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Essen und Trinken:Wein made in Äthiopien

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Frauen bei der Lese: Szenen wie diese erwartete man bislang eher an der Stellenbosch-Wein-Route in Südafrika als im äthiopischen Ziway.

(Foto: Zacharias Abubeker/AFP)

Weine aus Südafrika sind weltbekannt. Ansonsten ist Afrika für den Weinanbau aber ein weißer Fleck. Äthiopische Winzer wollen das ändern - sie haben hervorragende Voraussetzungen.

Es ist ein aussichtsloser Kampf, der aber umso verbissener geführt wird. Immer wieder rennen die Männer von Rebe zu Rebe, immer wieder schwingen sie ihre Peitschen nach den Vögeln, die es auf die Weintrauben abgesehen haben. Immer wieder verfehlen sie die Tiere. So geht das den ganzen Tag. "Wir könnten natürlich auch Netze aufspannen, aber dann würden ja die Arbeitsplätze verloren gehen", sagt Yitbarek Girma, der Produktionschef des Weingutes Castel in Ziway, etwa 200 Kilometer südlich von Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens.

Man kann sich nun fragen, was ungewöhnlicher ist. Dass Männer mittleren Alters mit Peitschen Vögeln nachlaufen, um diese von Weintrauben fernzuhalten? Oder dass sie das in Äthiopien tun, einem Land, das man mit vielem verbindet, aber eher nicht mit Weinbau. "Es denken doch immer noch alle an die Hungerkatastrophen", sagt Yitbarek Girma - der auch angetreten ist, um diesen Blick auf sein Land zu ändern. "Wenn man begreift, es gibt Wein ,Made in Äthiopien', dann ändert sich die Perspektive, dann sieht man uns anders."

Tiefrot, trocken, samtig - doch für die meisten Äthiopier bleibt der Wein unerschwinglich

Auf dem Tisch hat er den Klassiker "1000 Vins du Monde" liegen, ein Nachschlagewerk, das südafrikanische Weine verzeichnet hat, für den der Rest des Kontinents aber ein weißer Fleck ist. Was daran liegt, dass sehr wenig Wein angebaut wird in Afrika - wenn man Südafrika einmal außer Acht lässt. Vereinzelte Weingüter gibt es in Namibia, im Atlas-Gebirge wachsen ein paar Trauben, einige Hektar gibt es in Ägypten, Algerien und Tunesien. Ansonsten ist Afrika ziemlich trocken gelegt. Zu heiß, zu wenig Niederschlag, zu schlechte Böden, so lautete das gemeine Urteil.

"Das ist Quatsch", sagt Yitbarek Girma. Das Klima sei hier in Äthiopien ideal, etwa 25 Grad das ganze Jahr über, mit ausreichend Niederschlägen und sandigen Böden. "Wir könnten sogar zweimal pro Jahr ernten, der besseren Qualität wegen belassen wir es aber bei einem Mal", sagt Yitbarek, in Äthiopien ist der erste Name der Nachname.

Seit 2011 keltern sie nun Weine, mit teilweise beachtlichem Ergebnis. Das Spitzenprodukt ist eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Merlot, Jahrgang 2014. Mit einer tiefroten Farbe, trocken, harmonisch und samtig, schmeckt er nach Aromen von Schokolade und dunklen Beeren. Es ist kein Massenwein, selbst in Äthiopien kostet er umgerechnet sieben Euro pro Flasche. Was für große Teile der Bevölkerung in etwa der durchschnittliche Wochenverdienst ist. Für die Männer mit den Peitschen bleiben die schönen Flaschen unerschwinglich.

Das Weingut zahlt aber nach eigenen Angaben weit über dem von den Vereinten Nationen empfohlenen Mindestlohn von 1100 Dollar jährlich, dazu gebe es Bonuszahlungen bis hinauf zu einem 16. Monatsgehalt. Für Äthiopien ist das gutes Geld. Die Arbeit ist angenehmer als in den Rosenfarmen der Umgebung, wo man sich für wenig Lohn die Hände blutig schinden muss.

