt zum einen an den vielen Lebensmittelskandalen, die in den vergangenen Jahren das Vertrauen der Verbraucher erschüttert haben. Viele wollen diese Wege nicht mehr gehen, lieber Neues ausprobieren. Zum anderen passiert in anderen westlichen Großstädten ähnliches: Auch in New York mieten sich Großstädter zur Mitarbeit in Bauernhöfe ein, planen Stadtarchitekten zusammen mit Food-Wissenschaftlern neue Formen der Essenskultur.

Gastrofestival 'Stadt, Land, Food'

Pilze sind ein Thema bei der neuen Ernährung. Hier der Igelstachelbart und seine Edelpilzfreunde auf dem Festival "Stadt, Land Food" in Kreuzberg.

(Foto: dpa)

In Berlin verkaufen diverse Bauernhöfe inzwischen Anteile an Genossenschaften. Für etwa 60 Euro im Monat ist der Großstädter dann ein kleiner Bauer: Wöchentlich kann er sich sein Gemüse von einem ausgesuchten Bauernhof bringen lassen, muss aber auch ein paarmal im Jahr ran an die Kartoffel: Mithelfen bei der Ernte, im Verkauf oder bei Hoffesten. Damit er sieht und spürt, wie das funktioniert mit der Essensproduktion.

Viele sind dankbar dafür, dass die anonymisierten und durchkommerzialisierten Strukturen aufgebrochen werden - und dass sie wieder Teil davon werden können. Nicht nur an der Supermarktkasse über den Preis entscheiden, was auf den Teller kommt, sondern früher ansetzen, wenn ein Produkt entsteht - und darüber mitbestimmen, wie es produziert wird. Was lange getrennt wurde, soll jetzt wieder zueinander finden: Produzent und Verbraucher, Nahrungsmittelproduktion und Nahrungsmittelaufnahme.

Weil das ein so großer und stetig wachsender Markt ist, arbeiten findige Unternehmer in Berlin schon daran, ganz neue Wege zu beschreiten. Wieso soll der Großstädter denn aufs Land fahren, wenn er Selbstangebautes essen will, überlegen sich Start-ups wie Infarm, die maßgeschneiderte Vertikalanlagen für Hotels und Unternehmen anbieten, die Gemüse und Kräuter in Gebäuden sprießen lassen wollen. Das Kostbarste in einer Stadt sei nun mal die Fläche, sagt Mitbegründer Erez Galonska, "uns schwebt eine Art Sci-Farming vor". Nach dem Urban Farming will man in Kreuzberg die Praxis von Landwirtschaft gleich ganz ändern. Nicht mehr nur auf dem Land oder auf freien Grünflächen, sondern dort, wo das Essen in Massen benötigt wird, solle es auch gleich produziert werden. Auch, um die üblich gewordenen teils irren Transportwege zu vermeiden. Warum also nicht in oder auf Gebäuden?

"Pilze haben ein Riesenpotenzial"

Oder auch darunter: In einem Keller in Schöneberg gedeihen derzeit Pilze. Nicht die üblichen WG-Pilze auf Pizzakartons in gammeligen Wohnungen, sondern edlere Gewächse, zum Verzehr geeignet: Limonen, Rosa- und Austernseitlinge werden bei "Chido's Mushrooms" auf Kaffeesatz gezüchtet, den die Mitarbeiter in Berliner Cafes einsammeln. Wieso auf Kaffee und wieso im Keller? "Der Keller ist temperaturstabiler als ein oberirdischer Raum", sagt Geschäftsführerin Anne-Kathrin Kuhlemann, und "wir verwenden einen Stoff als organischen Dünger, der sonst auf dem Müll landen würde". Und warum gerade Pilze? "Pilze haben wegen ihrer Proteine ein Riesenpotenzial, zum Beispiel als Fleischersatz. Daher ist das auch ein Thema für die Welternährung", so Kuhlemann.

Spricht man mit Berlinern selbst, ist die Begeisterung groß bis verhalten. Sami etwa, 42, mit seiner zweijährigen Tochter auf dem Food-Festival unterwegs, glaubt: "Wir können uns zwar einen Kokon schaffen. Aber die meisten anderen Menschen werden sich weiterhin so ernähren, wie sie es bisher getan haben. Solange die industrielle Nahrungsmittelproduktion unter kapitalistischen Gesichtspunkten funktioniert, wird sich das nie ändern." Anna-Lena hingegen, 26 Jahre alt und mit grün-gelben Haaren ebendort unterwegs, findet: "Es ist an der Zeit, dass wir wieder zu den Ursprüngen zurückkehren, raus aus der Entmündigung, im wahrsten Sinne des Wortes. Essen kann so einfach sein und so gut. Ich brauche keine hochindustriell verarbeiteten Nahrungsmittel. Ich will mich natürlich ernähren, gerade in der Großstadt ist das ein Riesen-Thema."

Dass in Berlin, wie in anderen Großstädten, seit Jahren Supper-Clubs boomen, ist ebenfalls Ausdruck dieser neuen Essenskultur. Seit die Partyhauptstadt für viele zu einer Ibizaparty-ähnlichen Veranstaltung verkommen ist, die ehemals selbstgemachten wilden Partys dem Kommerz unterworfen werden, suchen sich Freigeister neue Formen des selbstbestimmten Lebens. Für manche ist Essen das neue Feiern.

Anders als in USA aber, wo "Foodies" sich zwar ebenfalls als Nachfolger der Clubkultur begreifen und ehemalige Models sich anstelle von Mode und anderen Statussymbolen in ihren Blogs und in ihrer Freizeit nun fast ausschließlich dem Essen widmen, herrscht in Berlin vorwiegend der Wunsch nach neuem, anderem und vor allem nachhaltigem Essen vor. Möglich, dass nach Vegan und Paleo, nach Urban Farming und Streetmarkets hier demnächst der neueste Essens-Trend geboren wird.