Diversität in der Modeindustrie Wenn krauses Haar zum Problem wird

Oder Firmen wie Benetton, die in Kampagnen Menschen aus der ganzen Welt haben modeln lassen und damit für die Anzeigenmotive von Designern wie Tommy Hilfiger heute als Vorbild gesehen werden können. Naomi Campbell, das schwarze Topmodel, das überall beklatscht wird, weil es sich für mehr Nachwuchs einsetzt, zum Beispiel Jourdann Dunn. Die "Black Issue" der italienischen Vogue, eine Ausgabe, für die nur dunkelhäutige Models gebucht wurden. Vor ein paar Jahren die Welle asiatischer Models, deren Erfolg tatsächlich Experten der boomenden Wirtschaftslage ihrer Heimatländer, vor allem China, zugeschrieben haben. Und zuletzt die deutsche Vogue, auf deren aktueller Ausgabe gerade wieder ein dunkelhäutiges Model zu sehen ist, obwohl man sehr klar nachzählen kann, dass sich Titelseiten mit dunkelhäutigen Models in europäischen Ländern nicht so gut verkaufen wie solche mit hellhäutigen.

Es gibt sie also zuhauf, die löblichen Ausnahmen. Und dennoch: Im Jahr 2014 wurden auf 611 Covern der 44 größten Modemagazinen der Welt nur 18 Prozent nicht-weiße Frauen gezeigt.

Sorge um Muskelmasse

Ein weiterer Grund neben der Gewohnheit und Traditionsverbundenheit der Branche ist dafür auch ihre körperliche Standarderwartung. Das Durchschnittsmädchen auf dem Laufsteg ist ja nicht nur weiß, sondern auch zwischen 1,78 und 1,85 Meter groß, trägt Konfektionsgröße 34 bis 32 und hat glatte Haare, die eine Handbreit unter der Schulter enden. Menschen aus Asien sind im Durchschnitt nur 1,66 Meter groß. Frauen in Latein- und Mittelamerika sind oft kurvenreicher gebaut als in Europa, vor allem um Oberschenkel und Po. Und auch Haarfarben unterscheiden sich. Die Logik des einheitlichen Schönheitsideals führt dadurch in ein Dilemma. Um ihm zu entsprechen, müssen zum Beispiel dunkelhäutige Models mit krausem Haar permanent investieren.

Amelia Williams, deren Name auf eigenen Wunsch geändert wurde, zog vor zwei Jahren von Jamaika nach New York, um dort mit dem Modeln zu beginnen. Sie steckt viel Zeit und Geld in sogenannte Weave-ons, glatte Echthaarverlängerungen, die auf die eingeflochtene Krause genäht werden. "Die ständigen Sitzungen muss man sich auch erst mal leisten können." Und auch körperlich fühlt sie sich durch das prägende Schönheitsideal durchaus unter Druck gesetzt: "Weiße Mädchen können für ihre Figur Sport treiben, wie sie wollen, ich muss aufpassen, dass die Muskelmasse nicht zu viel wird."

Natürlich ist das diskriminierend. Andererseits gilt das auch für viele Frauen, die den "europäisch kaukasischen Look" verkörpern und die gängigen Schönheitsideale der Branche ebenso wenig erfüllen. Die fehlende Diversität in der Mode liegt also letztlich daran, dass sich das Schönheitsideal der Branche eben nicht an der Realität auf der Straße orientiert, sondern an der eigenen Schöpfung. Die gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung dessen, was als "schön" empfunden wird, ist da allerdings schon viel weiter. Das betrifft nicht nur die Hautfarbe, sondern auch die Körpergröße und die Figur. Bisher wird das von der Mode noch zu stark ignoriert. Und es würde viel Mut kosten, das zu ändern.