Süddeutsche Zeitung

Designer-Secondhand:Luxus aus zweiter Hand

Nicht jeder, der Chanel oder Hermès begehrt, kann es sich leisten. Im Netz floriert deshalb der Handel mit gebrauchter Designermode. Besonders gefragt sind Accessoires.

Von Dennis Braatz

Angenommen, man hätte eine Hermès-Tasche geerbt und wollte sie zu Geld machen. Dann würde man sich im Internet bei einem dieser neuen Vintage-Marktplätze für Luxusmode anmelden - und ziemlich schnell wieder die Lust verlieren. Das Prinzip funktioniert nämlich so: Zuerst soll man ein Produkt von allen Seiten fotografieren und beschreiben, einen Preis festlegen, hochladen und warten, bis der Homepage-Betreiber das gute Stück als Original einstuft und für den Verkauf freischaltet.

Hat sich ein Käufer gefunden, kommt schon das nächste Hindernis: Das Produkt darf nicht direkt an ihn, sondern muss erst zum Betreiber geschickt werden. Damit er es auch noch physisch auf seine Echtheit untersuchen kann. Erst danach wechselt es den Besitzer, und man kriegt sein Geld. Nach bis zu vier Wochen.

Macht doch kein Mensch? Von wegen. So kompliziert das Prinzip von "Re-commerce"-Seiten wie Rebelle, thredUP oder Tradesy auch ist, so erfolgreich ist es in den letzten Jahren geworden. Seit 2009 haben Unternehmen wie Goldman Sachs mehr als eine halbe Milliarde Dollar Risikokapital investiert, mehr als die Hälfte davon in den vergangenen zwölf Monaten. Allein bei Vestiaire Collective, dem größten Marktplatz seiner Art, werden täglich 4000 Produkte eingereicht (von denen es am Ende im Schnitt immerhin 3000 in den Shop schaffen), weltweit sind mehr als fünf Millionen User registriert.

Taschen bringen immer noch am meisten Geld

Seit 2014 gibt es Vestiaire auch in Deutschland. Und selbst hier, wo es modisch ja immer etwas verhaltener zugeht, steigen die Mitgliederzahlen seitdem rasant. Fanny Moizant, eine der Gründerinnen, erklärt sich den Erfolg so: "Statt wie früher nur den Mantel fürs Leben kaufen wir heute gleich mehrere Mäntel im Jahr. Wir brauchen ständig neuen Platz im Schrank - und natürlich auch Geld, um noch mehr Mode kaufen zu können."

Gewisse Dinge einfach wiederzuverkaufen liegt da ähnlich nahe, wie das Geschäft gleich ins Internet zu verlagern. Wer seine Hermès-Tasche früher zum Händler um die Ecke brachte, traf dort nur auf eine begrenzte Anzahl von Käufern. Wer sie online anbietet, richtet sich an Interessenten auf der ganzen Welt - und erzielt mit großer Wahrscheinlichkeit auch einen höheren Preis.

So hat sich im Laufe der letzten Jahre eine Community für Sammler und Liebhaber seltener Designerstücke gebildet. Die Kernzielgruppe sind allerdings Menschen, die sich Firsthand-Luxusmode nicht leisten können, aber unbedingt auch mal ein Stück von Chanel, Vuitton oder Hermès besitzen wollen. Keines dieser Labels reduziert seine Ware im Schlussverkauf. Bleiben nur zwei Optionen: Schulden machen - oder gebraucht kaufen.

Die Faustregel besagt, dass man mit gut erhaltenen und halbwegs modischen Produkten im Netz noch 70 bis 80 Prozent des Originalpreises erwirtschaften kann. Im klassischen Secondhand-Ladengeschäft sind es 50 bis 70 Prozent.

