Fashion Week Berlin:Models, Partys und die Frage nach der Wurst

Fashion Week Berlin: Backstage im letzten Jahr: Ein Model wird für die "Designer for Tomorrow"-Show vorbereitet, bei "Dorothee Schumacher" warten die Models Backstage und Rike Feurstein kürt den Hund zum Trendaccessoire.

Backstage im letzten Jahr: Ein Model wird für die "Designer for Tomorrow"-Show vorbereitet, bei "Dorothee Schumacher" warten die Models Backstage und Rike Feurstein kürt den Hund zum Trendaccessoire.

(Foto: Getty Images)

Wer macht was bei der Fashion Week? Warum gucken alle so müde? Und wo gibt es Schmuck, der Kalorien zählt? Ein A bis Z zu den Schauen in Berlin.

Von Felicitas Kock, Berlin

Was kommt nach der Show? Richtig, die Aftershow-Party. Die Designer baden im Meer ihrer Bewunderer, die Bewunderer baden im Gratis-Alkohol. Meist schweben ein paar Models durch die Räume, überhaupt sind alle sehr schön, sehr extravagant und sehr beschäftigt damit, sich gegenseitig zu ->begrüßen. Am nächsten Morgen sitzt das Modevolk mit frisch abgepuderten Augenringen wieder am Laufsteg und wartet darauf, dass Kopfschmerztablette und Kontersekt wirken. Oder Koks, je nach Lebensstil.

Besonders gefragt ist die Fähigkeit, andere mit viel Tamtam zu begrüßen. Wer sich mit einem schnöden "Hallo" begnügt, hat nicht verstanden, um was es hier geht. Ums Auffallen, um die Show - nicht nur auf dem Laufsteg, sondern auch daneben. Da wird gewunken, gebusselt und gekreischt, damit auch der letzte begreift, dass der Moritz von der Modezeitschrift gerade die Jane-Olivia aus dem PR-Team von Guido Maria Kretschmer getroffen hat. Das Ritual wird bei jedem Treffen wiederholt, auch wenn man sich zwei Stunden zuvor schon in der zweiten Reihe bei ->Marina Hoermanseder um den Hals gefallen ist.

Chiara Ferragni, Idol aller Modebloggerinnen, weilt lieber in Mailand als in Berlin. Dafür kommen viele ihrer Verehrerinnen in die Hauptstadt. Blogger, Instagram- und Snapchat-Stars sind fester Bestandteil der Fashion Week. Wer sich bereits einen Namen gemacht hat, wird von Designern wie Sponsoren hofiert. Das Heer der kleinen Bloggermädchen dagegen muss bei den Shows oft draußen bleiben.

Wer die Fashion Week eröffnet, bekommt immer ein bisschen Extra-Aufmerksamkeit. Oft handelt es sich um Newcomer, diesmal geht eine echte Grande Dame der deutschen Mode an den Start: Dorothee Schumacher, die ihr gleichnamiges Label 1989 gegründet hat und seit 2009 bei der Berliner Fashion Week vertreten ist.

Eco-Fashion überall: Wo einst ein paar erdfarbene Jute-Kollektionen ein Nischendasein fristeten, geht es heute schick und betriebsam zu. 178 Labels präsentieren sich bei den beiden Veranstaltungen für ethisch und ökologisch korrekte Mode: Für den Greenshowroom und die Ethical Fashion Show bedeutet das einen Ausstellerrekord. Auch auf dem großen ->Laufsteg wird Nachhaltigkeit immer mehr zum Thema.

Du bist, wo du sitzt: Wer einen Platz in der Front Row bekommt, darf sich wichtig fühlen. Hier lassen sich Schauspielerinnen, Ex-Models, Fußballerehefrauen, weitere ->Promis und wichtige Blogger nieder. Von hier lassen sich außerdem die besten Fotos für ->Instagram schießen und die Chance auf eine ->Goodie Bag ist besonders hoch.

Auch die reichste Fashionista ist sich nicht zu schade, um ihre Goodie Bag zu kämpfen. Dabei ist der Inhalt in 90 Prozent der Fälle unspektakulär: hier ein Nagellack, da ein Haarspray, dort eine kleine Flasche Sekt. Dazu kommt die Info-Mappe zur Kollektion, die eigentlich nie jemand liest. Trotzdem geht von den Taschen eine Anziehungskraft aus, die an Herr der Ringe erinnert ("mein Schatz"). Wer eine Tüte bekommen hat, muss gut darauf aufpassen, sonst hat die Nachbarin plötzlich zwei ("Die standen beide bei mir"). Gleichzeitig tun natürlich alle, als wären ihnen die Goodie Bags völlig egal.

