Fashionweek ParisGibt's was Neues?

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Diesmal ist das Geschwätz über Personalien fast wichtiger als die Mode. Dabei tummeln sich Raubtiere, Aristokratinnen und Kendall Jenner auf dem Laufsteg.

Von Tanja Rest

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Backstage bei Stella McCartney gibt es einen dieser raren Momente, in denen man die Mode einmal so sieht wie sie sich selbst: eine große Familie, in der die Kreativität Hand in Hand geht mit Wärme und Wertschätzung. Bewahre, im goldbestuckten Saal der Opéra Garnier tobt vorschriftsgemäß der Wahnsinn, schreiende Fotografen, unfein transpirierende PR-Damen, die obligatorische Phalanx aus hochgehaltenen iPhones und so weiter. Aber im Auge des Sturms, also um die Designerin herum, geht es so vertraut und ausgelassen zu wie bei einem Mädelstreffen im Pub.

Isabelle Huppert herzt "Stella, ohhh . . !" so inbrünstig, dass es beinahe nicht nach Schauspielerei aussieht. Amber Valletta, das immer noch spektakulär schöne Supermodel der Neunziger, flüstert ihr ein intensives "I love you" ins Ohr. Kristin Scott Thomas gratuliert kernig mit Handschlag und erzählt anschließend jedem, der sie fragt, was ihr besonders gut gefallen hat: "Alles. Die Schnitte, die Stoffe, dass man sich in ihren Kleidern bewegen kann." Vier McCartney-Kinder stolpern irgendwo umher, Nanny im Kielwasser. Und im angrenzenden Salon, riesige Fensterfront, spektakulärer Blick auf die Place de l'Opéra, steht ein älterer Herr im Dreiteiler weitgehend unbeachtet rum.

Wenn man den Erfolg von Stella McCartney in einem Bild zusammenfassen müsste, dann wäre es das von Sir Paul, der bei einem 600-Zuschauer-Event aus purer Langeweile Selfies mit dem Kellner macht.

Die Kollektion wird es nicht in die Schlagzeilen schaffen und schon gar keinen neuen Hype begründen. Sie hat die Mode nicht mal unbedingt vorangebracht. Es waren einfach nur sehr gut durchdachte Kleider für die Frau von heute. Auf der einen Seite: gesteppte Bomberjacken, weite Wollhosen mit hohem Bund und kuschelige Strickkleider mit Schwanenmuster, in die man sich bestimmt nicht reinhungern muss. Auf der anderen Seite: Lingerieteile, Plisseehosen, schimmernde Metallicröcke. Dies alles wild durcheinander kombiniert. "Ich fand den Unterschied zwischen Tag- und Abendmode schon immer mühsam", sagt Stella McCartney. "Wer hat schon Zeit und Lust, sich nach der Arbeit noch groß umzuziehen? Idealerweise ist es doch so: Du reißt den Pulli runter, klippst einen Ohrring an, fertig."

Der Gegenentwurf ist später bei Valentino zu besichtigen: eine ganz und gar vom Ballett inspirierte Kollektion, bis rauf zum betonierten Haardutt. Neben ein paar coolen Mänteln und Rollkragenpullis sieht man hier vor allem hauchzarte Kleider in Schwarz und Altrosé, hohe Taille, weit schwingender Rock, Plissees, Volant- Kaskaden - oder gleich das Tutu, mit Kristallen bestickt. Dazu an den Füßen selbstverständlich Ballerinas mit Valentino-Nieten. Das ist wieder mal hinreißend schön, und man gönnt es dem sympathischen Designer-Duo, dass der Umsatz jüngst die Eine-Milliarde-Dollar-Marke gerissen hat. Aber: Welche Frau jenseits der dreißig und ohne Ballerinenkörper kann diese Kleider tragen, ohne verkleidet darin auszusehen?

Die Kernfrage in der Front Row lautet: "Gibt's was Neues, was ich schon mitgekriegt habe, aber meine Putzfrau noch nicht?"

Die Mode bräuchte mehr Designerinnen wie McCartney (überhaupt mehr Designerinnen!), die sich der Schönheit verpflichtet fühlen und dabei niemals aus dem Auge verlieren, dass Frauen keine rosa Elfen sind, sondern Kinder kriegen und Jobs. Dass sie nicht mehr in erster Linie den Männern gefallen müssen, sondern sich wohlfühlen wollen in ihrem Leben, in ihren Kleidern. Eine Front Row, die exakt das abbildet, wäre ein feministischer Traum. Aber so funktioniert die Branche nicht.

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Ian Langsdon/dpa

So sollte, geht es nach den Pariser Designern, der kommende Winter aussehen: Louis Vuitton zeigt glänzenden Futurismus.

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Martin Bureau/AFP

Gobelinmantel von Miu Miu.

