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Ernährung:Mehr als Dosenravioli

Fertigprodukt ist nicht gleich Fertigprodukt. Der Markt der sogenannten Convenience-Artikel hat sich gewandelt.

(Foto: imago stock&people)

Sind Fertiggerichte nur was für traurige Gestalten, die vor dem Fernseher sitzend ihr Essen verschlingen? Nicht mehr, sagen Experten - und geben Tipps für Kauf und Zubereitung.

Manche denken jetzt vielleicht an traurige Gestalten, ungefähr so, wie sie der Schriftsteller Michel Houllebecq in seinen Romanen beschreibt: Loser-Typen, die sich gehen lassen, intellektuell, kulturell und sozial, die in Joggingbuxe vor dem Fernseher sitzen, alberne Spielshows gucken und dabei ein in der Mikrowelle aufgewärmtes Fertiggericht verschlingen.

41 Prozent der Deutschen sagen: "Ich esse gern mal eine Tiefkühlpizza oder andere Fertigprodukte". Zumindest 41 Prozent der 1000 Bundesbürger, die Meinungsforscher für einen aktuellen Ernährungsreport befragt haben. Das ist ein Anstieg um neun Prozentpunkte innerhalb nur eines Jahres. Klingt nach einer bedenklichen Entwicklung, was das Bundeslandwirtschaftsministerium da veröffentlicht hat.

Es ist eine Entwicklung, die sich auch mit Zahlen von Fachverbänden untermauern lässt. "In den vergangenen sechs Jahren hat sich der Umsatz der Ernährungsindustrie mit Fertiggerichten fast verdreifacht", sagt Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. Die Konsumenten seien "zunehmend berufstätig, mobil, flexibel, international, vielseitig vernetzt und ständig unter Zeitdruck. Das beeinflusst erheblich ihr Koch- und Essverhalten", so Minhoff.

Aber hieß es nicht, die Menschen hierzulande nähmen das Essen immer wichtiger? Hieß es nicht, sie seien endlich bereit, mehr Geld auszugeben und stärker auf Qualität zu achten? Hieß es nicht, Bio-Produkte und regional erzeugte Waren lägen im Trend? Müssen womöglich all die Aussagen, die wir in den vergangenen Jahren über die Deutschen und ihr Essen gehört haben, revidiert werden?

"Nein", sagt der Soziologe Daniel Kofahl, der an den Universitäten in Bielefeld und Wien lehrt und seit Jahren über die Ernährungskultur in Deutschland forscht. "Die Daten aus dem Ernährungsreport deuten darauf hin, dass die Deutschen unverkrampfter als früher mit dem Thema Fertigprodukte umgehen. Dass 42 Prozent der Befragten sagen, sie nutzen solche Produkte, heißt ja nicht, dass sie sich ausschließlich davon ernähren", so der Wissenschaftler. Selbst in einem Land wie Frankreich, das großen Wert auf seine Esskultur lege, seien sogenannte Convenience-Produkte, die einfach zubereitet werden können, nicht so verpönt wie in Deutschland. Hierzulande habe lange Zeit "ein merkwürdiges kulinarisches Anspruchsdenken" geherrscht, dem zufolge ein Essen nur dann wertvoll sei, wenn dafür stundenlang in der Küche gestanden wurde.

Inzwischen, so Kofahl, verlangten die Verbraucher auch bei Fertigprodukten eher höherwertige Ware. Die gestiegenen Ansprüche an das Essen insgesamt wirkten sich eben auch auf diesen Bereich aus - ein Trend, den auch die Lebensmittelindustrie spürt. "Die Produkte sollen nicht nur gut schmecken, sondern immer mehr auch frisch, gesund und nachhaltig sein. Für 52 Prozent ist Qualität das entscheidende Einkaufskriterium gegenüber dem Preis", sagt Verbandschef Minhoff und stützt sich dabei auf Zahlen der Marktforschungsgesellschaft GfK.

Spitzenkoch Ralf Zacherl ist da skeptisch. Zwar gebe auf dem Markt einzelne, sehr hochwertige Convenience-Produkte, wie etwa frische Pasta aus kleinen Manufakturen oder fertig zubereitete Suppen in Bio-Qualität, diese seien aber nicht repräsentativ für das, was in deutschen Supermärkten standardmäßig angeboten werde. "Ich bin überhaupt kein Freund von Fertigprodukten. In 90 Prozent der Fälle werden die Verbraucher getäuscht und müssen für ein schlechtes Produkt relativ viel Geld ausgeben. Auf der Packung sehe ich zum Beispiel viel buntes Gemüse und andere frische, gesunde Zutaten, wenn ich dann aber auf die Liste der Inhaltsstoffe blicke, entdecke ich, dass Geschmacksverstärker und viel Zucker beigemischt sind", sagt Zacherl, der mit Kollegen in Berlin ein Restaurant betreibt, Kochkurse gibt und in der Sendung "Masterchef" im TV-Sender Sky zu sehen ist.

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