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Fußball-EM:Sie kann nur verlieren

Winners ceremony with trophy Cathy Fischer wife of Mats HUMMELS FCB 5 with son Ludwig FC BAYERN M

Auf verlorenem Posten - und doch wird Cathy Hummels auch bei der EM wieder unter Beobachtung stehen.

(Foto: Peter Schatz/imago images)

Egal was sie tut, die Spielerfrau steht auf verlorenem Posten - und jeder schaut zu. Dabei dürfte es sie eigentlich gar nicht mehr geben.

Von Marten Rolff und Silke Wichert

Nun wird es also doch noch diesen Kameraschwenk geben, der zum festen Repertoire jeder großen Fußballmeisterschaft gehört, aber bei dieser ohnehin schon seltsamen EM um ein Haar ins Leere gelaufen wäre. Denn ein Turnier ohne Fans auf den Rängen, das hätte ja auch bedeutet: Spiele ohne Spielerfrauen, Tribünen ohne regelmäßig eingeblendete Wifes and Girlfriends (WAGs). Ohne diese Reihen, die immer auch ein Schaufenster sind, für ein neues Label, eine krasse Nagellackfarbe oder ein aktuelles Sonnenbrillenmodell.

Dann wäre es aber langweilig geworden? Tja, ertappt, denn damit wäre man dann mitten drin im Dilemma, das dieser Job mit sich bringt. Ein Job, den es streng genommen gar nicht mehr geben darf.

Denn wer würde sich heute noch offiziell als Anhängsel definieren, als "Frau von ..."? Ohne mich bist du nichts - ein Spieler, der wie weiland Stefan Effenberg seiner geschiedenen Frau im Bild-Interview heute noch solche Botschaften hinterherwerfen würde, wäre seine Werbeverträge los. Und ein Sportreporter, der die Spielerfrauen-Reihe auf der Tribüne wie früher als "Hühnerstange" bezeichnen würde, seinen Job. Nein, die Zeiten sind so woke und öffentlich wie nie, und der Narzissmus blüht, da hat jeder sein eigenständiges, irre erfolgreiches Leben.

Für die moderne Spielerfrau löst das natürlich kein einziges Problem, im Gegenteil, das Gerede von Gleichberechtigung hat den Job nur tougher gemacht. Denn Influencerin hin, Parfümdesignerin her, wie bitte soll man sich behaupten neben Rampenlicht und Millionengehältern von Manuel Neuer, Kylian Mbappé oder Lionel Messi? Weder beim G-7-Gipfel noch bei den Oscars werden die "Anhängsel" der Protagonisten so demonstrativ in eine Box gesteckt. Bis zu vier Wochen Präsentierteller ohne eigene Funktion, 90 Minuten hübsche Miene zu egal welchem Spiel. Um dort zu bestehen, lautet die Devise: entweder hübsch unauffällig sein oder Unterhaltungskünstlerin mit Nehmerqualitäten.

Für die moderne Version der Spielerfrau, für das Beiwerk, das keins mehr sein darf, gilt heute ein so hochkomplexer wie widersprüchlicher Verhaltenskodex, der im Grunde nicht zu bewältigen ist. Hier sind die wichtigsten Gebote dafür.

1. Du sollst nicht langweilen

Cheryl Tweedy, Coleen McLoughlin und Victoria Beckham

Die WM 2006: Die Auftritte der englischen Spielerfrauen Victoria Beckham und Cheryl Cole (li.) begründeten eine eigenen Liga - die WAGs.

(Foto: PA Owen Humphreys/picture-alliance/ dpa)

Im Kampf um Aufmerksamkeit ist der Zickenkrieg traditionell die schärfste Waffe im großen Besteck der Spielerfrau. Natürlich darf auch er nicht mehr so heißen, weil frauenverachtend. Und natürlich muss man ihn in diesen Zeiten besonders unschuldig vom Zaun brechen. Wie gut, dass es Coleen Rooney gibt. Sie weiß, was sie den Unterhaltungsstandards ihres Mannes Wayne schuldig ist (bis 2017 bei Manchester United). Denn der ist nicht nur ewiger Torschützenkönig der englischen Nationalmannschaft, sondern auch dafür bekannt, die Dienste von Prostituierten früher schon mal mit Autogrammen entlohnt zu haben, legendär sein Satz: "Für Charlotte. Ich habe dich am 28. Dezember genagelt. Alles Liebe. Wayne Rooney."

