Süddeutsche Zeitung

Erotik-Versand:Als Deutschland sich entblätterte

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Früher sexuelle Befreiung, heute Nostalgie: Der letzte Beate-Uhse-Katalog erscheint.

Von Anne Backhaus

Es war einmal sehr aufregend, diesen Katalog in den Händen zu halten. Ob er nun immer schon so verheißungsvoll aussah wie die Werbebroschüre eines Lebensmitteldiscounters, sei dahingestellt. Auf jeden Fall gab es eine Zeit, da stand der Name Beate Uhse für unverklemmten Sex und Tabubruch. Sollte einen beim Blättern durch das bunte Heftchen jetzt nicht doch so etwas wie Wehmut beschleichen? Immerhin ist dies der letzte Beate-Uhse-Katalog. Nach ihm wird es keinen mehr geben. Das hat das Unternehmen ganz und gar unsexy mit Einsparungen wegen Umsatzeinbrüchen verkündet.

Wie rührend, dass ausgerechnet das letzte Heftchen, das so lange wacker dazu diente, feuchte Träume wahr werden zu lassen, pünktlich zum Valentinstag erscheint und den Titel "Celebrate Love" trägt. Nahezu familienkonform räkelt sich eine Frau mit dunkelbraunen, langen Haaren und in Unterwäsche wahlweise auf einem rosa Polstermöbel oder einem nackten Mann, der mit roten Lippenstiftabdrücken übersät ist. Wie sie so die BH-Höschenkombination "Dating" präsentiert (ab 24,98 Euro), sieht das nach Werbung in der U-Bahn aus, bei der zwölfjährige Jungs nicht mal für eine halbe Sekunde erröten.

Wer nicht mehr weiß, wie es vor den Internetzeiten war, als Jugendlicher wenigstens ein bisschen nackte Haut zu erhaschen und mit warmen Ohren den Otto-Katalog zu durchforsten, der braucht nur die folgenden 15 Seiten Wäschefotos durchzublättern. Sex kann tatsächlich ein sehr nostalgisches Gefühl sein. Dass die Kleidungsstücke eher bieder sind, und die unverzichtbaren Preislisten und Bestellnummern planlos platziert wirken - geschenkt wie der ganze Katalog. Was von den Dessous-Sets mit etwas Spitze hier und da und den obligatorischen halterlosen Feinstrümpfen mit Spitzenrand bleibt, ist der Satz: "Sparen kann so sexy sein!" Noch nie war Erotik so ein perfekter Teil des Haushaltsplans, etwa so verwegen wie zwölf Socken im Sonderangebot.

Noch nie war Erotik so ein perfekter Teil des Haushaltsplans, so verwegen wie zwölf Socken im Sonderangebot

Das ist fast schon schade. Das Unternehmen Beate Uhse nämlich kann durchaus als Teil der bundesrepublikanischen Geschichte bezeichnet werden. Gründerin Beate Uhse-Köstlin eröffnete nach dem Zweiten Weltkrieg den ersten Sexshop der Welt. 1952 titelte eines der ersten Uhse-Versandheftchen auf dem Porträt einer ernsthaft dreinblickenden Frau mit der Frage: "Stimmt in unserer Ehe alles?" Es war eine Art Startschuss für die Neuausrichtung der deutschen Sexualität. Die schwarz-weiße Broschüre war einer der ersten Bestell-Kataloge und bewarb diverse "Hygiene-Artikel" für Eheleute. Auf 30 Seiten behandelte das Heftchen genau das, worüber sonst geschwiegen wurde: Sexprobleme in der Ehe oder männliche Impotenz waren in den Fünfzigern Tabuthemen. Beate Uhse kämpfte mit ihren Aussendungen gegen jene Prüderie und Unwissenheit in den Schlafzimmern der Nachkriegsgeneration. Mit einigem Erfolg.

Im Februar 1951 gründete die Geschäftsfrau ihr "Versandhaus Beate Uhse". Der diskrete Handel mit Sexartikeln über den Postweg bescherte dem Unternehmen in den Sechziger- und Siebzigerjahren Millionen Kunden. Nicht umsonst hieß es auf den Werbebroschüren: "Gewisse Dinge gibt es, die niemand gern in einem Ladengeschäft verlangt."

Heute ist alles anders. Die Kleider, die man bei Beate Uhse bestellen kann, heißen zwar nicht mehr "Rebecca" sondern "Rock 'n' Roll", könnten problemlos aber in jedem Innenstadtgeschäft gekauft werden. Ehepaare diskutieren ihr Sexleben öffentlich, im Internet gibt es unzählige Sexkolumnen, jede Drogerie hat Noppenkondome neben der Kasse stehen und Werbung für Dildos läuft im Fernsehen. Auch der Glanz der Kataloge hat schwer nachgelassen, seit man online alles sofort haben kann. Wozu braucht es da noch Beate Uhses sinnliche Nachhilfe?

Sie wird dennoch bleiben, als historische Figur und bedeutende Unternehmerin. Beate Uhse hat entscheidenden Anteil daran, dass die Deutschen ein etwas entspannteres Verhältnis zum Sex entwickelten. Am Ende war es nur eine Frage der Zeit, bis sich das Unternehmen überflüssig machen würde: Alle sind aufgeklärt oder tun zumindest so, Erotikromane wie "Fifty Shades of Grey" haben den Weltmarkt erobert, Sex-Tipps füllen Frauenzeitschriften. Da hilft es nicht mehr viel, dass sich die Firma zuletzt auf Sexspielzeug und Spitzenunterwäsche spezialisiert hatte, auch das haben andere im Angebot.

Beim Durchblättern dieser letzten Beate-Uhse-Sammlung denkt man also unweigerlich an die Vergangenheit. Wobei die heiteren Momente überwiegen: Nach der tüdeligen Unterwäsche-Welt breiten sich auf den Seiten Gleitgel, Vibratoren, rosafarbene Penisringe und Kondome aus, die hier "Lümmeltüten" heißen. Und dann ist der Katalog zu Ende. Was bleibt, ist die Befürchtung, dass jemand das pink-schwarze Kunstfaser-Bettwäsche-Set "Love Bed" von Seite 28 tatsächlich bestellt. So bieder kann der Sex doch nicht geworden sein.

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Quelle:
SZ vom 06.02.2016
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