Die zwei wichtigsten Mode-Exporte aus Österreich sind die Designerinnen Lena Hoschek und Marina Hoermanseder. Erstere ist für ihre femininen Kleider mit schönen Dekolletés und schwingenden Röcken bekannt, außerdem für ihre guten ->Goodie Bags. Letztere für den künstlerischen Einsatz von Leder, Schnallen und Korsetts. Für das großzügige Verteilen von Manner-Schnitten. Und die extrem hohen Heels, in denen sie ihre Models über den Laufsteg quält.

Die Körperhaltung der Fashion-Week-Besucher hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Früher saßen alle und guckten, heute halten alle den rechten Arm in die Höhe, um Fotos und Videos für Instagram und Snapchat aufzunehmen. Die Schauen und das komplette Drumherum werden quasi live in die Welt getragen. Das bedeutet nicht nur eine Armstarre für die Besucherinnen, sondern auch ein viel größeres Publikum und damit neue Vermarktungsmöglichkeiten für die Designer - plus einen gewissen Druck, die Entwürfe schneller in die Läden zu bringen (->see now, buy now).

In diesem Januar findet die Fashion Week nicht in einem Zelt am Brandenburger Tor statt, wie in früheren Jahren. Sie ist auch nicht im alten Eisstadion untergebracht, wie im Sommer - sondern im Kaufhaus Jandorf in Mitte. Das Gebäude wurde 1904 als Kaufhaus errichtet, zu DDR-Zeiten zog das "Haus der Mode" ein, danach gab es dort regelmäßig Ausstellungen, Kunstprojekte - und jetzt zum ersten Mal den ganz großen Modezirkus.

In Fashion-Week-Zeiten ist sie im Dauereinsatz: Franziska Knuppe. Die gebürtige Rostockerin läuft entweder selbst über den ->Laufsteg oder sitzt in der ->Front Row und beklatscht ihre Kolleginnen. Zwischendurch taucht sie auf diversen Partys und Empfängen auf. Trotz jahrelangen Modewochen-Trainings bleibt unklar, wie die 42-Jährige das macht. Über geheime Fähigkeiten zur Vierteilung wird gemunkelt.

Unisex und Yeah-Momente

Einen klassischen Laufsteg gibt es bei der Fashion Week nur noch am Hauptveranstaltungsort. Er wird von einem dünnen Teppich bedeckt, den zwei Männer im Laufschritt wegpacken, sobald das Publikum sich hingesetzt hat. Nicht auszudenken, würde jemand seinen schneematschigen Schuhabdruck auf dem Runway hinterlassen. Findet die Schau nicht im Kaufhaus ->Jandorf statt, werden die Models über Fischgrätparkett, Industrieteppich, Treppen und Brücken geschickt. Wer bei Heidi Klum war (und die Zahl der ehemaligen GNTM-Kandidatinnen bei den Schauen wächst), ist zumindest vorbereitet.

Normalerweise gehört die als "Stylenite" bekannte Show von Designer Michael Michalsky zu den Höhepunkten des Fashion-Week-Programms. Im Sommer zeigte er seine Kollektion in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt. Aktuell müssen die Fans des gepflegten Größenwahns stark sein: Michalsky, der zuletzt bei Heidi Klum in der Topmodel-Jury saß, hat leider keine Stylenite für Berlin.

Die Fashion Week ist mehr als das, was im Kaufhaus ->Jandorf stattfindet. Rundherum haben sich eine ganze Reihe Nebenschauplätze etabliert. Da sind die Veranstaltungen für Eco-Fashion, außerdem die Fachmessen Premium, Panorama, Show&Order, Bright und Seek. Insgesamt gibt es zwölf Messen und Modenschau-Plattformen, auf denen sich etwa 200 000 Einkäufer und Fachbesucher über die Trends der nächsten Saison informieren.

Bye, Bye, Augustin Teboul! Das Label der beiden Französinnen Annelie Augustin und Odély Teboul gehörte lange Zeit zu den Lieblingen des Berliner Fashion-Week-Publikums. Jetzt haben sich die Designerinnen beruflich getrennt. Wobei Teboul bereits die Rückkehr mit einem eigenen Label namens Lou de Bètoly angekündigt hat. Das Motto klingt vielversprechend: "Wild at heart - she is an aristocratic punk."

Sie werden vor den Schauen von den Designern eingekleidet und dürfen in der ->Front Row platz nehmen: Prominente aus Film und Fernsehen, aus Kino und Reality-TV. Größere Marken werben vor der Show mit ihrer illustren Gästeliste. Dass ein Teil dieser Liste teuer bezahlt wurde, um der Veranstaltung Glanz zu verleihen, ist ein offenes Geheimnis. In den hinteren Reihen wird dann oft getuschelt: "Guck mal, da ist Heike Makatsch" oder "Hatte Fritzi Haberlandt nicht vorhin noch was anderes an?" Handelt es sich eher um C-Prominenz, geht das Rätselraten los, bis sich jemand erbarmt, den Cast der neuesten Sat.1-Soap zu googeln.

Man könnte seine Kollektion einfach auf dem ->Laufsteg im Kaufhaus ->Jandorf präsentieren. Aber dann wäre man wie alle anderen. Ein Designer, der etwas auf sich hält, wählt eine Lagerhalle, einen verruchten Nachtclub oder zumindest ein altes Kino. Das führt dazu, dass sich der Fashion-Week-Tross alle zwei Stunden quer durch Berlin bewegt und der halben Stadt auf die Nerven fällt.

Wer sieht, wie perfekt die meisten Models über den Laufsteg schreiten, kann sich kaum vorstellen, wie viel Rumgezuppel hinter den Kulissen stattfindet. Bis zur letzten Sekunde vor dem Auftritt werden Lidstriche korrigiert, Gürtel hinzugefügt, Capes abgelegt. Außerdem kommt es schon mal vor, dass zu wenig Schuhe da sind und Models, die ihren Walk hinter sich haben, ihre High Heels ausziehen und weiterreichen müssen. Oft knien hinter der Bühne noch Angestellte der Designer auf dem Boden, um letzte Pailletten anzunähen oder mal eben ein Kleid zu kürzen. Unerlässlich ist außerdem die Bügelmaschine.

Ein paar Modeleute versammeln sich um einen Laufsteg, später berichten ein paar Modemagazine - mehr drang von den Fashion Weeks früher nicht nach draußen. Wen kümmerte es da, dass im Januar nicht die Kollektionen für den anstehenden Sommer vorgestellt wurden, sondern erst die für den nächsten Herbst? Richtig: niemanden. Durch ->Instagram und Snapchat ändert sich das. Viel mehr Menschen bekommen mit, was auf den Laufstegen läuft - und sie wollen es nicht irgendwann haben, sondern gleich. Viele Designer brechen daher mit alten Prinzipien und versuchen es mit "See now, buy now": Die präsentierten Kollektionen kommen unmittelbar danach in die Läden und den Online-Handel.

Sehr selten, aber beim Publikum überaus beliebt, sind lebendige Tiere auf dem ->Laufsteg. Im Januar 2015 etwa wurden die Männermodels in einer Show der Designerin Rike Feurstein von Hunden begleitet. Dalmatiner und Pudel liefen brav nebenher. Nur ein Mops wehrte sich so vehement gegen das Schaulaufen, dass das Model ihn schließlich unter den Arm klemmte.

Unisex ist der große neue Trend bei den internationalen Modenschauen. Immer mehr Designer zeigen ihre Kollektionen für Männer und Frauen gleichzeitig in einer Show. Die Entwürfe werden entgendert - oder bewusst verdreht. Wie etwa bei Vivienne Westwood, die in London ein Männermodel im Tüllkleid über den Laufsteg schickte. Ob Berlin mitzieht, bleibt abzuwarten.

Die Modezeitschrift Vogue ist bei der Fashion Week omnipräsent - und das nicht nur als Medium. Chefredakteurin Christiane Arp hat 2011 ein Nachwuchsförderungsprogramm initiiert: Der Vogue Salon soll Designtalenten bei den ersten Schritten helfen und damit gleichzeitig den Modestandort Berlin fördern.

Bei den Modenschauen anderswo mag es kulinarisch eleganter zugehen, in Berlin wird in den Lounges für geladene Gäste Wurst serviert. Currywurst versteht sich.

Die Größe XL sucht man auf den Laufstegen vergebens. Der Trend geht nach wie vor zur superdünnen Taille. Am merkwürdigsten wirkt das, wenn die Mode, die auf diese Weise präsentiert wird, besonders feminin aussehen soll. Die Modemesse "Curvy is sexy" für große Größen, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat, wurde schon im Sommer 2016 abgesagt, weil sich zu wenige Aussteller angemeldet hatten.

Immer spannend zu beobachten ist der Yeah-Moment nach der Show. Nachdem auch das letzte Model verschwunden ist, tritt der Designer auf den Laufsteg und bedankt sich seiner Persönlichkeit entsprechend für den Applaus des Publikums: Manche huschen mit einem schüchternen Winken vorbei - andere laufen winkend den Laufsteg hinauf und wieder hinunter.

Die Fashion Week zeigt, in welche Richtung die Mode in der übernächsten Saison gehen wird. Die Fashiontech blickt ein Stück weiter in die Zukunft. Die Konferenz findet in diesem Januar zum vierten Mal statt. Im Kühlhaus am Berliner Gleisdreieck werden dann wieder leuchtende Kleider präsentiert oder Schmuckstücke, die auf Anrufe hinweisen oder Kalorien zählen. Klingt abgefahren, die Teilnehmer sind sich aber sicher: In Zukunft wird Technologie in der Mode eine immer größere Rolle spielen.

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