Aber zurück zur klugen Coleen: Als kürzlich jemand immer wieder Interna von ihrem privatem Instagram-Account an den Boulevard durchstach, blockierte Coleen Rooney flugs alle Follower mit Ausnahme einer Verdächtigen und verbreitete dort Lügen über sich selbst, die sie am nächsten Tag dann in der Sun lesen konnte. So war Rebekah Vardy, Frau von Nationalspieler Jamie Vardy, als Leck enttarnt. Und so formt man aus Problemen lustige Schlagzeilen und einen inzwischen tadellosen Ruf (vier gemeinsame Kinder). Aber klar, das ist dann auch schon die Königsklasse der Unterhaltung.

2. Du sollst etwas Sinnvolles tun

Robert Lewandowski Poland Lech Poznan with his girlfriend Anna Stachurska PUBLICATIONxNOTxI

Manche nennen sie die "polnischen Beckhams": Robert Lewandowski mit seiner Frau Anna Lewandowska

(Foto: imago sportfotodienst/imago/Newspix)

Modeln, Kosmetik oder Schmuckdesign mögen ehrbare Felder sein, zum Imagewandel der Spielerfrau aber passen sie nicht mehr so recht. Ins Gerede gekommen ist auch die Influencerin, zu beliebig, zu inflationär, zu Alibi. Nein, wer kein Anhängsel sein will, sollte sich gar nicht erst dem Oberflächenverdacht aussetzen, sondern lieber irgendwas mit Yoga, Fitness, Ernährung oder Gesundheit machen. Wie Anna Schürrle, die gerade gemeinsam mit Weltmeister-Ehemann André Schürrle (bis 2020 bei Spartak Moskau) im Welt-Interview als "grundsympathisches Powercouple" auftrat und dafür dort ihre neue Ernährungs-App "Health Bar" vorstellen durfte.

Nachteil eins: Mit so einem Projekt wird man auf ewig mit Anna Lewandowska verglichen, die Ex-Karateka ist ja höchstens im Nebenjob die Frau des aktuellen Weltfußballers Robert Lewandowski. Hauptberuflich setzte sie mit 38 Medaillen, Myriaden an Followern, der Café-Kette "Health Store" und eigenen Beautyprodukten einschüchternde Maßstäbe. Nachteil zwei: Sinnvoll wirkt leider meist langweilig. Wer in Interviews so ironiefrei über die eigene Atmung sprechen kann wie PR-Novizin Anna Schürrle, sollte bald auch Taten sprechen lassen. Oder das eigene Image durch einen schlau angezettelten Zickenkrieg auflockern.

3. Du sollst unabhängig sein

Reiten German Masters 2019 Deutschland, Stuttgart, 16.11.2019, Reiten, German Masters 2019 in Stuttgart: Lisa Müller auf

Lisa Müller mit Ehemann und FC-Bayern-Veteran Thomas Müller

(Foto: Herbert Rudel /imago images/Sportfoto Rudel)

Schon der Terminus Spielerfrau ist so aktuell wie die Zahnarztgattin. Ein Relikt aus den Fünfzigern, als man noch über die Position des Mannes fremddefiniert wurde. Aber die Emanzipation hat ja ungefähr gleich viel Fahrt aufgenommen wie der Tempofußball. Die Frau an der Seite eines Fußballers darf, ach was, sie muss heute auf eigenen Füßen stehen (am besten eine Tätigkeit mit ein wenig Renommee, flexiblen Arbeitszeiten und unbegrenztem EM-Urlaub). Paige Milian zum Beispiel ist "Property Developer", ein Beruf mit Zukunft. Aber wer auch das Kleingedruckte in der Daily Mail liest, merkt schnell, dass sie vor allem gemeinsam mit Freund Raheem Sterling von Man City Immobilien entwickelt. Auch die hübsche Reichweite der Vlogs oder Bücher von Cathy Hummels ("Mein Umweg zum Glück") kommentieren weniger bekannte Kolleginnen gern mit dem bösen Hinweis, ohne Mats wäre das alles undenkbar.

