Naturphänomen:Wenn Mystery-Fans hellhörig werden

Eis kann bizarre Formen annehmen, von der mikroskopisch kleinen Flocke bis zum hausgroßen Eisberg. Für manche dieser Winterphänomene haben Wissenschaftler keine hinreichende Erklärung. So werden auf Seen und Flüssen immer wieder kreisrunde Objekte aus Eis gesichtet, manche mit einem Durchmesser von mehreren Kilometern. Besonders seltsame Formen nimmt das Eis am Baikalsee ein, dem wasserreichsten Süßwassersee der Erde. Im Frühjahr 2003 entdeckten Forscher auf Satellitenbildern dort "ungewöhnliche Ringstrukturen", mehrere Kilometer große, formschöne Kreise aus gefrorenem Wasser. Auch andernorts wurden Eiskreise entdeckt, etwa auf kanadischen Flüssen und den großen Seen Nordamerikas.

1995 beobachtete Alexey Yusupov auf dem Fluss Machra, 120 Kilometer nördlich von Moskau, auch einen auffällig exakt geformten Eiskreis. "Da eine alte Frau im Dorf zuvor einen Kugelblitz gesehen haben will, kursierten die wildesten Ufo-Gerüchte", erzählte Yusupov. Mittlerweile lässt sich diese ungewöhnliche Entdeckung erklären: Die Scheiben bilden sich offenbar meist in Flussbiegungen. Die Strömung reißt Eisstücke aus der gefrorenen Wasseroberfläche und lässt sie in Strudeln rotieren. Klingt nach einer runden Sache, doch für die kilometergroßen Kreise auf dem Baikalsee passt diese Erklärung nicht. Dort gibt es keine Kurven und kaum Strömung.

"Ungewöhnliche Ringstrukturen" auf dem tiefsten See der Welt, das macht Mystery-Fans hellhörig. Der 1642 Meter tiefe Baikalsee wird in dubiosen Internetforen immer wieder mit Ufos, Seeungeheuern und verschwundenen Schiffen in Verbindung gebracht. Im Juni 2011 sei das Partyboot Yamaha mit vier Mann an Bord an einer Stelle namens "Teufelskrater" verschwunden. Wohnen im See Außerirdische, und wenn ja, was wollen sie mit den Kreisen signalisieren?

Der Forscher Nikolay Granin wollte der Sache 2009 auf den Grund gehen, er nahm mit einem Bohrer Eisproben und stellte Erstaunliches fest: In der Mitte des unbekannten schwimmenden Objekts (Uso) war das Eis dicker als am Rand, dunkle Risse durchzogen die Scholle. Es scheint so zu sein, dass die untertassenförmigen Eisgebilde tatsächlich durch Strudel ins Rotieren gebracht werden. Offenbar verursachen mächtige Eruptionen am Grund Wasserwirbel. Unterm Baikalsee lagert Erdgas, teilweise eingeschlossen in gefrorenem Gestein. Es gibt unten auch Schlammvulkane, die ab und zu ausbrechen und heiße Strudel erzeugen. Da lässt sich durchaus vom Teufelskrater sprechen.

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