Auch ungewöhnlich ist, dass drei Viertel der Weinproduktion in Äthiopien verkauft werden. An diejenigen, die in den vergangenen 20 Jahren vom Wirtschaftsboom profitiert haben, die kleine, aber wachsende Mittelschicht in den Städten. Der Rest wird nach Europa und in die USA exportiert, vor allem in äthiopische Restaurants der Diaspora. Man bekommt den Wein in Hotels der Sheraton-Gruppe und in der Business-Class von Ethiopian Airlines.

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Seit 2011 werden in Äthiopien nun Weine gekeltert mit teilweise beachtlichem Ergebnis.

(Foto: Zacharias Abubeker/AFP)

Es ist ein anderes Ambiente als die Eine-Welt-Läden, in denen man sonst Produkte aus Afrika kaufen kann. Und das meist, um zu helfen - nicht, weil es schmeckt. Seit Kurzem gibt es auch prominente Konkurrenz, der Musiker und notorische Afrika-Helfer Bob Geldof hat sich Anteile an einem anderen Weingut in Äthiopien gesichert. Früher hat er mit den Live-Aid Konzerten Millionen für hungernde Kinder in Afrika gesammelt. Und damit gleich das Image des Kontinents auf Jahrzehnte zementiert. Mittlerweile sagt auch er: Afrika braucht Investitionen. Nicht nur Almosen.

"Wir wollen in Europa wachsen", sagt Yitbarek. Er hat vor allem den Bio-Bereich im Auge, der von der viel größeren Konkurrenz in Südafrika bisher vernachlässigt wird. Nach seinem Angaben könnten die Weine bereits jetzt unter dem Bio-Siegel verkauft werden, bisher gebe es in Äthiopien jedoch niemand, der das auch zertifizieren könne. Aber auch so liege man bei den Verkäufen im Plan, zwei Millionen Flaschen sind es derzeit jährlich. Das Weingut wird bald um weitere 60 Hektar wachsen.

Auf dem Etikett sind Tongefäße zu sehen, eine Hommage an den Honigwein, das Nationalgetränk

Es liegt in einer breiten Ebene am Fuße einer Bergkette. Dort sieht es gar nicht so anders aus, als in den Weinbaugebieten in Europa. Und ist doch eine ganz andere Welt. Um die Reben ist ein hoher Zaun gespannt worden, um Python-Schlangen abzuhalten, die Nilpferde und die Hyänen. "Vielleicht bauen wir ja auch noch einen Zoo dazu", sagt Yitbarek. Für die Äthiopier ist aber wohl der Wein exotischer als die Schlangen. Noch.

Der Konsum steigt mittlerweile jährlich um eine zweistellige Prozentzahl, ein großer Wachstumsmarkt bei einer Bevölkerung von 100 Millionen Menschen - weshalb die französische Castel-Gruppe 2008 das Weingut gründete und Reben aus Frankreich anpflanzen ließ: Shiraz, Merlot, Sauvignon und Chardonnay. Gekeltert wird in einer modernen Anlage aus Stahltanks, besondere Weine werden auch im Holz ausgebaut. Auf den Etiketten der Spitzenweine sind Tongefäße zu sehen. Als kleine Hommage an den Honigwein, der das eigentliche Nationalgetränk Äthiopiens ist.

Der Traubenwein ist in Äthiopien seit dem dritten Jahrhundert bekannt, er wurde aus Syrien und Italien importiert. Mit dem Anbau und dem Keltern begannen erst die Italiener, 1943 wurde das erste Gut gegründet, das bis heute existiert, aber vor allem in Zeiten der kommunistischen Diktatur so miserabel bewirtschaftet wurde - mit Rosinen, die in Wasser eingeweicht und vergoren werden - , dass die Äthiopier die sogenannten Weine von dort gerne mit Sprite, Cola oder auch Bier mischen. Es sind Bräuche, die kein Wein verdient hat, die man andererseits aber auch vielerorts in Europa kennt.

Diese Zeiten sollen in Äthiopien bald vorbei sein. Yitbarek blättert in "1000 Vins du Monde"' auf seinem Schreibtisch und sagt: "Bald soll auch Äthiopien dabei sein."

© SZ vom 04.11.2017/ick
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