Essen & Trinken Das Auge isst mit

Van Gogh aus Frischkäse, Klimts "Kuss" auf Toast und Brokkolibäume als Fototapete - wie Food Art zum Phänomen wurde.

Von Titus Arnu

Die meisten Alltagsbrote sind fantasielos belegt: Butter, Honig, Käse oder Wurst drauf, fertig. Im Deutschen Brotregister sind mehr als 3200 Sorten verzeichnet, aber es scheint nur zwei Arten zu geben, ein Marmeladenbrot zu schmieren: mit Butter oder ohne Butter. Schade, denn eine Scheibe Brot kann ebenso gut den Geist satt machen wie den Bauch - sie kann sogar ein köstliches Kunstobjekt sein.

Für Marie Sophie Hingst ist Brot mehr als ein Nahrungsmittel. Die 31-Jährige verwendet Toast, Pumpernickel und Bauernbrot so, wie ein Maler eine Leinwand. Sie belegt Landbrot mit Quadraten aus Tomate, Käse-Rechtecken, Blaubeeren und Marmelade, sodass es an eine Komposition von Piet Mondrian erinnert. Oder sie arrangiert Tomate auf einer ovalen Scheibe Brot in einem Wald aus Salat, Gurken und Kohlrabi - das Ergebnis erinnert entfernt an Henri Rousseaus "Rot gekleidete Frau im Walde". Aus einer Laune heraus kreierte Marie Sophie Hingst im vergangenen Sommer ihre Mondrian-Stulle. Sie stellte ein Foto davon unter dem Hashtag #KunstGeschichteAlsBrotbelag auf Twitter und Instagram. Es gibt eigentlich kaum etwas Öderes als Essensschnappschüsse im Internet, doch Hingsts Mondrian-Brot schien einen Nerv zu treffen. Binnen Stunden fanden sich Hunderte Nachahmer, die bekannte Werke der Kunstgeschichte aufs Brot brachten - von den Lascaux-Höhlenmalereien (Nuss-Nougatcreme, Marmelade und Frischkäse auf Toast) über Dürers Feldhase (Leberwurst auf Vollkorntoast) bis zum Selbstbildnis von Frida Kahlo (Backpflaume, Avocado, Johannisbeeren, Liebesperlen). "Kunstgeschichte als Brotbelag" landete auf Platz eins der deutschen Twitter-Trends, nun ist bei Dumont das gleichnamige Buch dazu erschienen.

Die frisch gebackene Brotkunst-Kuratorin ist von der Resonanz überrascht. Dabei hat der Brotberuf von Marie Sophie Hingst gar nichts mit Essen und Kunst zu tun. Die studierte Historikerin ist bei einem Computerchiphersteller für Kommunikation und strategische Planung zuständig. Nebenbei schreibt sie auf ihrem Blog "Read on my Dear, read on" kuriose Kurzgeschichten, 2017 wurde sie als beste deutsche Bloggerin ausgezeichnet. "Dass ich ein Brotkunst-Buch herausgebe, ist eher Zufall, eigentlich habe ich keine große Beziehung zu Essen", sagt die 31-Jährige. Es habe sie eher interessiert, wie man das Internet aktiv und kulturell anspruchsvoll gestalten kann. Kunstgeschichte auf Brot wurde auch deshalb zum "Trending Topic", weil Hingst ihre Stullengemälde intelligent und dabei appetitlich präsentiert. Mal sind die Brote nah am Original wie Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrring" aus Fleischwurst und Birne auf Vollkornbrot (der Perlenohrring wird von einem Tic Tac dargestellt), mal sind sie abstrakter interpretiert wie die berühmte Fettecke von Joseph Beuys (Butter auf Graubrot).

Mancher hauptberufliche Künstler betrachtet Lebensmittel als normales Arbeitsmaterial

Aber "Das letzte Abendmahl" von Leonardo da Vinci, inszeniert mit Gummibärchen, Marmelade und Sauerrahm - ist das noch in Ordnung? "Die Frage, ob man mit Essen spielen soll, ist irgendwie schräg", findet Marie Sophie Hingst, "jedes Gericht, das wir essen, ist doch eine Auseinandersetzung mit Zutaten, die in andere Formen gebracht wurden". Food Art darf fast alles, zumal die Definition dafür so schwammig zu sein scheint wie eine Scheibe Weißbrot mit Sülze. Sicher ist nur: Es gibt inzwischen einige hauptberufliche Künstler, die Nahrungsmittel als ihr Material betrachten, die so damit arbeiten wie andere mit Bronze und Ölfarben. Der britische Food-Artist Carl Warner etwa erschafft riesige Landschaften aus Lebensmitteln - er nutzt Brot für Steine und Felsen, Salat für Wasser und Wellen, Getreidekörner werden zu Kieseln, Kräuter zu Bäumen und Büschen.

