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Etiketten von Weinflaschen:Auf vino veritas

Ist Wein nur noch Design? Der Inhalt wurscht? Für diese Fragen hat die SZ einmal streng nach Etikett eingekauft. Ausgewählt wurden die Flaschen, die den Kunden am lautesten anschrien. Bedingung: Der Preis sollte ungefähr zwischen fünf und zehn Euro liegen. Aufkleber und Inhalt in der Analyse.

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"Klassik am Odeonsplatz" in München, 2012

Quelle: Robert Haas

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Jetzt mal ehrlich: Nach welchen Kriterien erfolgte der letzte Weinkauf? Genau, so war es: Freitag, 17.30 Uhr, vor dem Getränkeregal vom Dingensmarkt, der nur ausgewählt wurde, weil er auf dem Weg lag und man auch Zahnpasta und Milch brauchte. Die Gäste kommen in zwei Stunden, Kaltstellen wird also knapp, was für Roten spricht, geht aber nicht, denn es gibt Fisch.

Was hatten Bernd und Gabriele empfohlen? Klang wie Cabernet oder Kabinett. Egal. Wer jetzt zwei Euro mehr ausgibt als sonst, kann ja nirgends so richtig verkehrt liegen. Es ist eh alles entschieden: Die Zeit drängt, und die schlanke Flasche mit dem edlen Etikett in Preußischblau passt perfekt zu Zander mit Sellerie-Mus.

Kundin bei Feinkost Dallmayr, 2010

Quelle: Robert Haas

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Das Etikett. Seit gut 6000 Jahren ist es jetzt Thema, und eigentlich dient es der Information. Schon die Sumerer klebten Rollsiegel an ihre Gefäße, um über den Inhalt aufzuklären; Griechen und Römer ritzten allerlei zu Sorte oder Herkunft in die Amphore, und mit der Erfindung der Lithographie um 1800 kam erstmals bedrucktes Papier auf den Flaschenbauch.

Für knappe 200 Jahre war das Bapperl dann vor allem in Deutschland eine Art Infotafel, deren in Fraktur gestanzte Verordnungshinweise italienischen oder französischen Rieslingtrinkern Kopfweh verursachten. Der Wendepunkt: Als das australische Label Yellow Tail um die Jahrtausendwende ein gelb-oranges Känguru auf seine Weine knallte, war der europäische Kunde nicht mehr zu halten (Tiere gehen immer), und das Marketing entdeckte eine neue Spielwiese: Das Etikett, das seit seiner Yellow-Tailisierung gar nicht funky genug sein kann und bei Kunden am Weinregal inzwischen Synapsenbrand verursacht.

Das Etikett, heißt es bei Fachleuten, sei - mit dem Gesamtdesign - bei Kunden ohne konkrete Vorstellungen heute extrem wichtig. Längst haben Experten die Weine verschiedenen Verpackungstypen zugeordnet. Und einer Studie zufolge spielt das Bild auf dem Etikett, vor Farbe und Layout, für den Verkauf eine zentrale Rolle, auch wenn Käufer in Umfragen das Gegenteil behaupten. Klar, wer sagt schon gern, dass er seinen Shiraz wegen des Kängurus auf dem Bapperl trinkt?

Ist Wein nur noch Design? Der Inhalt wurscht? Für diese Fragen hat die Freitagsküche in zwei besseren Weinabteilungen (Gourmetetage eines Kaufhauses sowie Premiumfiliale einer gehobenen Supermarktkette) einmal streng nach Etikett eingekauft.

Ausgewählt wurden zwölf Weine, die aus den leidlich gut sortierten Ladenregalen hervorstachen. Vulgo: die Flaschen, die den Kunden am lautesten anschrien. Bedingung: Der Preis sollte ungefähr zwischen fünf und zehn Euro liegen. Denn in dieser Preisklasse, so hieß es bei der Weinberatung, seien Käufer besonders anfällig für Äußerlichkeiten. Motto: Es darf heute etwas Besseres sein, und wenn wir keine Ahnung haben, geben wir das nicht zu.

