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Extra Vergine Olivenöl:Extra Vergine muss ein paar Dutzend Vorgaben erfüllen

Sicher, es werden neue Olivenplantagen angelegt, von Amerika bis Australien, aber grundsätzlich werden nur um die fünf bis acht Prozent der Ernte zu Extra Vergine verarbeitet. Zu einem Öl also, das laut EU-Vorschriften nur mechanisch und bei einer Temperatur von höchstens 27 Grad extrahiert werden darf und das einen bestimmten, sehr geringen Säuregrad nicht überschreiten darf. Öl, das diese und ein paar Dutzend weitere Vorgaben nicht erfüllt, darf sich nicht so nennen. In der untersten Kategorie heißt es: Lampate, Lampenöl.

Zumindest ist das die Theorie. Die Praxis funktioniert nach der alten Regel: Was selten, teuer und begehrt ist, lädt zu Betrug, zum Panschen und zu anderen Tricksereien ein. Und so kommt es, dass es so etwas wie eine Olivenöl-Mafia gibt. Extra Vergine wird aus so ziemlich allem gemacht, was möglich ist. Es fängt damit an, dass in den meisten italienischen Extra-Vergine-Ölen gar nicht so viel Italien drin ist. Denn in der Ortsbezeichnung muss nur der Ort der Abfüllung angegeben werden - was dazu führt, dass tonnenweise griechisches, türkisches oder nordafrikanisches Öl dazugemischt wird. Was an sich nicht schlimm wäre, handelte es sich um echtes Extra Vergine. Das ist aber oft nicht so.

2005 beispielsweise knackten Carabinieri einen Fälscherring, der über ganz Italien agiert hatte, und konfiszierten hunderttausend Liter gefälschtes Öl - das mit billigem Soja- und Canolaöl vermischt und mit industriellem Chlorophyll schön grün gefärbt und mit Beta-Carotin geschmacklich aufgehübscht worden war. Geschätzter Wert: Sechs Millionen Euro. Ein findiger italienischer Unternehmer schickte seine Einkäufer nach Tunesien, in die Türkei und Spanien, von wo sie günstiges Haselnussöl oder minderwertiges Olivenöl nach Hause schickten. Es gibt die kleinen Fälscher, die ihr Produkt mit gewöhnlichem Öl dressieren - und Hightech-Labore, in denen gewiefte Chemiker am Werk sind. "Olivenöl gehört zu den Lebensmitteln in der EU, die am häufigsten verfälscht werden", schreibt Mueller.

Das Absurde an dieser Situation: Viele der kleinen, feinen Olivenbauern stehen immer knapp vor dem Ruin. Denn vor allem die Ernte ist extrem arbeitsintensiv - für wirklich gutes Öl müssen die Oliven gepflückt werden, sie dürfen keine Schadstellen haben, später kann jede noch so kleine Unterbrechung der Kühlkette das Öl zerstören. Haben Sie Ihr aktuelles Öl auch bei der netten Bäuerin in Apulien gekauft, in der kleinen Bretterbude im Olivenhain? Da, wo vorher die Sonne stundenlang auf die durchsichtigen Glasflaschen geknallt ist? Vergessen Sie's. Und investieren lieber in den echten Stoff. (weitere Tipps auf Tom Muellers website)

© SZ vom 20.10.2012/mkoh
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