Der Unterschied kommt auch durch die Verkaufsprovision zustande: Online müssen im Schnitt nur 20 Prozent abgegeben werden, beim stationären Handel sind es nach wie vor etwa 50 Prozent. Sowohl online als auch im Laden gilt aber weiterhin: Taschen bringen immer noch am meisten Geld. Weil sie, anders als Kleidung, immer passen, altern dürfen und erkennbare Statussymbole sind. Entsprechend gut laufen auch noch Sonnenbrillen, Schmuck und Schuhe.

Wer sich jetzt mal durch die Seiten dieser Shops klickt, stellt dann leider schnell fest, dass das Luxus-Schnäppchen keine große Zukunft mehr hat. Eine Faye Bag von Chloé, die neu 1450 Euro kostet, gibt es bei Vestiaire Collective für 1290 Euro. Lag der Höchstpreis für eine Kelly Bag von Hermès im Jahr 2012 noch bei 7490 Euro, ist man in diesem Jahr schon bei 63 000 Euro angekommen.

Sind Vintage-Marktplätze die neuen Seismografen für Mode-Trends?

"Je höher die Preise der Produkte steigen, umso genauer müssen wir die Qualität der Ware auch kontrollieren", sagt Fanny Moizant. Damit wäre der Aufwand des neuen Vintage-Handels praktisch schon erklärt: Vestiaire Collective zum Beispiel hat in seiner Pariser Zentrale eine komplette Abteilung eingerichtet, die Echtheit und Wert der Designerware prüft.

Die meisten Mitarbeiter sind Experten, abgeworben von Auktionshäusern. Das kommt nicht von ungefähr: Laut OECD werden mit Produktfälschungen schließlich jedes Jahr 580 Milliarden Euro umgesetzt, vor allem übers Netz. "Wir kooperieren notfalls auch direkt mit den Marken und Designern", erklärt Moizant. Ist man sich bei der Echtheit eines Produkts nicht sicher, wird es an den Hersteller geschickt.

Diese Form der Zusammenarbeit ist in Frankreich eine Art Staatsangelegenheit: 2012 wurde die Charta für den Kampf gegen Fälschungen im Internet aufgesetzt. Chanel, Dior und Louis Vuitton haben unterzeichnet - und eben auch Vestiaire.

Aktuell sind dort vor allem Kollektionsteile von Gucci gefragt. "Wenn ein Designer neu bei einer Marke ist oder seinen Posten räumt, wirkt sich das auch auf unser Geschäft aus", sagt Fanny Moizant. Nach Alessandro Micheles Debüt im Januar 2015 stieg der Wiederverkauf von Gucci zeitweise um 174 Prozent an - obwohl Micheles Kollektion noch nicht mal im regulären Handel war. Ähnlich begehrt war plötzlich auch Lanvin, als bekannt wurde, dass Alber Elbaz das Haus verlassen würde. Sind Vintage-Marktplätze etwa die neuen Seismografen für Mode-Trends?

Sagen wir so: Als die Taschen von Mansur Gavriel oder Stan-Smith-Sneaker von Adidas letztes Jahr überall ausverkauft waren, tauchten sie wenig später in den Online-Shops wieder auf - zu erhöhten Preisen. Mit Vintage hat das nichts mehr zu tun. Tatsächlich sind zwei Drittel des Vestiaire-Sortiments "New Seasons"-Produkte: nicht älter als zwei, drei Saisons.

Und wie soll man sich nun zurechtfinden im digitalen Dschungel der Secondhand-Anbieter? Ganz einfach. Das Start-Up "Catchys" bündelt die Angebote von 13 verschiedenen Marktplätzen, darunter auch Rebelle und Vestiaire Collective. Man kann dort die Produkte sogar nach ihren Entstehungsjahren suchen. Wer also noch unbedingt Célines Ski-Pullover aus der Herbstsaison 2011 haben will: Die Chancen, ihn irgendwo dort draußen tatsächlich zu finden, waren nie besser als heute.

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Quelle:
SZ vom 04.06.2016/vs
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