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imago/Starface

Stella McCartney mixt Tag- mit Abendmode.

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Patrick Kovarik/AFP

Tweed und Perlen bei Chanel.

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Martin Bureau/AFP

Hedi Slimane zeigt seine Version von Saint Laurent Couture.

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Pascal Le Segretain/Getty Images

Bei Valentino stehen die Zeichen auf Ballett.

Die Kernfrage in der Mode lautet: "Gibt's was Neues?" Die Kernfrage in der Front Row lautet: "Gibt's was Neues, was ich schon mitgekriegt habe, aber meine Putzfrau noch nicht?" Die aktuelle Antwort: goldener Faltenrock, himbeerrote Wildlederpumps mit Fransen, Tasche mit barocker Silberschließe und grün-rot-grünem Trageriemen. Also Gucci (begann letzte Saison, boomt jetzt, ist nächste Saison praktisch tot, weil die Putzfrau auf Instagram ist und das Zeug längst bei H&M shoppt). Oder die Patchwork-Jeans und Blümchenkleider von Vêtements (beginnt jetzt so richtig, kommt nächste Saison gewaltig, kann danach keiner mehr sehen). Das großartig Lustige ist: In ihrem Bemühen, sich vom Mainstream abzuheben, hockt die erste Reihe in Paris wieder nahezu uniform da. Und hat ein Vermögen dafür ausgegeben!

Trends sind in der von Instagram gepowerten Welt inzwischen schneller vorbei, als Karl Lagerfeld "Chanel" nuscheln kann. Das hungrige Tier namens Mode muss permanent gefüttert werden, und nichts liebt es mehr als Überraschungen. Wie wäre es also damit: Saint Laurent Couture.

Es ist diesmal alles anders bei der Show von Hedi Slimane. Sie findet erstmals im neuen Firmenquartier in Saint Germain statt, blendend weiße Räume, die Gästeliste auf 150 Seelen runtergedimmt. Gezeigt werden nicht mehr als 42 Looks, einzeln angesagt wie in den Dreißigerjahren. Das Verrückteste: Es gibt keine Musik. Bei Slimane, muss man wissen, hat alles immer mit Musik zu tun - keine Saint-Laurent-Show, bei der er seinen Gästen nicht einen giftigen Punksong vor den Latz geknallt hätte. Die Kleider wiederum sind unverkennbar er, wenn auch im Couture-Modus. Eine Achtzigerjahre-Offensive: riesige Schultern, winzig kurze Röcke und klaftertiefe Dekolletés, von übergroßen Schleifen eingerahmt; in der Taille ein mindestens handbreiter Lackgürtel. Großer Applaus, der aber vielleicht auch schon die Abschiedsfanfare ist.

Ob das Haus tatsächlich eine Couture-Linie aufbauen will, ist noch nicht raus. Ob es seinen Designer behält, erst recht nicht - in Paris glauben viele zu wissen, dass sein Abgang längst entschieden ist. Für den Mutterkonzern Kering wäre das eine veritable Katastrophe. Denn so unverschämt der Mann auch auftrat (Tilgung des "Yves" aus dem Firmennamen; Atelier in Los Angeles; doofe Modechefinnen in die zweite Reihe, coole Rock'n'Roll-Freunde in die erste), so sehr er die Gralshüter unter den Kritikern mit seinen kommerziellen Looks erzürnte: Am Ende war er ein Goldjunge. Der Umsatz hat sich seit Slimanes Debüt vor vier Jahren sage und schreibe verdreifacht. Und die Leute kaufen nicht nur die Schuhe und Taschen. Sie kaufen die von der Kritik gehassten Kleider, ätsch.

Während die Saint-Laurent-Mädchen die weiße Marmortreppe runtersteigen, rast das jüngste Gerücht durch Paris: Hedi geht zu Chanel! Karl zeigt morgen seine letzte Kollektion, in einem Kulissen-Medley seiner größten Shows! OMG! Woran man sieht, dass es bei dieser Modewoche nicht wirklich um Kleider geht, sondern um Personalien. Und dass alle gerade dabei sind, im großen Stil durchzudrehen.

Denn am nächsten Morgen ist natürlich alles wie immer: Zweitausend Menschen und Pharrell Williams steigen die Treppe zum Grand Palais hinauf, bekommen ihr Tütchen mit Chanel-Kosmetik in die Hand gedrückt und beginnen unverzüglich, das Netz mit Fotos vom Set zu überschwemmen. Ein Couturesalon diesmal: cremefarbener Teppich, verspiegelte Säulen und Kassettentüren und Labyrinth an goldenen Stühlchen; alle sitzen in der ersten Reihe, können also noch schönere Bilder posten. Die Kollektion feiert das Erbe von Coco und in einem Satz zusammengefasst: Wir brauchen alle unser Tweedkostüm und eine fünfreihige Perlenkette, n'est-ce pas?

