bedeckt München 24°

Einrichtungskette Søstrene Grene:Kein Mensch braucht den Laden, trotzdem ist er irre erfolgreich

Vor den Filialen von Søstrene Grene bilden sich an manchen Tagen in Aarhus lange Schlangen.

Die dänische Einrichtungskette Søstrene Grene macht sich auf, Deutschland zu erobern. Das Konzept ist seltsam - jedenfalls auf den ersten Blick.

Mikkel Grene streicht mit seinem Daumen über ein Regal. Das hängt gleich links an der Wand neben dem Schaufenster, drei schmale Bretter, an den Seiten gehalten von Metallstreben. "Ich habe das hier noch gar nicht gesehen", sagt der Chef des Unternehmens und prüft die Aufhängung. Er war am Vortag zuletzt im Laden, heute ist alles umdekoriert.

Auf dem Regal steht ein Schild mit der Aufschrift: "Time you enjoy wasting is not wasted." Zeit, die man gerne verplempert, ist keine verlorene Zeit. "Der Leitspruch unseres Unternehmens. Mein Vater hat immer darauf beharrt", sagt Grene. Seine kurzen blondierten Haare leuchten unter einer Glühbirne, die an einem schwarzen Kabel von der dunkelbraun gestrichenen Decke hängt. Er stellt jetzt noch zwei unterschiedlich gemusterte Aufbewahrungsboxen an den rechten Rand eines Regalbretts. Auf dem Weg in den nächsten Raum dreht er plötzlich um, geht zurück und schiebt die Boxen doch etwas weiter in die Mitte.

Design Wie aus 3 ZKB sechs Räume werden
Innenarchitektur

Wie aus 3 ZKB sechs Räume werden

Was tun, wenn die Wohnung zu klein, aber ein Umzug zu teuer ist? Einrichterin Sabine Stiller berät Familien, die in beengten Verhältnissen wohnen. Dabei verlegt sie auch schon mal den Esstisch ins Schlafzimmer der Eltern.   Von Angelika Slavik

Sein Vater, der Firmengründer, ist vor einigen Jahren verstorben. Wie richtig er mit seinem Ladenkonzept lag, wie groß das dänische Familienunternehmen Søstrene Grene noch werden sollte, das hat er verpasst. Das hat auch niemand geahnt.

Also so ein Krimskramsladen? Ja, aber irgendwie auch nicht.

Das ist auf den ersten Blick sogar seltsam, denn kein Mensch braucht diesen Laden. Søstrene Grene ist aber trotzdem, oder eher gerade deswegen, nun auch in Deutschland überaus gut besucht. Erst erzählen Freundinnen von dem neuen Geschäft, dann die Nachbarin. Immer ähnlich. Ein toller Laden. Kennst du den? Da gibt es alles Mögliche! Eine hat ein Filzkissen gekauft, eine einen Beistelltisch und Kaffeebecher, ein andere Briefumschläge. Also so ein Krimskramsladen? Ja, aber irgendwie auch nicht. Alle sagen sie: Es ist so schön da. Und: so günstig.

"Das ist unser erstes Geheimnis", sagt Mikkel Grene. "Zu uns kommt niemand, der ein bestimmtes Produkt kaufen möchte." Er führt durch die Hauptfiliale in der Søndergade, einer langen Einkaufsstraße in Aarhus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks. Es ist ein fünfstöckiger Altbau, in den unteren zwei Etagen das Geschäft. Grene erinnert an das Schild am Eingang, die gerne verplemperte Zeit. "Zu uns kommen Menschen, die sich gut fühlen wollen und dann vielleicht auch etwas kaufen. Etwas, dass sie sich ohne Probleme leisten können." Er redet von echten Gefühlen, von Kundenbindung. Er nennt das Erlebniseinkauf. Und was man bei Søstrene Grene erlebt, ist dann auch, man kann es kaum anders sagen, wirklich ganz schön.

