Süddeutsche Zeitung

Ladies & Gentlemen:Das neue Verhüllungsgebot

Die Met-Gala in New York ist das Kostümspektakel das Jahres. Zwei monochrome Schleier-Looks sind davon besonders im Gedächtnis geblieben.

Von Julia Werner und Max Scharnigg

Schwarz gehen: Kim Kardashian

Die Met-Gala in New York ist die Mottoparty der Modebranche. Es erschienen hier sogar schon Leute als Kronleuchter! Der Red-Carpet-Auflauf funktioniert so, dass ein Superstar den für seinen Look verantwortlichen Designer meist direkt am Unterarm hängen hat. Das Motto in diesem Jahr: American Fashion. Also kam Kim Kardashian mit Demna Gvasalia, dem todernsten Kreativdirektor von Balenciaga, auf die Party und trug einen Darth-Vader-macht-Pilates-Ganzkörperanzug mit Schleppe, der sogar ihr Gesicht bedeckte. So viel subversive, dunkle Energie wurde natürlich gleich lang und breit in allen Kanälen diskutiert. Eine Art Malewitsch-Move, raunten die einen. Eine Verbeugung vor dem neuen Album ihres Ex Kanye West, philosophierten die anderen. Die Frau lässt sich von ihm ja grade scheiden. Aber wohl nur, weil sie alles Wissen aus ihm herausgepresst hat. Sie weiß jetzt, wie man ein eigenes Label (ihre Unterwäsche heißt Skims) ästhetisch so aufbereitet, dass sie cool ist und nicht nur ein peinliches Promi-Brand. Und sie weiß, wann es soweit ist, den Übergang von der Sexbombe zur Ikone einzuleiten, nämlich um die 40. Zu der Gruppe der Scherenschnittgötter, die man an ihrem bloßen Schatten erkennt, gehören ja nur Größen wie Karl Lagerfeld, Udo Lindenberg oder Otto. Und jetzt eben dieser Körper mit der schmalen Taille und dem riesigen Allerwertesten. Ja, auf diesem Level ist die Kardashian jetzt, und alle anderen Beauties mit ihren flamboyant hochgezurrten Brüsten sind dagegen nur noch Fotoagenturfüllmasse. Übrigens sitzen Kims Unterhosen super und sind wärmstens zu empfehlen.

Rot sehen: Finneas

Bei Festen mit vorgegebenem Motto gibt es traditionell drei Arten von männlichen Gästen. Diejenigen, die sich akribisch bemühen, dem Thema mit ihrem Kostüm zu entsprechen. Das sind eher ängstliche Charaktere, die sich davor fürchten, andernfalls zur Rede gestellt zu werden oder aufzufallen. Dann gibt es die, die nur Kostümfest verstehen und das Motto gleich wieder vergessen. Sie nehmen die Party als Anlass für einen flamboyanten Auftritt und überlassen es den anderen, die Verbindung ihres Outfits zum eigentlichen Thema des Abends zu konstruieren. Und dann gibt es die, die unbeirrt im dunklen Anzug kommen, also weder Kostüm noch Motto beherzigen, sondern einfach nur dem Fest-Aspekt Genüge tun. Alle drei Auslegungen sind statthaft, alle drei Typen waren auch auf der Met-Gala mit ihrem Motto "American Fashion" zu finden - von übertriebenen Jeanswesten-Hobos (U-S-A!) bis zu klassischen Smokingträgern (Mir egal!). Der hier gezeigte Finneas gehört eindeutig in die Riege kreativer Selbstdarsteller mit eher lockerer Themenauslegung - oder wie ist der feuerrote Givenchy-Anzug mit Serviette im Gesicht sonst zu deuten? Eine Referenz an den Desperado im Wilden Westen? Oder doch eine Art Fashion-Torero mit angedeutetem Mundschutz? Es ist jedenfalls ein Auftritt, der trotz der großen Konkurrenz bei der Met-Gala in Erinnerung blieb, und das dürfte für Finneas auch schon das Ziel des ganzen Abends gewesen sein. Schließlich steht der Musiker und Schauspieler bisher modisch und auch sonst eher im großen Schatten seiner kleinen Schwester Billie Eilish. Die kam wiederum als Marilyn Monroe - ist also eindeutig Kostümfest-Typ Nummer Eins.

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