Beim Finale ist kaum zu übersehen, dass Karl Lagerfeld, 82 Jahre, davon 32 bei Chanel, nicht mehr besonders gut zu Fuß ist. Aber er hat einen Vertrag auf Lebenszeit und verdient für die Besitzerfamilie Wertheimer nach wie vor sensationell viel Geld. "Warum sollte ich aufhören zu arbeiten? Wenn ich das mache, sterbe ich, und dann ist alles vorbei." Hat er vor vier Jahren der Vogue gesagt. Warten wir's ab.

Jenseits der Personaldebatten wurde übrigens tatsächlich noch Mode gemacht in Paris. Mode für die Stella-McCartney-Frau und Mode für Kim Kardashian. Olivier Rousteing formt bei Balmain eine ganze Kollektion um ihren berühmten Hintern herum, birnenförmige Wildleder-Minis, in die Kim aber niemals reinpassen würde, weil die dazugehörige Corsage einen Taillenumfang von maximal 50 Zentimetern hat. Dafür kann der angereiste Kardashian-Clan auf dem Laufsteg ihre Schwester Kendall Jenner bewundern, die bei allen großen Schauen läuft. Kein Wunder, denn sie bringt ganz alleine 51 Millionen Zuschauer mit. So viele folgen ihr auf Instagram.

Raubtierhosen bei Dries Van Noten.
Raubtierhosen bei Dries Van Noten. Ian Langsdon/dpa

Samt war lange verpönt und erobert jetzt den Laufsteg, flankiert von Gold und Brokat. Das ist die alte Sehnsucht nach aristokratischer Grandezza

Nun aber ganz im Ernst: Gibt's was Neues? Kommt drauf an. Der Streetwear-Trend zum Beispiel ist nicht neu, aber umfassender denn je. Reine Abendmode traut sich hier fast keiner mehr - sogar Elie Saab, König des roten Teppichs, zieht einem seiner Mädchen (wieder Kendall Jenner) eine Bikerjacke übers Batikkleid. Außerdem: Kaum eine Kollektion kommt noch ohne Leo-Muster und Zebra-Streifen aus, siehe ganz besonders Akris und Givenchy, Rot wird groß, Volumen sowieso, die Kreativen haben lange nicht mehr so viel Stoff verarbeitet wie für den kommenden Winter. Sollten die breitschultrigen Vêtements-Tops und Kenzo-Jacken am Ende auch tatsächlich getragen werden, haben nächste Saison in der Front Row nur noch halb so viele Leute Platz.

Dann gibt es noch ein Material, das in der Mode lang verpönt war und jetzt mit einem Schlag die Laufstege erobert, und es ist tatsächlich Samt. Er wird flankiert von schwerem Brokat, viel Gold und Tweedstoffen aus der Herrenmode und steht wohl für eine rückwärtsgewandte Sehnsucht nach aristokratischer Grandezza. Bei Dries van Noten kommen diese Frauen ganz düster und maskulin daher mit ihren Streifenhosen, Cricketjacken und wuchtigen Pelzkragen, unter denen die Krawatte hervorblitzt. Bei Miu Miu tragen sie Rautenpullis und Gobelinmäntel zur burgunderroten Samttasche. "Adel und Elend", sagt Miuccia Prada nach der Show. "Diese Frauen ziehen einfach das an, was noch übrig ist. So, und jetzt beantworte ich keine Fragen mehr, weil die Fashion Week vorbei ist. Basta, es reicht!"

Es reicht wirklich. Aber an Louis Vuitton kommt man trotzdem nicht vorbei. Nicolas Ghesquière zeigt die stärkste Kollektion seit seiner Antrittsshow vor drei Jahren, in einem funkelnden Set. In Zahlen: 80 Tonnen Material, von 120 Lastern in den Bois de Boulogne zur Fondation Louis Vuitton gekarrt. 200 000 winzige Spiegel, auf 54 Säulen von Hand aufgeklebt. Für ein Defilee von 20 Minuten. Wahnsinn. Durch dieses bizarre Spiegelkabinett laufen die Models wie Figuren aus dem Cyberspace, mit radikal modernen Looks. Alles kommt da zusammen, Lack und Leder, Seide und Wolle, Grafisches und Geblümtes, Starkes und Feminines, Futurismus und Sport. Man kann das unentschieden finden. Man kann aber auch finden, da war für jede was dabei.

Drinnen Jubel, draußen Regen von der Seite. Während sich an einem anderen Ort der Stadt 120 Laster in Bewegung setzen, um den Krempel wieder abzutransportieren, ruinieren sich die Damen ihre brandneuen LV-Pumps im Matsch. Aber macht nichts. Übermorgen hätten die auch schon wieder ganz schön alt ausgehen.

© SZ vom 12.03.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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