Esskultur in ItalienRückkehr der Tafelrunde

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Die Welt zu Gast bei Freunden: Die kleine Osteria mit regionaler Karte mag ein Klischee sein, doch sie gilt als Ideal der italienischen Küchenkunst.
Die Welt zu Gast bei Freunden: Die kleine Osteria mit regionaler Karte mag ein Klischee sein, doch sie gilt als Ideal der italienischen Küchenkunst. (Foto: Frank Heuer/laif)

In Italien sterben die Osterien - doch zum Glück entsteht eine neue Form, gemeinsam zu essen und zu reden. Riesige Tische, an denen 14, 16 oder auch 60 Personen sitzen.

Von Oliver Meiler, Rom

Eine "tavolata" - und diese improvisierte kulturhistorische Vorbemerkung muss schon sein - ist mehr als eine einfache Tischrunde, wie der Name es vermuten ließe. Vor allem aber ist sie kein ordinäres Gelage, nie. Wenn die Italiener zu einer "tavolata" laden, dann ist das ein besonders schönes Versprechen, vielleicht das freundschaftlichste überhaupt. Ein langer Tisch, oft ein weißes Tischtuch, alle paar Armlängen eine Flasche Wein, beiderlei, auf die Etikette schaut niemand. Dazu viele Leute, viel Gelächter und Zeit. Das Essen? Es bedarf keiner Ankündigung: Antipasti, Primi, Secondi, Dolci - es passt dann schon. Über einer "tavolata" weht immer ein Festgefühl, auch ohne vorangegangene Hochzeit oder Taufe.

Früher, als es in jedem Dorf eine Osteria gab, saß man nicht nur im Kreis der Familie oder mit Freunden, daheim oder im Freien an langen Tischen - sondern eben auch in diesen einfachen Gasthöfen. Manche boten nur den Wein und den Rahmen für das enge Zusammensein, Stuhl an Stuhl, Essen brachte man selbst mit. Obwohl diese alten Osterie schon seit einiger Zeit wegsterben, gibt es nun ein mächtiges Revival der "tavolata" oder wenigstens des "tavolone", wörtlich: des großen Tisches. Und da sich vor allem Modelokale im stets avantgardistischen Norden des Landes dazu entscheiden, die Gäste wieder an lange Gemeinschaftstische zu setzen, muss man annehmen, dass da eine Rückbesinnung geschieht.

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Im "OGR" von Turin, den umfunktionierten "Officine Grandi Riparazioni", wo die Staatsbahnen einst ihre Lokomotiven warteten, haben sie einen 25 Meter langen Tisch in die hohe Halle gestellt. Für sechzig Gäste, ein Statement. Im "Spirit de Milan", der in einer alten Glasfabrik in Mailand wehen soll, gibt es nur Tische für zwölf, vierzehn oder sechzehn Gäste. Man füllt, bis sie voll sind. Bei "Carlo e Camilla in Segheria", einem sehr angesagten Lokal des Sternekochs Carlo Cracco in einer umgebauten Mailänder Sägerei, hängen Kronleuchter über den langen Tischen.

Die Hoffnung, dass das ungezwungen geling, ist nirgens größer als in Italien

Die Räumlichkeiten wären überall groß genug, um viele kleine Tische unterzubringen, mit reichlich Abstand für Privatsphäre dazwischen. Aber das war gestern. Im Jargon der Gastronomen nennt sich das "social eating". Die Menschen sollen wieder lernen, miteinander zu reden, wenn sie miteinander essen, statt ständig nur aufs Handy zu schauen - auch unbekannterweise, zufällig zusammengewürfelt. Die Aussicht, dass das ungezwungen gelingt, mit beschwingter Leichtigkeit, ist wohl nirgends größer als in Italien.

Die Steigerung von "tavolata" übrigens ist "grande tavolata", ein doppeltes Versprechen und besonders laut. Die Kinder tollen schon während des Primo um den Tisch, obschon die Mütter mit aufgesetzter Hysterie finden, sie hätten zu wenig gegessen und sollten sich sofort wieder setzen. Die Väter sitzen in der Regel am anderen Ende der Tafel, unter sich, kümmern sich eher weniger um den Nachwuchs. Emanzipatorisch ist das vielleicht nicht korrekt, aber solche Fragen kann man bei anderer Gelegenheit verhandeln. Wahrscheinlich läuft noch irgendwo ein Fernseher, am besten mit Fußball, als Beilage. Alles unbedingt zu bewahren und wiederzubeleben.

© SZ vom 01.09.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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