Dokumentation Dann kam Peggy

Ein neuer Film über das Leben der exzentrischen Kunstsammlerin, berühmten Sonnenbrillenträgerin und schillernden Gönnerin Peggy Guggenheim setzt auch ihre modischen Grenzgänge in Szene.

Von Anne Goebel

Peggy Guggenheim, Millionenerbin, Kunstsammlerin, berühmteste Sonnenbrillenträgerin, lieferte Stoff für so unglaubliche Geschichten, dass es schwerfällt, eine hervorzuheben. Kleine, willkürliche Auswahl: ihre legendär knauserigen Abendessen. Die Entschlossenheit, mit der sie entweder Gemälde zusammentrug oder Liebhaber ausprobierte. Das Hausrudel tibetischer Schoßhunde. Weil aber ihr Gespür für Mode oft angezweifelt wurde - von Leuten, die Stil mit fadem marineblauen Kaschmir verwechseln, sie verachtete so etwas -, ist dann doch diese Episode besonders schön: Als die schrille "americana" 1949 in Venedig ihren Palazzo am Canal Grande bezog, das spätere Guggenheim-Museum, stellte sich die Frage, welcher Anstrich für die Boots-Anlegepfosten am Eingang? Reiche Venezianer wählen traditionsgemäß die Farben ihres Familienwappens. Peggy Guggenheim wählte die Farbe ihres Lieblingsmantels von Dior, ein helles Türkis.

Sie war keine Feministin, aber sie machte, was sie wollte. Nicht, was andere wollten

Das ist die Art von spleeniger Grandezza, mit der man bei einer reichen, abtrünnigen New Yorkerin rechnen kann, die in Europa ein neues Leben beginnt. Aus Marguerite Guggenheim, einem schüchternen Mädchen mit sehr viel Geld und absurd großer Nase, war damals längst eine anerkannte Kunstmäzenin geworden, der es vor allem gefiel, Regeln zu missachten und ihre Umwelt zu brüskieren. Ihren Weg hat sie trotzdem gemacht - und wenn man eine der besten Guggenheim-Kennerinnen fragt, was uns ihre Geschichte Jahrzehnte nach ihrem Tod noch sagen kann, kommt genau diese Antwort. "Sie lebte ihr Leben. Sie war keine Feministin, aber sie machte als Frau, was sie wollte. Nicht was andere wollten", sagt Lisa Immordino-Vreeland. Die amerikanische Regisseurin hat den Film "Peggy Guggenheim - Ein Leben für die Kunst" gedreht. Beim Treffen im Hamburg ist sie eine angenehm lässige Erscheinung im plüschigen Konferenz-Ambiente des Hotels "Grand Elysée". Peggy sei wagemutig gewesen, "she was super-, superballsy". Verzücktes Lächeln. Immordino-Vreeland arbeitet schon an einem neuen Projekt, aber von PG ist sie noch immer begeistert, was wahrlich kein Wunder ist.

Die Guggenheim also als Modell, gerade weil sie keines sein wollte, dafür war sie zu sehr mit sich beschäftigt: Der Gedanke ist charmant in einer Zeit, in der Frauen beim beruflichen Weg nach oben alles überlegt und geschickt angehen wollen, in der optimale weibliche Vernetzung als aussichtsreich gilt, der genialische Alleingang eher weniger. Niemand wird sich die nerven- und budgetaufreibende Biografie der Peggy Guggenheim ernsthaft zum Vorbild nehmen, ohne ein Millionenerbe wäre das auch unklug - aber unsere Faszination für solche Figuren hat auch damit zu tun, dass sie nicht alles und jedes geteilt und geliked haben, vom tollen Abendessen mit Freunden bis zur neuen Bestellung bei Net-a-porter.