Es ist fast schon absurd. Jeder Winkel ein Abziehbild für skandinavisches Design

Das Licht ist angenehm gedimmt, es läuft klassische Musik und duftet nach Holz, Kerzen und manchmal Seife. Der Trubel der Einkaufsstraße vor der Tür ist drinnen vergessen. Die Räume sind weitläufig und grob nach Wohnbereichen sortiert. Mikkel Grene, 44, rückt auf seinem Rundgang Gläser zurecht, sagt den Mitarbeitern, was umgestellt werden sollte, wo etwas Staub liegt. Er ist durch eine harte Schule gegangen, schon als Jugendlicher jobbte er im Laden der Eltern. "Vater hatte sehr genaue Vorstellungen davon, wie man einen Boden wischt oder eine Holzkiste auspackt", sagt er und zieht eins der neuen Küchenhandtücher aus einer offenen Kiste, daneben stehen Vasen, stapeln sich Geschirrbürsten. Im nächsten Regal dann Kochbücher, fein geschliffene Wassergläser, grobe Einweckgläser, Teekannen, weiße Gummibänder.

"Das ist unser erstes Geheimnis", sagt Mikkel Grene, "zu uns kommt niemand, der ein bestimmtes Produkt kaufen möchte."

Die Produkte sind nach Farben sortiert. Kaum etwas ist aus Plastik. Wirklich nichts sieht nicht gut aus. Selbst Batterien haben ein schwarz-weißes Karomuster und eine hübsche Verpackung. Es ist fast schon absurd. Jeder Winkel ein Abziehbild für skandinavisches Design, das ja längst zum Synonym für Alltagsgegenstände geworden ist, die das Leben schöner machen.

Dazu die heimeligen Läden. Das passt super zum Rückzugstrend, zum Aussperren alles Unschönen in politisch nicht eindeutigen Zeiten. Zum Hype um die dänische Glückphilosophie "Hygge". Zeit verbummeln, endlich mal nicht nachdenken müssen. Und zu Hause sieht es dann auch noch schöner aus, für gar nicht mal so viel Geld. Die mintfarbene Tischlampe kostet 21,98 Euro, der Teppichläufer mit Ethno-Muster 12,47 Euro. Das Teuerste ist ein minimalistischer Veloursstuhl mit Holzbeinen für 52,88 Euro. Den gibt es in sechs verschiedenen Farben, so wie es die meisten Produkte immer in mehreren Ausführungen gibt. "Es soll ja jeder etwas Passendes für sich finden."

Søstrene Grene, in Dänemark als "Krämerladen" geführt, ist vielleicht am ehesten eine Interior- und Lifestylekette. Inzwischen gibt es mehr als 140 Geschäfte. Unter anderem in Skandinavien, Japan, Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und Spanien. Die Läden sind meist 200 bis 250 Quadratmeter groß, und in jedem Land steht das Gleiche drin: Einrichtungs- und Küchenaccessoires, Kleinmöbel, aber auch Schreibwaren, Geschenkverpackungen, Kinderspielzeug und Bonbons.

Seit Anfang des vergangenen Jahres ist das Unternehmen dabei, mit einem Franchisesystem Deutschland zu gewinnen. Neun Geschäfte haben seitdem im Norden eröffnet, sie gehören weltweit zu den erfolgreichsten Standorten. Und es werden jeden Monat mehr. Ende April hat der bislang größte deutsche Shop in der Hamburger Innenstadt aufgemacht. Mitte Mai eröffnet der erste Laden in Berlin. Grene hat nun auch im Westen und Süden Deutschlands Franchise-Partner gefunden, für die kommenden Jahre sind mehr als 150 weitere Søstrene Grene angedacht. Das ist ziemlich viel.

Denn die Deutschen geben zwar gerne und vergleichsweise viel Geld für ihr Zuhause aus, aber derzeit haben selbst die großen Anbieter von Tand und Dekokram zu kämpfen. Zuletzt meldete die Wohnaccessoires-Kette Butlers Insolvenz an, von den 94 Filialen sollen 19 geschlossen werden. Die Warenhauskette Strauss hat dichtgemacht, bei vielen Konkurrenten stagnieren die Umsätze. Die Branche klagt über weniger Kunden in den Innenstädten, vor allem aber über Onlineanbieter.

  • Themen in diesem Artikel: