Designer-Ausbildung Mode bewegt sich immer an der Schnittstelle von Kunst und Kommerz

"Wir glauben, dass es die Entwicklung von Kreativität einschränkt, wenn man bereits im Studium bei jedem Entwurf denkt: Könnte ich das Teil auch verkaufen? An welche Kundin?", sagt Heike Selmer in einer Pause. Sie trägt schmal geschnittene Hosen in Purpur zu braunen Retro-Sneakern und einen bestickten Schal.

Für die Präsentationsrunde hat sie sich Zeit genommen, die Nervosität der Studenten durch gute Laune abgefedert, mehr hinterfragt als kritisiert. Das ist ihre Methode an "der Weißensee": Einfällen und Assoziationen Freiraum lassen, Denkanstöße beisteuern. Tragbarkeit und Marktstrategien hochhalten wie einen Daueraufruf zur kühlen Kalkulation, das überlassen sie anderen Lehrplänen - aus der Vielfalt kann jeder Student den passenden Ausbildungsort wählen.

Mode Läuft richtig gut
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Schnürsandalen, Mokkasins, Boots: Flache Schuhe erobern derzeit die Laufstege. Von diesem Trend profitiert auch die deutsche Marke Unützer, die seit 25 Jahren im Geschäft ist.   Von Anne Goebel

Dass sich Mode immer an der Schnittstelle von Kunst und Kommerz bewegt, ist die Grundlage, auch an der Hochschule mit Obstgarten. Die Dozenten lehren Modetheorie, schulen ästhetisches Gespür, Fertigkeit im Zeichnen, Schnitt-Techniken - das ist Standard.

Ungewöhnlich sind die gemeinsamen Semester mit den Kommilitonen, die im selben Haus Malerei oder Bildhauerei studieren, die Arbeit der Modestudenten in Porzellan- oder Laser Cut-Werkstätten. "Das weitet den Blick und inspiriert unheimlich", sagt Selmer. Sie erzählt von ihrer Ausbildung am Londoner Royal College of Art, ihrer Euphorie über die Begegnung mit unbekannten Materialien. Danach kam sofort das eigene Label, vielleicht hatte ihr Tatendrang mit der Offenheit am College viel zu tun.

Die Kunsthochschule Weißensee prägt die Nachwuchs-Modeszene

Die Kunsthochschule Weißensee prägt heute die Nachwuchs-Modeszene, einige der bekanntesten jungen Labels haben hier ihre Wurzeln. Michael Sontag, Sadak, Perret Schaad, der Halb-Nigerianer Bobby Kolade, sie alle wurden bei Heike Selmer oder ihren Professoren-Kollegen ausgebildet.

Das freie Entwerfen ohne dauernde Tuchfühlung mit dem Mainstream hat ihren Karrieren nicht geschadet. Eher im Gegenteil, meint William Fan, neuer Shootingstar mit Hang zu puristischen Looks und ehemaliger Selmer-Meisterschüler. "Die Weißensee war ein Rückzugsort. Ich habe neue Facetten meiner Handschrift entdeckt", sagt Fan. Seine Kollektionen seien jetzt farbiger, weniger streng. Er erwähnt auch die Apfelbaum-Idylle. "Die Welt scheint weit weg zu sein. Das hilft, um sich auf sich selbst zu konzentrieren."

Der geschützte Raum als Erfolgsrezept für Mode, kein unbedingt naheliegender Gedanke. Andererseits kann sich dort die oft vermisste Unverwechselbarkeit in Zeiten nivellierender Instagram-Looks vielleicht am besten entfalten. Heike Selmer forciert aber genauso das Gegenteil, sie will die Modemenschen herausholen aus ihrer Nische und mit der realen Welt zusammenbringen. Unter welchen Bedingungen wird Kleidung produziert? Reicht es, einen Bogen um "Made in Bangladesh" zu machen und zu denken, ich gehöre ja zu den Guten? "Zu solchen Fragen sollte man als Designer eine informierte Meinung haben", findet sie. Also fährt man am besten dorthin, wo die Antworten liegen.

Nichts für Träumer
Modedesign

Nichts für Träumer

Für diesen Beruf reicht Talent allein nicht aus. Angehende Modedesigner müssen sich durchsetzen können, um nach oben zu kommen.

Im Rahmen ihres Projekts "Local international" lud Selmer, die für mehrere grüne Labels als Designerin gearbeitet hat, im Oktober Studenten aus Bangladesch nach Berlin ein. Danach besuchte sie mit ihrer Gruppe Billig-Textilfabriken in dem Land, sie trafen Überlebende der Rana Plaza-Katastrophe von 2013. Und es ging darum, was die Modeindustrie konkret verändern kann. Durch Kooperationen mit örtlichen Produzenten zum Beispiel, damit die ihre Stoffe wie bestickte Baumwolle nicht an zweifelhafte Fabriken verhökern, sondern westliche Firmen beliefern können. "In solchen Projekten sehe ich ein enormes Potenzial. Mode als Beruf heißt mehr, als nur Kleidung zu produzieren."

Es ist Zeit für den nächsten Termin, Abschlussrunde in der Entwurfsklasse. Heike Selmer greift nach einem edel aufgemachten Maison Margiela-Bildband. Französische Luxus-Couture, Nachhaltigkeit, Green Fashion - das geht alles zusammen? "Natürlich geht das", sagt sie. "So groß ist die Mode."