Süddeutsche Zeitung

Design:Träum was Schönes

Geheimnisvolle Wohnwelten: Ein Besuch bei der Designfirma Fornasetti in Mailand, wo der Geist des Gründers bis heute lebendig ist.

Als sich Sting und seine Ehefrau Trudie Styler vor einem Jahr von ihrem Apartment über dem Central Park trennten, musste leider auch das Prunkstück der bescheidenen Bleibe weichen. Fensterfronten auf zwei Seiten der Wohnung boten freien Blick über Manhattan, dazwischen entfaltete sich an der hinteren Wand ein fast 20 Meter langer Paravent voller imaginärer Treppen, Gänge und Winkel. Sozusagen eine zusätzliche Aussicht in ein Paralleluniversum. Für ihr neues Domizil war das Kunstobjekt etwas zu groß. Man ließ es beim Auktionshaus Phillips versteigern, Erlös: 507 000 Dollar. Für einen echten Fornasetti kein ungewöhnlicher Preis.

Die Stellwand mit dem poetischen Titel "La stanza metafisica", also "Metaphysisches Zimmer" (1958) ist eines der bekanntesten Werke von Piero Fornasetti, Maler, Gestalter, Kunsthandwerker und irgendwie nicht zu fassendes Allroundgenie aus Mailand. Mit seinen Entwürfen, die grafische Strenge und surreale Bilderwelten auf einprägsame Weise verbinden, zählt der Italiener zu den bedeutendsten Designern seines Landes. Das sieht man an den Summen, die für seine Werke gezahlt werden, bei Auktionen oder in den Interior-Abteilungen von Läden wie L'Eclaireur in Paris. Ob zierliche Kommode oder wenigstens eine Duftkerze: Ein Fornasetti in der Wohnung gilt als Zeichen für erlesenen Geschmack, das wissen nicht nur Sting oder Cara Delevigne, das wussten schon Max Ernst und Henry Miller.

Heute führt Fornasettis Sohn Barnaba die Geschäfte der Firma. Und die Frage ist: Wie verwaltet man das Erbe eines Exzentrikers, Fantasten, manisch Kreativen, der bis zu seinem Tod 1988 mehr als 11 000 Werke entworfen hat?

Der Chef trägt eine Krawatte mit blauem Schmetterling und stellt die rauchgraue Katze vor

Mailand, Via Antonio Bazzini, Besuch im Haus von Barnaba Fornasetti. Eine graue Fassade, auf dem Klingelschild steht passenderweise Immaginazione srl, Phantasie GmbH. Nach einem bewachsenen Innenhof mit Bananenstaude und Oldtimer geht es innen über eine Metalltreppe in den ersten Stock. Fornasetti, 69, trägt karierte Weste zu einem hauseigenem Krawatten-Entwurf mit blitzblauem Schmetterling und sitzt sehr aufrecht an einem dunklen Holztisch. Er stellt höflich seine schlafende Katze Smog vor, die auf dem Tisch liegt, bietet Ingwerstäbchen aus einer leicht zerdrückten Papierschachtel an und lächelt milde. Man kann es nicht anders sagen: Die Szenerie hat etwas so Skurriles und gleichzeitig unbestimmt Melancholisches - sie ist einfach Fornasettihaft. Nicht ganz von dieser Welt.

Denn fest steht: Die Objekte mit ihrer Bildlastigkeit, dem spielerischen Dekor sind nicht jedermanns Geschmack. Sondern ein eigener, vom Zeitgeist abgekapselter, sofort wiedererkennbarer Mikrokosmos. Dessen Bestandteile sich gerade ziemlich gut verkaufen. Für Ausstellungen begehrt sind wie nie zuvor. Deshalb wäre es auch ein Fehler, Barnaba Fornasetti für einen Traumtänzer zu halten. "Fare impresa", also Geschäfte tätigen ist eine Lieblingsvokabel des Italieners, wenn er über seinen dominanten Vater spricht, über jugendliche Fehltritte oder den Markt für Luxusgüter. Er hat die Firma in den Achtzigern entstaubt, sich auf der Suche nach neuen Käuferschichten an nicht immer geglückten Kooperationen versucht. Von Design als abgehobenem Zierrat für die Vitrine hält er bis heute nichts.

