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Essen und Trinken:Immerhin erspare ich mir den schlechten Wein

Ich merke mir zwei, drei Anekdoten, damit ich an Weihnachten etwas zu erzählen habe, wenn zum Gänsebraten der gute Rotwein geöffnet wird. Seit zwölf Jahren reise ich regelmäßig zu den Eltern meiner Freundin, bis heute werde ich bei jedem Abendessen gefragt, ob ich roten oder weißen Wein möchte, obwohl sie den Apfelsaft und das Wasser schon an meinen Platz gestellt haben. Manchmal sage ich "Weißwein bitte, aber wenig" und nippe am Glas, um ihnen einen Gefallen zu tun.

Bei festlichen Abendessen stoßen nur drei Familienmitglieder mit Saft an: ein Sechsjähriger, eine Siebenjährige und ich. Zumindest kriege ich nicht auch einen bunten Plastikbecher dazu, sondern ein Weinglas. Stellen Sie mal auf einen weihnachtlich und liebevoll gedeckten Tisch ein Tetra Pak Saft und dann versuchen Sie, sich nicht vollkommen stillos dabei vorzukommen. Früher war mir meine Weinunlust unangenehm. Mit Anfang 20 habe ich einen Artikel aus dem Männermagazin GQ auswendig gelernt, in dem es darum ging, wie man beim Abendessen Weinkenntnisse vortäuscht. Später habe ich versucht, wenigstens Weinschorle zu trinken.

Um mich zu verteidigen: Ich verpasse vielleicht das geschmacksintensivste und kultivierteste Getränk überhaupt, aber dafür erspare ich mir all den mittelmäßigen bis schlechten Wein, den man oft auf Partys, Vernissagen oder in Restaurants bekommt. Da wurde die Flasche günstig im Großhandel, bei Lidl oder eben noch an der Tankstelle als Mitbringsel gekauft. "Weihnachten versuchen alle, groß aufzufahren - und nehmen teuren, aber nicht guten oder passenden Wein", sagt Herbert. Weihnachtsweine seien oft zu schwer, das lähme. Stimmt, in den Mitternachtsgottesdienst gehe ich immer alleine, weil der Rest vom Rotwein dämmrig ist.

Ich kenne niemandem in meinem Alter, Ende 30, der so offen wie ich zugibt, von Wein keine Ahnung zu haben - und ihn auch nicht zu mögen. Obwohl viele gerade mal den Unterschied kennen zwischen trocken oder süß, und im Lokal nur "Wird schon passen"-Rebsorten wie Chardonnay bestellen. Wenn der Kellner die Flasche öffnet und das Probierglas einschenkt, wird hineingerochen, das Glas geschwenkt, ein kurzer Schluck durch die Mundwinkel gespült - dabei besteht die vermeintlich eingehende Prüfung nur darin zu schauen, ob man Korkstücke im Mund findet.

"Was schmeckt, hat recht", tröstet mich mein Freund Herbert, der Weinkritiker

"Wein ist kein Teil der Allgemeinbildung", tröstet mich mein Freund Herbert, "was schmeckt, hat recht." Die Kellnerin bringt die Flaschen drei und vier an diesem Abend, ich verschiebe per SMS einen Termin am nächsten Morgen von zehn Uhr auf elf Uhr. Erst probieren wir die Drautz-Able Auslese edelsüß, Herbert erzählt, dass "deutscher Wein das einzig Erfreuliche am Klimawandel ist". Die heißeren Sommer stellen südländische Winzer vor Probleme, hier profitiert man davon. Dann kommt noch der Rote, der Pojer e Sandri Merlino. München sei übrigens eine gute Stadt für Weintrinker, sagt Herbert. Die Menschen hier seien offener für Weine aus dem Ausland als jene in anderen europäischen Großstädten.

Ich schenke nach. "Über Wein kann man wie sonst nur über Fußball reden", findet Herbert. Er tröstet mich damit, dass Bier, Wasser, Tee und Kakao gerade dabei sind, der neue Wein zu werden: mit Verkostungen, Sommeliers und ambitionierten Anbauern. Meine Wahl fiele dann aufs Wasser, wobei ich meist 2016er Schwabinger Erdgeschosslage trinke und maximal etwas zum hohen Kalkanteil der Voralpenlandleitungen beitragen könnte.

Der Abend endet mit einer Rechnung, die mich fast wieder nüchtern macht, Herbert übernimmt, was ich nur zulasse, weil mir das Reden schwerfällt. Vor der Tür ein kurzer, schwankender Abschied in der kalten Nacht, wir vereinbaren eine Revanche-Einladung, Herbert kennt da noch ein Restaurant in Giesing mit exzellenter Weinkarte, und er wüsste noch eine Flasche, mit der könnte er mich doch noch kriegen. Für die Feiertage hat er noch einen Tipp: PriSecco der Manufaktur Jörg Geiger, die aus alten Apfelsorten perlenden Saft macht und in Sekt- und Weinfläschchen verkauft. Ich werde einfach das Etikett abkratzen.

© SZ vom 24.12.2016
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