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Einrichtung:Gut gepolstert

In unwirtlichen Zeiten wird das Zuhause zum Zufluchtsort. Nach dem Tapeten-Revival machen jetzt dreidimensional gestaltete Wände den Raum zur Höhle.

Das "Digitalschöne" ist eine der rasanten Wortschöpfungen, mit denen der Berliner Philosoph Byung-Chul Han zu einem Star seiner Zunft wurde. Der gebürtige Koreaner durchleuchtet unser entgrenztes Konsumverhalten oder die Merkmale einer von sich selbst erschöpften Gesellschaft - und er macht sich Sorgen um eine verarmte Ästhetik: Überall sterile Glätte, alles muss sich makellos anfühlen, von der Smartphone-Oberfläche bis zum genormten und enthaarten Wunschkörper. Das klingt ziemlich trist, und glücklicherweise nimmt ja die Entwicklung in anderen Bereichen der Alltagskultur die genau entgegengesetzte Richtung. Bei den Innenräumen, den Behausungen der Menschen zum Beispiel kann es gerade gar nicht mollig genug sein. Das begann mit dem Revival der Tapete, zuletzt auch gern aus Tuch, die das ausgekühlte Loft der Nullerjahre schon ein bisschen vorwärmte. Jetzt kommen die dreidimensionalen Wände aus Textil oder Naturmaterialien und polstern das Leben alleinstehender Großstadtnomaden zumindest stofflich aus.

Das deutsche Wort Gemütlichkeit ist für so ein dezent wattiertes Interieur nicht ganz der richtige Begriff, dafür sind die Raumkonzepte zu ausgefeilt. Das sieht man an einem Projekt wie "Sunbrella Canopy" der Designerin Élise Fouin, die mit einer Art buntgeschecktem Himmelszelt gerade auf den Möbelmessen für Aufsehen sorgt. Die Französin hat für einen Stoffhersteller einen eleganten Baldachin aus Textilwaben zusammengefügt, unter dem man sich wie in einem Mosaik-Kokon geborgen fühlt. So empfanden das auch die Messegänger in Stockholm und Mailand, berichtet Fouin, viele Besucher hätten unter dem tiefhängenden Schuppen-Dach ausgeruht, es betastet. Dass sie diverse Anfragen für ein doch sperriges Konstrukt nach Hause brachte, erstaunt die Pariserin nicht besonders. "Die Form des Baldachins verändert sich, je nachdem, wie man ihn aufhängt. Er ist gerade nicht perfekt, ganz anders als ein 3-D-Druck. Ich glaube, das ist es, was Menschen heute suchen." Interesse kam etwa von einem Hotel, um die Eingangshalle mit dem Baldachin neu zu gestalten. Früher waren solche Lobbys Orte, die nach weiter Welt auszusehen hatten. Heute will der Gast aus einem unwirtlichen Draußen in ein lauschiges Drinnen schlüpfen. "Wie in eine Luftblase, um durchzuatmen", sagt Fouin. Vogelgezwitscher und Blätterrauschen als Klangteppich sind Teil der Sunbrella-Hülle.

Geborgen unter dem Baldachin, und die Welt bleibt draußen: "Sunbrella Canopy" von Élise Fouin. Die französische Designerin hat ihre Stoffhülle, entworfen für einen Textilhersteller, gerade auf großen Möbelmessen gezeigt.

(Foto: Sunbrella)

Die Trendforscherin Li Edelkoort hat die oft naturschwärmerische Gegenbewegung zur glatten Clean-Optik als "neuen Materialismus" bezeichnet. Ein Experimentieren mit unterschiedlichsten Stoffen und Oberflächen, von denen sich jede anders anfühlt - wie draußen im Freien, wenn beim sogenannten Sinnesparcours der Stadtmensch Baumrinde und Flusskiesel berührt. Die Mode liebt alles Haptische wie pelzigen Samt, groben Denim, und bedient sich mit Pflanzenmustern bei Mutter Erde: die Flora als verwunschene Neben-Welt. Mit dem Alltag der meisten Menschen haben all die Knospen und Ranken auf ihren Kleidern nicht viel zu tun. Und im Interior-Design sehen Idealräume heute aus wie eine Mischung aus Gewächshaus und Oscar Wildes Schlafzimmer, abgewetzter Brokat, wucherndes Grün, gedunkeltes Holz. Der Ratgeber dazu, gerade erschienen: "A Beautiful Mess" von Claire Bingham (te Neues-Verlag) zeigt malerisch verlotterte Kissenlandschaften.

Es geht um den Rückzug in die Wohnhöhle, man umgibt sich wieder mit Behaglichkeit. Dafür gibt es gute Gründe, immerhin gerät gerade die Welt aus den Fugen. Da ist es tröstlich, wenn die eigenen vier Wände sichtbar Halt geben als dreidimensional gestaltetes Raumelement, bespannt mit weichen Tapisserien oder verstärkt durch rundlich geformte Paneele, die alles Getöse abpuffern. Die kleinen Wollbehänge des Berliner Ateliers Studio Hammel sind eher Anspielung auf Cocooning, ähnlich der Klassiker "Algue" von Vitra, zu filigran als optisches Schutzschild. Handfester geht das Team des ungarischen Labels Moko Interior ans Werk und verkleidet ganze Räume mit kakaobraun gemaserten Holzkomponenten. Mit simplem Vertäfeln hat das nicht viel gemein, es entstehen reliefartige Mulden und Wölbungen, die sehr edel aussehen und ein bisschen wie die Teakholz-Grotte eines durchgeknallten James Bond-Bösewichts aus den späten Sechzigern.

Unten die gemuldeten Holzpaneele des ungarischen Labels Moko Interior.

(Foto: MOKO Interior)

Damals erfand der Däne Verner Panton mit seinen amorphen Schaumstoff-Gebilden "Visiona" die Urzelle des modernen Wohnkokons: Psychedelische Anti-Möbel als Protest gegen die Überflussgesellschaft. Im Vergleich dazu sehen die heutigen Komfortnischen eher aus wie Ruhezonen, um den Zumutungen der Realität nicht ins Auge blicken zu müssen, jedenfalls nicht sofort. Am Ende geht es bei der Idee, sich zu verpuppen wie eine Seidenraupe, um die eine, leider unerfüllbare Sehnsucht. So sah das zumindest Walter Benjamin, und seine Auffassung hat immer noch ihren Reiz. Benjamin verstand wohlig zum "Futteral" verengte Räume als "Abbild des Aufenthalts des Menschen im Mutterschoße".

© SZ vom 18.03.2017
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