Frida Kahlo trägt in der Interpretation der Bloggerin Marie Sophie Hingst Backpflaumenhaare.

(Foto: @missmegaphon/Kunstgeschichte als Brotbelag/DuMont Verlag)

Als Vorläufer der modernen Food Art gelten die italienischen Futuristen, die 1930 die Cucina Futurista gründeten. Sie erklärten öffentliche Gelage zu Kunstwerken, kombinierten die Traditionswurst Mortadella mit Nougat und verfassten ein Manifest mit dem provokanten Grundsatz: "Keine Pasta mehr, weil sie Trägheit, Pessimismus und Mangel an Leidenschaft" verursache. Um wirklich Fuß zu fassen, war die futuristische Küche aber zu idelogielastig. In der bildenden Kunst tauchten in den 60er-Jahren erstmals Lebensmittel als tragende Elemente von Happenings auf. Der Schweizer Künstler Daniel Spoerri etwa begründete die Sparte "Eat Art". Er schuf Objekte aus Brotteig, eröffnete 1968 ein Galerie-Restaurant in Düsseldorf, in dem er eigene Kreationen servierte, die teils die gehobene Küche parodierten. Der Künstler Dieter Roth bestellte Kunst-Kuchen nach seinen Vorlagen beim Bäcker und stellte "Literaturwürste" her, für die er Zeitschriften und Bücher häckselte, darunter die gesammelten Werke von Hegel, mit Gelatine, Fett und Gewürzen vermengte und in Wurstdärme füllte.

Im Instagramzeitalter ist Food Art zum Massenphänomen geworden, wobei es eher um Ästhetik, schnellen Witz und Reproduzierbarkeit als um ideologischen Überbau oder Anspruch geht. Beau Coffron aus Oklahoma City etwa ist Vater von drei Kindern und nennt sich "Lunchbox Dad", seine bunten Käse-Hasen, Wurst-Goofys und Triceratops-Toasts verpackt er kindergartentauglich in Brotdosen, auch um Vierjährige zum Essen zu bewegen. Knapp 29 000 Leute folgen ihm auf Instagram. Auch Lee Samantha, eine Mutter aus Malaysia, wollte ihre Tochter nur dazu ermutigen, Gemüse zu essen und gestaltete Brokkoli-Monster und vegetarische Sushi-Pinguine für sie. Mit 644 000 Abonnenten bei Instagram ist sie inzwischen eine der bekanntesten Food-Artistinnen im Netz. Ida Skivenes aus Norwegen ordnet Kiwis und Heidelbeeren zu einer Weltkarte an oder bastelt einen Fuchs aus Karottenraspeln, Sellerie und Brot. Im Netz nennt sie sich Ida Frosk, und 260 000 Follower schauen sich täglich ihre kindergeburtstagstauglichen Kreationen an. Inspirieren ließ sich Ida Frosk von der japanischen Bento-Box-Tradition. Bento ist die japanische Variante der Lunchbox, ein Kästchen mit getrennten Fächern für kleine Mahlzeiten zum Mitnehmen. Damit die Kinder auch ihr Bento aufessen, begannen Mütter, lustige Bilder mit Gesichtern oder Tieren zu kreieren. Dank Instagram wuchs Ida Frosts Fangemeinde schnell, mittlerweile wird sie weltweit von großen Unternehmen gebucht, um essbare Logos und Illustrationen für Websites zu entwickeln. Die Zutaten sortiert die Norwegerin, die in Berlin lebt, gerne nach Farben — Rot wie Radieschen, Grün wie Gurken, Gelb wie Mais, Orange wie Cheddar.

Food Art ist heute vor allem dekorative Gebrauchskunst, die Werke versprechen doppelten Genuss, denn nach Betrachtung soll man sie sich einverleiben. Auch Marie Sophie Hingst hat alle ihre Brotgemälde, so schön sie waren, verspeist. Es gehört zu ihren Prinzipien, nichts Essbares wegzuwerfen: "Ich habe brav alles aufgegessen!"