Duft "Das riecht alles gleich"

Dieser Erfolg hat auch damit zu tun, dass inzwischen ein Großteil der Parfümproduktion für den Massenmarkt konzipiert ist. Jährlich kommen Hunderte neue Düfte auf den Markt, werden wie verrückt beworben und verschwinden dann oft wieder nach kurzer Zeit. Nur wenige Parfüms haben das Zeug zum Longseller, die Großkonzernen über Jahrzehnte hinweg die Margen sichern. Früher war das anders. Vor 1980 gab es nur wenige exklusive Düfte, zum Beispiel von Firmen wie Givenchy und Guerlain. Man konnte riechen, wer welchen trug - das Parfüm war ein Statement. So wie der Klassiker Chanel N⁰ 5. Es kam bereits 1921 auf den Markt und gilt noch immer als der weltweit erfolgreichste Damenduft.

Inzwischen schmücken sich jedoch alle großen Marken mit eigenen Parfüm-Kollektionen. Nicht selten angepriesen als das Lieblingsprodukt eines Hollywood-Stars oder angeblich kreiert von irgendeinem It-Girl. "All diese Lancierungen, die bei Douglas oder im Duty Free im Regal stehen, kann nicht mal ein erfahrener Parfümeur blind auseinanderhalten", sagt Schön. "Das riecht alles gleich." Er wollte nicht so produzieren. Und seine Kunden wollen nicht riechen wie alle anderen. Das ist das zarte Versprechen der Nischenparfums: individueller Geruch fern vom Massenmarkt.

Hinzu kommt die Qualität der Düfte, hergestellt aus hochwertigen Naturstoffen und intelligent konzipiert. An seiner neuesten Kreation hat Schön fast zwei Jahre gearbeitet. Natürlich mit Pausen, aber er ging immer wieder an die Rezeptur, stellte um, nahm eine Essenz raus, fügte eine andere hinzu. Er ist sogar mit einer Variante in den Urlaub gefahren, denn in anderen Ländern würden Düfte anders riechen. "Keiner weiß, woran es genau liegt, aber da riecht man an etwas in Paris und fällt fast vom Stuhl, so viel Neues fällt einem plötzlich auf."

Eine Kampfansage an die Industrie

Vor wenigen Wochen hat er die Produktion abgeschlossen. Schön läuft durch den Wohnbereich seines Dachgeschoss-Lofts und sucht nach den neuen Flakons. Hier sieht es mehr nach einem Labor aus als in seiner Kammer. Auf dem Esstisch und am Boden stehen antike Glaslampen, gefüllt mit roter Flüssigkeit, die ähnlich wie Lavalampen blubbern und glühen. "Ist das nicht toll?" Er legt drei silberne Kühlschrankmagneten vor sich auf den Tisch. Jeweils ein Cowboykopf mit Hut und Pistolen unterm Kinn, um ein Haupt windet sich eine Schlange. Die Gesichter sind Karikaturen. Eines zeigt Geza Schön, die anderen beiden Mark Buxton und Bertrand Duchaufour. Die beiden anderen sind ebenfalls selbständige Parfümeure, allerdings in Paris. Gemeinsam haben sie "Project Renegades" entwickelt: drei Parfüms, jedes mit persönlicher Note - kreiert von den Abtrünnigen der Branche.

"Wir drei wollten gemeinsam etwas Exzellentes machen", sagt Schön. "Buxton riecht total schwül, aber auch geil, so rauchig süß. Und Bertrand gewohnt frisch, maskulin und würzig. Mein Duft ist subtil, sehr grün und holzig balsamisch, der darf leise sein."

Seine Nase hat nie Feierabend

Wenn Schön über den Aufbau von Parfüms spricht, wird sein Gesicht weich; Geruch hat plötzlich eine Farbe, einen Ton oder ein Geschlecht. Geht es um Aufmachung und Vermarktung, wird er fast schon angriffslustig. Die drei Duft-Profis inszenieren sich nicht ohne Grund als Kerle aus dem Wilden Westen, mit ihren Magnet-Köpfen vorne auf dem Flakon. Eine ironische Kampfansage an die Industrie. Schön schmunzelt. "Von all den Nischendüften da draußen sind bestimmt zwanzig bis dreißig Prozent unsere Kreationen. Unsere gemeinsame Marke ist längst überfällig." 100 ml Renegades-Parfüm kosten 195 Euro. Ein stolzer Preis, den kostbare Inhaltsstoffe rechtfertigen sollen. Laut Schön finden sich "fünfunddreißig Prozent Natur" im Flakon.

Im Nebenraum fiept es. Schön springt sofort auf. Die Waschmaschine. "Ich muss drei Hosen aufhängen, sonst fangen die gleich an zu müffeln."

Bei Geruch ist er unerbittlich. Seine Nase hat nie Feierabend. Er riecht einfach alles um sich herum. Am schlimmsten sind für ihn ungewaschene Wintermäntel, manchmal auch Parfüms von Konkurrenten. Wie Chanel N⁰ 5, über das er gerne lästert. Oder der Verkaufsschlager "Angel" von Thierry Mugler. "Das ist der ultimativ schlechte Geschmack in der Flasche", sagt er. "Trotzdem ziehe ich vor der genialen Rezeptur den Hut." Seine Sätze sind oft hart, aber niemals bitter.

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