Die Etiketten legte die Redaktion dann SZ-Autoren zur Zielgruppenanalyse vor, die Weine wurden von Spitzensommelier Stefan Peter getestet. Und was lernen wir daraus? Zwischen den Antworten auf die beiden Fragen "Was ist drauf?" und "Was ist drin?" besteht keinerlei Zusammenhang. Wer über eine Flasche urteilen will, erfährt einmal mehr: Die Wahrheit liegt im Wein allein. Prost!

Text: Marten Rolff

Stefan Peter, 30, der die Weine für die Freitagsküche testete, ist Sommelier im Münchner Gourmet-Restaurant Tantris. Wann er zuletzt einen Wein nach Etikett gekauft hat? "Lachen Sie nicht", sagt Peter, "aber auch Profis sind optisch verführbar."

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Quelle: Stephan Rumpf

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Etiketten von Weinflaschen:Der Psychedelische

Was ist drauf?

Die Wolke pustet, damit der Schmetterling vorankommt, die Biene fliegt mit dem umweltfreundlichen Korb zur Blume, und die Libelle bleibt kurz in der Luft stehen, bis sie sich geeinigt haben, wer zuerst auf die Blüte darf. Mond und Sonne sind gleichzeitig zugegen, die Sterne auch, drei insgesamt; im Erdreich tanzen Emoticons um farbige Kandinskyformen. Unter der Wurzel des Rebstocks ist eine Art Jerusalem aufgebaut, die Würmer hüten ihr Kind, und wenn man eine Flasche Krug'schen Hof auf ex runtersäuft, ist alles, was auf dem Etikett abgebildet ist, auch mit geschlossenen Augen zu sehen.

Text: Hilmar Klute

Was ist drin?

Krug'scher Hof, Riesling Kabinett feinherb, 2011, 8,99 Euro: "In der Nase ist eine schöne, klare Rieslingfrucht spürbar. Jeweils ein wenig weißer Pfirsich und grüner Apfel, nicht unreif. Schon am Aroma lässt sich die Traubensorte erkennen, was gut ist. Am Gaumen ist er frisch und klar. Ganz sauber. Wirklich gut gemacht. Hat ein wenig CO2 von der Gärung übrig, was ihm Frische mitgibt. Er hat eine Säure, die ihn lebendig macht, und eine schöne Balance am Gaumen. Weder zu süß, noch zu sauer, noch plump. Ein ziemlich guter Einsteiger-Riesling, der sicher auch nach dem dritten Glas kein Sodbrennen verursacht."

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Quelle: Stephan Rumpf

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Etiketten von Weinflaschen:Der Entschlossene

Was ist drauf?

Ich! Bin! Ein! Wein! Diskutiert wird nicht, und schon gar nicht nach Hanglage und Temperierung gefragt - dieser Tropfen ist einer für Entscheider. Zweifel am Weinregal? Nie! Zögern? Nix da! Beim Ausschenken erst weltmännisch Schwung aus dem Tennisarm holen, dann die Flasche mindestens einen Meter über das Glas halten. Fortgeschrittene lenken dabei die Aufmerksamkeit auf die gerahmten Bilder von der letzten Heliski-Sause in Kanada. Wenn Wein verkleckert - egal. Der Tisch ist eine Sonderanfertigung aus feuerverzinktem Stahl, Untersetzer gibt's nicht. Wer das unfein findet, ist einfach nicht "!" genug.

Text: Anja Perkuhn

Was ist drin?

!Ojo!, Verdejo, 2010, 5,99 Euro: "Einfache Verdejos sind sehr frische, klare Weine und dafür gemacht, jung getrunken zu werden. Wer diesem hier etwas Zeit gibt, riecht schöne Frucht, ein wenig Honigmelone und Wiesenheu. Fehlerfrei. Insgesamt aber zu wenig balanciert. Für die Rebsorte fehlt es ihm an frischer Säure. Hinten raus schmeckt man Bittermandel. Das verspricht theoretisch Langlebigkeit, ist aber bei so einem Wein kein gutes Zeichen und zeugt eher von unreifen Trauben bei der Lese. Das Finale stört sehr: bitter, ein wenig stumpf, fast unsauber. Schade, denn dieser Wein fängt eigentlich sehr schön an."

Was verrät ein Etikett über einen Wein?

Quelle: Stephan Rumpf

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Etiketten von Weinflaschen:Der Schlüpfrige

Was ist drauf?