Peggy Guggenheim servierte Gästen Literflaschen-Wein und billige Pasta, weil sie Geld für Essen verschwendet fand (lieber ein neuer Cocteau). Was man davon hielt, interessierte sie nicht. Und wer wissen wollte, was sie beim Besuch von Marc Chagall in ihrem Palazzo Venier dei Leoni trug, musste sich schon eines der bunten Blätter kaufen. "Sie genoss Aufmerksamkeit, das ja", sagt Lisa Immordino-Vreeland. "Aber ihre Entscheidungen traf sie nicht, um bewundert zu werden, sondern für sich selbst."

Schwierige Charaktere reizen die Regisseurin, die 2011 eine Dokumentation über die Großmutter ihres Ehemanns drehte, Diana Vreeland. Auch die imperiale Chefredakteurin der amerikanischen Vogue der Sechzigerjahre oszillierte zwischen zwei Welten, eine geistreiche Kolumnistin, die sich in der Kulturelite wie im oberflächlicheren Modezirkus zu Hause fühlte. Bei Peggy Guggenheim liegt der Schwerpunkt klar auf der avantgardistischen Kunst, aber die reichte hinein bis in ihre Aufmachung: ihre riesigen Ohrringe, gern als deplatzierte Provokation bei offiziellen Anlässen, die Schmetterlings-Sonnenbrillen, heute im Besitz von Karl Lagerfeld. Oder, beim Spaziergang über den Markusplatz 1969, die cremefarbenen Lacklederstiefel zur roten Grobstrick-Strumpfhose (mit 71!). Durch solche Auftritte wurde sie zu einer Stilikone, was durchaus nahelag, schließlich hatte sie vor ihrem Bruch mit der reichen Familie als verwöhntes Socialite die Pariser Couture geschätzt.

Elsa Schiaparelli, Fortuny, Dior: Der Film ist ein Spaziergang durch die Modegeschichte

Lisa Immordino-Vreeland hat keinen Film über den Guggenheim-Stil gedreht. Es geht um die Laufbahn als erfolgreiche Sammlerin, um ihre Intuition, früh auf Newcomer zu setzen, die zu sehr großen - und sehr wertvollen - Namen wurden, Jackson Pollock zum Beispiel. Fast zu viele Experten kommen zu Wort, und auch Guggenheim selbst, in einem ihrer letzten Interviews, die Bänder galten lange als verschollen. Ihre ausdruckslose Stimme passt zu ihrem trockenen Humor - berührt aber seltsam in ihrer Kühle, wenn es um das Brennen für die Kunst geht, für rasch wechselnde Liebhaber von Samuel Beckett bis John Cage und, immerhin zeitweise, für Ehemann Max Ernst. "Sie war eigentlich schüchtern und bei all den Männern immer auf der Suche nach einer Vaterfigur", sagt die Regisseurin. Benjamin Guggenheim starb auf der Titanic, als Peggy 13 war. Sie verlor auch ihre Lieblingsschwester und die eigene Tochter Pegeen auf tragische Weise.

Diese extreme Lebensgeschichte ist der rote Faden des Films. Man wünschte sich so eine schillernde Gönnerin für den heutigen Kunstbetrieb, ein vergleichsweise glanzloses Geschäft für Investoren. Aber die Dokumentation ist auch eine Augenweide für Modebegeisterte. Das futuristische Zellophan-Kleid mit Reißverschluss von Elsa Schiaparelli, die gegürtete Robe des Designers Mariano Fortuny als Look für neuzeitliche Vestalinnen, viel weißer Pelz, Frida-Kahlo-Blusen: Freiheit begann für Peggy Guggenheim bei der Wahl ihrer Garderobe - obwohl sie ihr Äußeres nie sonderlich mochte. Ihre schlanke Figur ja, aber nicht die nach einer missglückten Schönheitsoperation verunstaltete Nase. Sich zu verstecken kam für sie nicht infrage.

Und der berühmte Dior-Mantel, existiert der noch? Lisa Immordino-Vreeland schüttelt den Kopf, "es ist ein Jammer". So schön wie die Geschichte über die Hommage an seine Farbe könnte das Stück selbst sowieso nie sein.

Peggy Guggenheim - Ein Leben für die Kunst, USA, 2015, Regie: Lisa Immordino-Vreeland. Kinostart: 5. Mai.