Etikette:Was sich für einen Politiker gehört

US President Donald Trump meets with German Chancellor Angela Merkel

Merkel zu Besuch bei Trump im Weißen Haus.

(Foto: Saul Loeb/AFP)

Wer geht auf wen zu, wann steht man vom Bankett auf und was schenkt man einem Staatsgast? Der Leiter des Protokolls im Bundestag hat ein Buch über gute Manieren geschrieben.

Von Verena Mayer

Die Szene ist so peinlich, dass sie einem selbst peinlich ist. Angela Merkel sitzt bei ihrem Besuch im Weißen Haus neben Donald Trump, blickt in die Menge der versammelten Fotografen und schlägt dem US-Präsidenten vor, Hände zu schütteln. Für die Kameras, aber auch als Symbol des guten Willens. Doch Trump ignoriert Merkels Anregung, faltet demonstrativ die Hände zwischen den Oberschenkeln und starrt auf den Boden, als ginge ihn das alles nichts an.

Inzwischen sind die Archive voll von Geschichten, wie sich der mächtigste Mann der Welt danebenbenimmt. Wie er sich an anderen Staatschefs vorbeidrängelt, ihnen bei der Begrüßung fast den Arm abreißt oder sie auf Twitter anpöbelt. Wobei es in der Politik hierzulande auch nicht immer fein zugeht. Da zitiert Sigmar Gabriel nicht ohne Hinterlist seine Tochter, die seinen Konkurrenten Martin Schulz als "Mann mit den Haaren im Gesicht" bezeichnet habe. CDU-Mann Ronald Pofalla hat, wie berichtet wird, seinem Parteikollegen Wolfgang Bosbach den Satz "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen!" zugebrüllt. Von den verbalen Entgleisungen, mit denen die AfD in den Schlagzeilen ist, ganz zu schweigen. Kurz: Schlechter Stil scheint zu einem Mittel der Politik geworden zu sein.

Da blickt man gespannt auf das Buch, das kommenden Dienstag in Berlin vorgestellt wird. Es ist ein Plädoyer für die guten Manieren, geschrieben von einem Mann, der wie kaum jemand Einblick in den politischen Alltag hat: der Leiter des Protokolls beim Deutschen Bundestag, Enrico Brissa. Zuvor war er fünf Jahre lang Protokollchef des Bundespräsidenten und damit zuständig für alles, was Staatsoberhäupter im Umgang miteinander beachten müssen, wie sie sich begrüßen, wo sie auftreten, worüber sie sprechen. Der Mister Etikette der deutschen Politik gewissermaßen.

"Auf dem Parkett - Kleines Handbuch des weltläufigen Benehmens" heißt Brissas Buch und schlüsselt in Stichworten alles auf, was man über Umfangsformen in der Politik und im Privaten wissen muss, von A wie Anrede bis Z wie Zeremoniell. Man erfährt darin, wie man sich bei Tisch mit der Queen unterhält (warten, bis sie sich einem zuwendet), wie viele Motorräder einem ausländischen Staatsoberhaupt in der Eskorte zustehen (bis zu fünfzehn) oder dass man Staatsgeschenke sorgfältig auswählen sollte. Sonst geht es einem wie Gerhard Schröder, als er 2000 US-Präsidenten Bill Clinton in Berlin empfing. Dessen Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky, bei der auch eine Zigarre im Spiel war, bewegte damals noch immer die Weltöffentlichkeit - Schröder überreichte Clinton als Präsent eine Schachtel kubanischer Cohibas. Die er noch dazu selbst geschenkt bekommen hatte, mehr kann man als Gastgeber kaum falsch machen.

Nach dem Rücktritt von Bundespräsident Wulff schloss er die Flügeltüren im Bellevue

Vor allem aber fragt man sich: Warum kommt gerade jetzt ein Buch über gute Manieren in der Politik heraus? Und wer ist der Mann, der hier gute Ratschläge erteilt?

Enrico Brissa trifft man im Café Einstein Unter den Linden, in der Nähe des Berliner Regierungsviertels. Weiße Tischdecken, schwarz gekleidete Kellner und ein Hinterzimmer, in dem sich gut beobachten lässt, wer mit wem etwas zu bereden hat. Brissa, 46, trägt einen gut sitzenden dunklen Nadelstreifenanzug, und während er einem aus dem Mantel hilft, lässt er seinen Blick durch das Restaurant schweifen. Diskret, aber so, dass ihm nicht entgeht, dass zwei Tische weiter der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch sitzt; man merkt, dass es zu seinem Job gehört, den Überblick zu haben.

Bevor Brissa zu erzählen beginnt, will er eines klarstellen. Er spreche nicht als Leiter des Protokolls, sondern als Autor. Weil er sonst eine Genehmigung bräuchte, um Interviews zu geben. Aber auch, weil es zu den wichtigsten Regeln auf dem Parkett gehöre, in der Rolle zu bleiben, die man gerade hat. Dass man sich beim Staatsbankett nicht benimmt wie zu Hause, aber auch in der Schlange beim Check-in nicht erwartet, wie ein Ehrengast behandelt zu werden. Brissa hat alles schon erlebt. Gäste, die während eines Staatsbanketts ihr Besteck fallen ließen mit der Begründung, sie müssten jetzt noch in einen Club, obwohl die Höchstrangigen immer zuerst gehen. Oder Leute, die erst gar nicht kommen oder sich bis zuletzt alle Optionen offenhalten, diese "no-shows" seien ein Massenphänomen in der Berliner Republik. Für die man bis fünf Minuten vor einem Empfang noch Tische umstellen und Sitzordnungen umwerfen müsse, "das bindet unglaublich viele Kräfte".

Dass es im politischen Betrieb Beamte wie ihn gibt, wissen die wenigsten, die meisten haben Enrico Brissa allerdings schon im Fernsehen gesehen. Beim legendären Auftritt des Bundespräsidenten Christian Wulff 2012 in Schloss Bellevue nämlich, als dieser mit seiner Ehefrau Bettina vor die Kameras trat und nach der monatelangen "Wulff-Affäre" seinen Rücktritt verkündete. Da war es Brissa, der am Ende hinter den Wulffs die weißen Flügeltüren schloss. Der Protokollchef als derjenige, der dieses Kapitel der deutschen Politik auch symbolisch beendete. Darüber will Enrico Brissa nicht sprechen, wie er überhaupt bei den meisten Fragen einen so freundlichen wie unverbindlichen Gesichtsausdruck aufsetzt, bei dem klar ist, dass er mehr weiß, als er sagt.

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