Geflügelter Faun mit Spock-Ohren befummelt nacktes, feistes Weib im Schritt. Ihre Linke gehört ihm, mit ihrer Rechten umklammert sie eine Flasche Wein. Österreichisches Youporn-Flaschen-Bapperl für die Generation Analog. Gumpoldskirchener Cuvée als Viagra-Alternative. Der Strich der Zeichnung - total retro. Derlei haben Leute in der Wohnung hängen, die seit 40 Jahren Urlaub am Wolfgangsee machen, das Reblaus-Lied von Hans Moser auswendig kennen, altherrenwitzig unterwegs sind und den Namen Ulrich Seidl noch nie gehört haben. Rein optisch eher zum Speiben. Aber Sex sells immer.

Text: Martin Zips

Was ist drin?

Krug, Cuvée Classic, Zweigelt & Blauburgunder, 8,29 Euro. "Der Wein hat eine sortentypische Nase, ich kann Blauburgunder ebenso riechen wie die feine Würze von Zweigelt, was ja grundsätzlich gut ist. Auch die Farbe ist in Ordnung: klar, sauber und brillierend, wenn auch etwas gewollt. Am Gaumen wird er dann leider qualitativ einfach schlecht. Bitter, dumpf und wahnsinnig kurz. Die Frucht hat gar keine Chance, hinter dieser dumpfen Charakteristik hervorzukommen. Denn, bevor sie das jemals schaffen könnte, ist der Wein am Gaumen auch schon weg. Schade. Was bleibt, ist nur ein fahler, bitterer Nachgeschmack."

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Quelle: Stephan Rumpf

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Etiketten von Weinflaschen:Der Selbstironische

Was ist drauf?

Auf den ersten Blick passt hier nichts zusammen. Ein Wein, auf dessen Etikett die Geschichte eines Raben erzählt wird, der sich aus Versehen im Suff erhängt: "'Die Bosheit war sein Hauptpläsier, drum', spricht die Tante, 'hängt er hier'". So viel schwarzer Humor war selten am Flaschenbauch. Was aber haben Zeichnungen von Wilhelm Busch auf portugiesischem Weißwein zu suchen? Richtig: Die Bosheit (der Investmentbanker), der Suff (der Entlassenen), das Ende (des Staates) - da gibt es durchaus Parallelen zum Fall Huckebein. Grund genug unter dem Rettungsschirm noch den einen oder anderen zu heben.

Text: Martin Zips

Was ist drin?

Fabelhaft, Douro Branco, 9,99 Euro: "Der Wein hat einen schönen Duft nach frisch gemähtem Wiesenheu im Spätsommer, dazu reife Marille, Quitte und etwas ganz leicht Rauchiges, fast ein bisschen wild in der Nase. Ein qualitativ blitzsauberes Produkt. Am Gaumen ist er aber am Ende schon recht rass, scharf und zu unruhig. Er baut viel Druck auf, der sich nach hinten raus nicht entlädt. Ein typisches Beispiel dafür, dass man viele Weine heute zu jung trinkt. Wenn der ein halbes Jahr auf der Flasche bleibt, gewinnt er sicher an Balance. Dann ist er ein toller Speisebegleiter, etwa zu Meeresfrüchten in Öl und Knoblauch."

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Quelle: Stephan Rumpf

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Etiketten von Weinflaschen:Der Esoterische

Was ist drauf?

Warum das Etikett eine Hot-Stone-Massage zeigt? Falsche Frage. Wer so verächtlich an die Sache rangeht, dem werden sich die Wunder der Esoterik nie offenbaren. Die Kiesel-Reihe symbolisiert, klar, die Linie ewiger Lebensenergie. Erinnern wir uns richtig, wurde der Wein nicht auf der Internetseite von Uriella empfohlen? Als Belohnungstropfen nach dem Pranisieren? Ausgependelt, mit Bergkristallwasser versetzt und mit Gratishoroskop bei Abnahme von vier Kisten? Serviertipp: Flasche bitte bei Sonnenlicht entkorken und für 30 Minuten auf die Orgonit Energetisierungsplatte (vulgo Edelsteinuhr) stellen.

Text: Marten Rolff

Was ist drin?