Lisa Müller immerhin hat als professionelle Dressurreiterin schon mal den dritten Platz beim German Master belegt. Leider ist Reiten ein teurer Spaß, das Geld für die Pferde kommt am Ende natürlich doch auch vom heimischen Sponsor und FC-Bayern-Veteran Thomas Müller. Und die Schuhboutique in bester Lage Barcelonas von Antonella Roccuzzo (Lionel Messi) und Sofía Balbi (Luis Suárez) war natürlich ebenfalls nicht ganz selbstfinanziert, schon nach zwei Jahren dafür dann aber selbstständig in den Sand gesetzt.

4. Du sollst Erfolg haben

Bilder des Tages SPORT Chicago Fire soccer player Bastian Schweinsteiger L and his wife Ana Ivan

Nie wirklich eine Spielerfrau: Tennisspielerin Ana Ivanović, inzwischen verheiratet mit Bastian Schweinsteiger

(Foto: KAMIL KRZACZYNSKI/imago/UPI Photo)

Der sicherste Weg, nicht als Juniorpartner in der Beziehung rüberzukommen: Selbst genauso viel Erfolg haben wie der kickende Gatte. Und zwar am besten schon vor dem Kennenlernen, damit - siehe Gebot 3 - hier keine Missverständnisse entstehen. Shakira war längst weltbekannt, bevor sie Gerard Piqué vom FC Barcelona ehelichte, Ana Ivanović lernte Bastian Schweinsteiger praktischerweise erst gegen Ende seiner Karriere 2014 kennen.

Die umgedrehte Rangordnung, wenn sie plötzlich erfolgreicher ist als er, muss man allerdings ebenfalls aushalten können. Ging Rafael van der Vaart vom HSV 2012 andere Wege, weil seine Moderatoren-Frau Sylvie irgendwann mehr Sendezeit hatte als er? Auch die Ehe von Sport-TV-Reporterin Sara Carbonero und Spaniens Rekord-Torhüter Iker Casillas hielt nicht.

Die Blaupause der doppelpassmäßigen Selbstvermarktung sind nach wie vor die Beckhams der Neunziger. Davon träumen jetzt offenbar auch die Lewandowskis, die in letzter Zeit auffällig viele Interviews und Fototermine absolvieren. Poshs Strategie bestand damals in Baden-Baden noch aus Haar-Extensions und Jackie-O-Sonnenbrille, die Karate-Meisterin Lewandowska schwört auf den Sex-Appeal von Schlaftraining und selbstgemachten Müsliriegeln. Hm.

5. Du sollst dich nicht einmischen

Wanda Nara handelte die Vereinswechsel ihres Mannes Mauro Icardi aus.

(Foto: Luca Bruno/AP)

Als der Schwede Emil Forsberg bei RB Leipzig gleich mehrere Spiele hintereinander auf der Bank sitzen musste, unterstützte ihn seine Frau Shanga mit einem Instagram-Post (11 500 Abonnenten): "Niemand auf der Welt hat das Recht, dich wie Scheiße zu behandeln." War das verständlich? Womöglich. War das klug? Na ja, der Ärger für Emil im Klub war jedenfalls enorm. Oder wie es der ehemalige Nationalspieler Lukas Podolski ausdrückt, der gerade in der Gala über ehrgeizige Spielerfrauen lästerte: "Viele hatte man doch gar nicht auf dem Schirm, bevor sie mit einem Fußballer zusammenkommen sind, und plötzlich machen sie dann auf sämtlichen Social-Media-Kanälen eine Riesenwelle."

