Designer-Secondhand:Sind Vintage-Marktplätze die neuen Seismografen für Mode-Trends?

"Je höher die Preise der Produkte steigen, umso genauer müssen wir die Qualität der Ware auch kontrollieren", sagt Fanny Moizant. Damit wäre der Aufwand des neuen Vintage-Handels praktisch schon erklärt: Vestiaire Collective zum Beispiel hat in seiner Pariser Zentrale eine komplette Abteilung eingerichtet, die Echtheit und Wert der Designerware prüft.

Die meisten Mitarbeiter sind Experten, abgeworben von Auktionshäusern. Das kommt nicht von ungefähr: Laut OECD werden mit Produktfälschungen schließlich jedes Jahr 580 Milliarden Euro umgesetzt, vor allem übers Netz. "Wir kooperieren notfalls auch direkt mit den Marken und Designern", erklärt Moizant. Ist man sich bei der Echtheit eines Produkts nicht sicher, wird es an den Hersteller geschickt.

Diese Form der Zusammenarbeit ist in Frankreich eine Art Staatsangelegenheit: 2012 wurde die Charta für den Kampf gegen Fälschungen im Internet aufgesetzt. Chanel, Dior und Louis Vuitton haben unterzeichnet - und eben auch Vestiaire.

Aktuell sind dort vor allem Kollektionsteile von Gucci gefragt. "Wenn ein Designer neu bei einer Marke ist oder seinen Posten räumt, wirkt sich das auch auf unser Geschäft aus", sagt Fanny Moizant. Nach Alessandro Micheles Debüt im Januar 2015 stieg der Wiederverkauf von Gucci zeitweise um 174 Prozent an - obwohl Micheles Kollektion noch nicht mal im regulären Handel war. Ähnlich begehrt war plötzlich auch Lanvin, als bekannt wurde, dass Alber Elbaz das Haus verlassen würde. Sind Vintage-Marktplätze etwa die neuen Seismografen für Mode-Trends?

Sagen wir so: Als die Taschen von Mansur Gavriel oder Stan-Smith-Sneaker von Adidas letztes Jahr überall ausverkauft waren, tauchten sie wenig später in den Online-Shops wieder auf - zu erhöhten Preisen. Mit Vintage hat das nichts mehr zu tun. Tatsächlich sind zwei Drittel des Vestiaire-Sortiments "New Seasons"-Produkte: nicht älter als zwei, drei Saisons.

Und wie soll man sich nun zurechtfinden im digitalen Dschungel der Secondhand-Anbieter? Ganz einfach. Das Start-Up "Catchys" bündelt die Angebote von 13 verschiedenen Marktplätzen, darunter auch Rebelle und Vestiaire Collective. Man kann dort die Produkte sogar nach ihren Entstehungsjahren suchen. Wer also noch unbedingt Célines Ski-Pullover aus der Herbstsaison 2011 haben will: Die Chancen, ihn irgendwo dort draußen tatsächlich zu finden, waren nie besser als heute.

© SZ vom 04.06.2016/vs
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