Selection Alexander von Essen, Lugana, Sirmione, 8,99 Euro: "In der Nase erinnert nur ein leichter Ansatz an Wein. Frucht riecht man kaum, und die wenige ist unreif. Leichtes Aroma von grünem Steinobst, in Richtung unreife Aprikose. Keine Spitzen. Am Gaumen ist er dann dünn und wässrig. Im Mund passiert gar nichts, außer, dass er hinten raus sauer wird. Auch die Säure ist grün und unreif, was wohl am zu früh geernteten Lesegut liegt. Braucht kein Mensch. Er bestätigt nur, dass beim Lugana leider viel gehypt wird, ohne Qualität hervorzubringen. Ein Modewein. Richtig guter Lugana erreicht Deutschland selten."

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Quelle: Stephan Rumpf

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Etiketten von Weinflaschen:Der Hochprozentige

Was ist drauf?

Man war schon mächtig blau in den Supermarkt gestolpert, es hatte eine kleine Auseinandersetzung mit dem Drehkreuz gegeben, aber dann war man fast geraden Schrittes den vertrauten Weg bis ganz nach hinten gegangen, dritte Reihe, letztes Regal. Man hatte sich gewundert, warum der Fusel auf einmal so billig war und ob das was mit seinem gelblichen Stich zu tun hatte. Draußen dann, im Park, lachten Spritti und die Jungs so laut und hässlich aus ihren ledrigen Gesichtern in die Nachmittagssonne, dass Mütter ihre Kinder fester bei der Hand nahmen. Mensch, sagte Spritti, das ist doch gar kein Wodka.

Text: Cornelius Pollmer

Was ist drin?

Casal Garcia, Vinho Verde, 4,99: "Sogar für einen Vinho Verde ist er erstaunlich farblos, fast durchsichtig. Riecht aber gar nicht schlecht. Klar in der Nase. Suggeriert Frische. Limonig, zitronig, etwas grasig. Und er hält die Frische. Recht hohe Mineralität, in der Preisklasse ein positives Zeichen. Qualitativ also gut gemacht. Fehlerfrei. Im Finale ist dann keine Länge da. Soll er aber wohl auch nicht haben. Für Sommerfeste okay. Junge Frauen bestellen so was gern bei 30 Grad Hitze. Solche Weine sind nicht als Essens-Begleitung gemacht. Absolut jedes Gericht würde diesen Wein geschmacklich völlig verschwinden lassen."

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Quelle: Stephan Rumpf

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Was ist drauf?

Als angehende Akademiker waren sie vom Etikett gleich angetan: "lesegut" steht da, sprachlich fragwürdig, kapiert haben sie es trotzdem. Vier Flaschen also für die WG, dazu Spaghetti mit Pizzatomaten und ein Gespräch über die Luhmann-Vorlesung; "Liebe als Passion" - das hat ihnen echt die Augen geöffnet. Gegen 23 Uhr nimmt einer die Hornbrille ab und hält sich eine leere Flasche vor die Augen, so ein lustiges Zahlenlesespiel gab es seit der Musterung nicht. Ziffern verschwimmen, beginnen sachte zu tanzen, und an den 0,75 Dioptrien liegt das nicht. Aber ach, es ist Dienstag, morgen also eh Wochenende.

Text: Katharina Riehl

Was ist drin?

Lesegut, Cabernet Sauvignon 2011, Navarra, 5,99 Euro: "Der Wein hat ein fast chemisches Rot. Lollipop für Zweijährige. Motto: Muss ich haben, leuchtet so schön! Er riecht wie zu süße Mai-Bowle, aber es gibt ja Rosé-Trinker, die genau das mögen. Aroma von roten Gummibären und Tiefkühlhimbeeren. Am Gaumen hat er eine überraschend frische Säure, die leider hinten raus anstrengend wird. Am Ende bitter, fast wie Lebertran, mit einer Spur Tannin, auch weil er so lange auf den Schalen lag. Das nimmt ihm Frische. Er kriegt eine Breite, die ihm nicht steht. Qualitativ nicht sauber. Das Lesegut war nicht gut selektiert."

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Quelle: Stephan Rumpf

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Etiketten von Weinflaschen:Der Traditionelle

Was ist drauf?

