Faszination einer Haarfarbe Genau diese Farbe muss es sein

Die Rot-Varianten reichen, bei meist blassem Teint, von hellem Kupfer bis zu Kastanienrot - so wie bei dem britischen Model Lily Cole.

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Der idealisierte Schönheitskult weckt reale Wünsche, das war in früheren Epochen nicht anders als heute. In den Berliner Salon von Dennis Creuzberg, wo sich schon Nadja Auermann und Paris Hilton die Frisur machen ließen, kommen die Kundinnen mit Fotos von Julianne Moore oder Lily Cole und wollen: ganz genau diese Farbe, Strawberry Blonde, Zimt, Mahagoni - wie auch immer der Name der neuesten Tönung gerade lautet. Die Kunsthistorikerin Karin Sagner hat solche Wechselspiele zwischen Wunschbild und Wirklichkeit in der Vergangenheit untersucht, und natürlich waren die notorisch selbstverliebten Römerinnen ganz vorne dabei.

Als die ersten rotblonden Barbaren in der Stadt auftauchten, galt es als schick, "genauso auszusehen wie die germanische Sklavin", erzählt Sagner. Man ließ aus deren geschorenem Haar Perücken anfertigen, die Damen gefielen sich als raffinierte Schönheiten mit dunklem Teint und hellem Zopf. In der Renaissance löste Tizian eine wahre Hysterie um den nach ihm benannte Rotton aus, die Haarfärber seien kaum nachgekommen mit der Arbeit. Dass moderne Großstadtmaler wie Toulouse-Lautrec oder George Grosz ihre zwielichtigen Modelle oft rothaarig darstellten, was eine Nähe zur Prostitution suggerierte, war weniger zur breiten Nachahmung geeignet - manche Bubikopf-Trägerin im Paris oder Berlin der Roaring Twenties hat ihre Protesthaltung aber bestimmt durch eine anrüchige Koloration unterstrichen.

Vamp oder Elfe

Wer kein natürlicher "Gingerhead" ist, wie Briten den in Schottland und Irland sehr verbreiteten Frauentypus nennen, und diesen Herbst trotzdem modisch mithalten will, hat bei der Färbung zwei Möglichkeiten: der Vamp oder die Elfe. Das sind schon immer die beiden Pole der Rothaarigen gewesen - die Entrückte und die Bedrohliche. Für die Kunsthistorikerin Sagner liegt ein Ursprung dieses seltsamen Doppelbilds in einem Blick auf das Weibliche, den die westliche Kultur heute als selbstverständlich empfindet. "Niemals zuvor ist die Frau so stark zum Objekt gemacht worden wie im 19. Jahrhundert", sagt sie. "Oh Locken, schwer von müdem Wohlgeruch", dichtete Charles Baudelaire.

Die damals neue, unverblümte Stilisierung der Frauen zur begehrenswerten Figur funktionierte besonders gut über die Darstellung von Haar. Aufgesteckte Zöpfe, gelöste Strähnen, lange Locken: Die Variationsbreite der sexuellen Andeutungen ist endlos. "Haare sind grundsätzlich das Unterpfand der Weiblichkeit und Erotik", so Sagner. Und wer Frauen mit roten, also besonders betonten Haaren malt, schafft den Urtyp der Verführerin. Die englische Künstlergruppe der Präraffaeliten hat sich fast schon obsessiv abgearbeitet am Ideal der mal madonnenhaft reinen, mal gefährlich fordernden Schönen mit dem Kupferhaar. Oft sind ihre Modelle beides zusammen.

Das wirkt bis heute nach. Ob Arielle, die Meerjungfrau aus dem Walt-Disney-Klassiker, oder Hollywood-Stars wie Nicole Kidman und Jessica Chastain: Der Charme von Rothaarigen hat etwas schwer zu Fassendes, irgendwo zwischen Esprit und Stärke auf der einen Seite und der übersensiblen Aura hellhäutiger Frauen auf der anderen. Nixen und andere Wasserkreaturen werden gern als rothaarig dargestellt - sie sind eben nicht ganz von dieser Welt. Auf jeden Fall geht es darum, besonders zu sein.

Der Nixen-Faktor: Rothaarige sind nicht von dieser Welt

Und das ist auch bewusst so gewollt. Es gibt Bücher nur über Rothaarige. Die "Red Hair Day" genannten Treffen sollen den Austausch darüber ermöglichen, welchen Spott man sich als Minderheit manchmal so anzuhören hat, was eher die Männer betreffen dürfte, weil ihnen der Nixen-Faktor fehlt. Aber natürlich dienen solche Aktionen auch der Selbstvergewisserung als Außergewöhnliche. Genauso wie die Zeitschrift für Rothaarige mit dem geheimnisvollen Namen MC1R - das ist die Bezeichnung des Proteins, dessen Veränderung für die Färbung verantwortlich ist.

Und wenn dann im nicht mehr ganz jungen Alter die Pracht der Farbe schwindet, selbst die beste Strawberry-Tinktur nicht mehr so viel hermacht, wie der Name verspricht? Dann triumphieren, sagt der Friseur Dennis Creuzberg, die echten Roten. "Niemand bekommt so schöne weiße Haare wie sie", sagt er. "Und die meisten tragen sie mit Stolz."