Denn merke: Wer so wahnsinnig ist, sich in die Karriere des Fußballergatten einzumischen, sollte viel Geschäftssinn haben und an extrem langen Hebeln sitzen. Erfolgreiche Beispiele gibt es kaum. Das prominenteste ist die Argentinierin Wanda Nara, die erst unter Mediengetöse den Nationalstürmer auswechselte (von Maxi López zu Mauro Icardi) und dann Icardis Wechsel von Inter Mailand zu Paris Saint-Germain selbst aushandelte. Der Unterschied zu früher: Wo sich Spielerfrauen damals einmischten, sprang vielleicht mal ein Pärchenabend im Mannschaftshotel raus. Für Icardi zahlte Paris mehr als 50 Millionen Euro.

6. Du sollst gut aussehen

Bodo Illgner mit Frau Bianca am Mannschaftsquartier der deutschen Mannschaft Hotel Castello Di Casig

Diese Illgners. Hier bei der WM 1990 in Italien. Später schrieben sie gemeinsam den Fußballpaar-Schlüsselroman "Alles."

(Foto: imago/HJS)

"Die Mehrheit der Spielerfrauen ist einfach nur hohl, dafür bis in die Haarspitzen gestylt." Diese scharfsinnige Analyse haben wir Bianca Illgner zu verdanken, die als Frau von Torwart Bodo Illgner wohlgemerkt in den Achtzigern und Neunzigern selbst mal zu dieser Berufsgruppe gehörte. Aber Ausnahmen bestätigen ja die Regel, und Frau Illgner fühlte sich als Managerin ihres Mannes, die sogar mit Real Madrid verhandelte, besonders schlau.

Das hielt sie trotzdem nicht davon ab, Lederkostüm und einbetonierten Langhaar-Vokuhila zu tragen, der es mit jeder Freistoßmauer hätte aufnehmen können. Mittlerweile ist der Look der Spielerfrauen deutlich mehr casual, betont sportlich. Wahre Schönheit muss heute von innen kommen, was die Sache keineswegs weniger anstrengend macht. Schließlich gibt es nur eine Sünde, die vom Publikum härter bestraft wird, als zu aufgetakelt im Stadion zu erscheinen: betont nachlässig aufzulaufen.

7. Du sollst dich zurücknehmen können

05.09.2020, Fussball, Saison 2020/2021, Testspiel, FC Schalke 04 - VfL Bochum, Mathea Fischer (Freundin von Leon Goretz

Spielerfrauen wie Mathea Fischer, Freundin von Nationalspieler Leon Goretzka, ziehen es vor, eher im Hintergrund zu bleiben.

(Foto: Tim Rehbein /imago images)

Wer sagt, es gäbe im turbokapitalistischen Fußball keine Romantik mehr? Ivan Rakitić vom FC Sevilla verliebte sich 2011 in die Kellnerin Raquel Mauri und bestellte bei ihr so oft Kaffee, bis sie mit ihm ausging. Joshua Kimmich (FC Bayern) entdeckte seine Lina bei seinem früheren Verein RB Leipzig im Fanshop. Der vorher eher Model-affine Cristiano Ronaldo, noch bei Juventus Turin, lernte Dauerfreundin Georgina Rodríguez in der Madrider Gucci-Boutique kennen, wo sie als Verkäuferin jobbte. Moderne "My Fair Lady"-Versionen - meist ohne vorgesehene Sprechrolle versteht sich.

Rodríguez erfüllt ihre Aufgabe als Trophy-Wife und liebende Mutter auf Instagram mittlerweile mit ähnlich eiserner Disziplin wie Ronaldo seine Trainingseinheiten. Ein Lebensmodell, das übrigens bis heute akzeptiert wird, weil auch im Jahr 2021 sonnenkönigklar ist, dass neben einem Cristiano nichts anderes Platz hat. Wer seine Persönlichkeit als Spielerfrau nicht derart runterdimmen will, entscheidet sich dagegen am besten für die neue deutsche Fußball-Schule: Mathea Fischer (Leon Goretzka), Melissa Halter (Niklas Süle) oder Sophia Weber (Kai Havertz) haben erst gar keinen offiziellen Instagram-Account. Über sie ist auch sonst wenig bekannt. Früher nannte man das "Privatsphäre". Ist übrigens ein Menschenrecht.

© SZ
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