Der Faustino VII ist für die Weinbranche, was Faust II für den Literaturbetrieb ist, würde man gerne schreiben, weil es so gut passt. Doch verspricht die Aufmachung keinerlei Exzellenz. Ein Bärtiger ist da als Renaissance-Porträt zu sehen, wir füllen in der 36. Generation ab, sagt das Bild, Qualität durch Tradition, aber warum warnen dann die Augenringe des Zausels vor dem Kater? Darüber feuerrote Schrift auf schraffiertem Grau - eher billig. Auch denkt, wer früher "Eine schrecklich nette Familie" schaute, bei Faustino an den gleichnamigen Schauspieler. Der spielte Al Bundys notgeilen Sohn Bud. Unappetitlich.

Text: Martin Wittmann

Was ist drin?

Faustino VII, Rioja, Tempranillo 2010, 6,29 Euro: "Der Wein findet seine Abnehmer, weil er voll auf die Traditionsschiene abhebt. Im ersten Moment ein Easy-Drinking-Produkt. Nicht zu sauer, nicht zu fett, nicht zu leicht, nicht zu mächtig. Er mogelt sich konsequent durch alle üblichen Kritikpunkte, außer durch einen: Er hat absolut keinen Charakter. Reinsortig, aber den Sommelier möchte ich sehen, der das hier blind erkennt. Ein Touch Kirsche an Nase wie Gaumen, das war's. Das könnte Spätburgunder aus Baden sein, junger Cabernet aus Chile oder Merlot. Und wenn sie den eiskalt servieren, geht er auch als Weißwein durch."

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Quelle: Stephan Rumpf

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Etiketten von Weinflaschen:Der Romantische

Was ist drauf?

Für den Romantiker steht die stilisierte Rose für ein Tête-à-Tête vorm Kamin, für Samt am Gaumen und Feuer im Abgang. Der Kunstbeflissene denkt an Cy Twombly und die tiefere Bedeutung der Krakelei. Und der gelegentliche Weintrinker sieht vor allem den praktischen Schraubverschluss, weil er keinen Korkenzieher daheim hat. Für ihn ist der Fall außerdem klar: Die umgedrehte Breze rechts oben weckt die Assoziation mit Bier - so schlecht kann der Inhalt also nicht sein. Und was auch immer ein "roter Moment" sein soll, ist schnuppe: Hauptsache der Fusel macht richtig schön blau.

Text: Andreas Schubert

Was ist drin?

Red Moments, Cuvée Rouge, Qualitätswein, Baden, 2010, 4,69 Euro: "Als Rotwein hat er eine Farbe wie ein Rosé. Er riecht auffällig süß. Wieder ein Hauch von Bowle. Dazu vermeintliche Tertiäraromen wie Tabak und dezente Rauchanklänge. Der Wein moussiert, was bei Rotwein das denkbar Ungünstigste ist. Das wird sich hier auch nicht mit der Zeit geben, der ist nicht komplett durchvergoren und mit Gewalt süß gehalten, was den geringen Alkoholgehalt erklärt. Ein Wein, den die Welt nicht braucht, es fehlt ihm an Charakter, Säure und Tanninstruktur, ja eigentlich an allem außer an Zucker. Mit Wein hat der nichts zu tun."

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Quelle: Stephan Rumpf

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Etiketten von Weinflaschen:Der Poetische

Was ist drauf?

Es waren mal Winzer, die hatten die Malocherei ihrer Väter satt. Weg mit dem Schwulst, mit Burgen, Reben und Fraktur! So riefen sie vom Dürnsteiner Steilhang, der Himmelsleiter heißt. Sie baten Dichter und Philosophen zu sich, und zechten mit ihnen, dass es eine Freude war. Konkrete Poesie! So verkauft man Wein heute! Mit Wörtern, arrangiert wie eine Leiter! Gomringer! Jandl! Also druckten die wilden Winzer einen Himmelsleitersatz aufs Etikett. Einen, der grad zur Hand war. Aussage: Bei Petrus landet, wer nur genug malocht. Die Denker stiegen missmutig ins Tal zurück, die Väter herzten ihre Söhne.

Text: Claudia Fromme

Was ist drin?

Domäne Wachau, Himmelstiege, Grüner Veltliner, 7,99 Euro: "Er hat eine deutliche Veltliner-Nase: kräuterig, dazu einige grasige Noten und etwas Apfelblüte. Sehr sauber! Das ist - typisch für die Gegend - ein Wein mit toller Verbindung zwischen Leichtigkeit einerseits und Schmelz und Druck am Gaumen andererseits. Blind würde man den nicht in der Federspiel-, sondern in der Smaragdklasse vermuten, der höchsten Qualitätsstufe der Wachauer Winzer. Ein richtig guter Wein, der beim Thema bleibt. Den würde ich zu leichten Geflügelgerichten mit heller Sauce im Restaurant servieren. Preis-Leistung ist top."

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Quelle: Stephan Rumpf

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Etiketten von Weinflaschen:Der Trendige

Was ist drauf?

Attr. NR, 34J, w., schl., akadem., su. finanz. unabhä. & vorzeigb. M. zw. 32 u. 38J. f. gemeins. Unternehm. - man hat also neben der vielen Arbeit in der Kanzlei doch noch jemanden gefunden, und das späte Pflichtkind schläft heute ausnahmsweise bei den Großeltern. Dafür geht es in der EBK hoch her: asiatisches Reisgericht. Rüber ins Esszimmer, und Vorsicht!, das weiße Sofa von BoConcept, da muss man aufpassen. Sie sagt, sie habe das Etikett neckisch gefunden, so schön schlicht. Er hofft, den GV möge es heute mal nicht nur aus der Flasche geben. Der Wein: so oder so nebensächlich.

Text: Cornelius Pollmer

Was ist drin?

Grüner Veltliner, Bio, Neusiedler See, 5,99 Euro: "Der Limettenton verspricht Frische. Er riecht nach Schinken, würzig, salzig mit jodigen Noten. Das stößt nicht ab, aber das Thema wirkt verfehlt. Riecht eher wie ein Gericht. Und ich vermisse die kräuterige Note des Grünen Veltliners. Am Gaumen verstehe ich ihn dann nicht. Wo will er hin? Er suggeriert Frische, weil er sich von der Gärung CO2 aufgehoben hat. Dann macht er auf Breite, doch es fehlt an Balance zwischen Säure, Körper und Frucht. Die Säure zu spitz, die Frucht verliert sich, hinten raus bitter, am Ende dünn und kurz. Da kann man auch Wasser trinken."

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Quelle: Stephan Rumpf

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Etiketten von Weinflaschen:Der Peppige

Was ist drauf?

"Red Pepp" heißt dieser Zweigelt. Das ist doch mal eine Ansage. Wenn der Vorortfriseur 'ne neue Deko ins Fenster klebt, dann ist oft von peppigen Damenhaarschnitten die Rede: oben strubbelig, vorne blondiert, dazu ein Blick, der an die Werbung für Seitensprung-Portale im Netz erinnert. Peppig. Das sind Erwachsene auf Tretrollern. Politiker, die sich Piraten nennen. Eckart von Hirschhausen. Peppig ist das, was passiert, wenn deutsche Stillosigkeit und Narzissmus 'ne Party feiern. Ein Roter, der den Pepp schon im Namen trägt? Dazu dick machende orange Querstreifen? Kommt aus Österreich. Glück gehabt.

Text: Marc Felix Serrao

Was ist drin?

Ewald Gruber, Blauer Zweigelt, 2009, 5,99 Euro: "In der Nase sind zuerst Anflüge von Schlumpfeis Knete oder Klebstoff zu spüren. Dann wird es sortentypisch: Würze, Weißer Pfeffer, Wacholder. Binnen fünf Minuten entwickelt sich der Wein im Glas - ein Qualitätsmerkmal. Er hat eine gute Säurestruktur, was diesem Rotwein beachtliche Frische verleiht. Am Gaumen vorne schlank, fast feminin. Aber die 12,5 Volumenprozent nehme ich ihm nicht ab, dafür hat er im Finish zu viel Schärfe und alkoholischen Druck. Der Alkohol killt die Frucht. Keine Länge. Insgesamt vernünftig gemacht. Ein fairer Wein, dem es an Finesse fehlt. "

© SZ vom 05.10.2012/jobr
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