"Nehmen Sie unsere lackierten Oberflächen, die sich wunderschön anfühlen. Oder der Kontrast zwischen Wolle und Seide bei den Teppichen - Design ist zum Anfassen da", erklärt der Unternehmer. Die Regel gilt auch für Besucher, die beim Rundgang durch das labyrinthartige Wohnhaus, in dem er aufwuchs, sofort die Orientierung verlieren bei so viel Original Fornasetti an den Wänden, auf dem Boden, in Nischen und Durchgängen. Ständige Begleiterin der kleinen Führung: Die geheimnisvolle Frau, deren Antlitz zahllose Entwürfe schmückt, vom Vasenset bis zum pastellig kolorierten Hocker Ortensia, für den man draußen in der echten Welt einen stolzen Betrag hinlegen muss. 1300 Dollar zum Beispiel bei Barneys New York. Dass sich Interior-Hersteller an Kopien des Fornasetti-Style probieren, entlockt dem Padrone nicht mehr als einen Seufzer. "Meine Güte, die kommen nicht weit. Wer unsere Philosophie versteht, die Qualität des Materials, die Ironie und das Zarte in unseren Entwürfen, wird so etwas nicht interessant finden."

Jede Vorlage zu einem neuen Entwurf speist sich aus dem riesigen Archiv des Vaters

Durchaus interessant für das Unternehmen Fornasetti ist, dass der nordische Purismus als Einrichtungstrend gerade an Beliebtheit verliert. Das bringt die Kunst der Ausschmückung plötzlich wieder ins Spiel - und damit alle Betriebe, die sich darauf mit Niveau verstehen. Der britische Shootingstar Luke Edward Hall etwa, der mit Fotos seiner eklektizistisch ausstaffierten Privatzimmer bekannt wurde und inzwischen als ernsthafter Inneneinrichter gilt, nennt Piero Fornasetti sein Vorbild. Sohn Barnaba kann zwar als Gestalter die Begriffe Maximalismus und Minimalismus nicht leiden. "Wir machen decorazione und basta. Ich mag solche Kategorien nicht." Die Grundtendenz zu mehr Ornamentik kommt ihm aber nur gelegen.

Wer heute etwas aus einer aktuellen Kollektion von Fornasetti kauft, bekommt immer die klassische Handschrift des Gründers mitgeliefert. Barnaba, der 1982 in den Betrieb des Vaters eintrat und ihn nach dessen Tod übernahm, geht bei jeder seiner Ideen vom väterlichen Archiv aus: Tausende Papierskizzen, Zeichnungen, handgefertigte Druckschablonen, in den Arbeitsräumen des Designteams weihevoll aufbewahrt in hölzernen Schubladen. Ikonische Motive des Hauses wie das Gesicht der Operndiva Lina Cavalieri - Piero war regelrecht besessen von ihrer großäugigen Anmut - werden immer wieder abgewandelt, zerlegt, neu kombiniert. Auf Teekannen, glänzend lackierte Konsolen, handgeknüpfte Teppiche gedruckt. "Reinvention by Barnaba Fornasetti" heißt das dann im Werksverzeichnis.

"Die Fantasie, die Schönheit tun der menschlichen Seele gut", sagt Fornasetti

So harmonisch das klingt, so schön italienisch nach Gleichklang und grande famiglia: Am Beginn der Zusammenarbeit ging es darum, die Firma aus einer Sackgasse zu führen. Piero Fornasetti hatte sich immer als genialen Querkopf gesehen, ein Dandy der Mailänder Kunstszene mit Neigung zum Surrealen, Schrägen, als das längst nicht mehr angesagt war. Darum scherte er sich nicht. Gemeinsam mit dem modernistischen Architekten Gio Ponti bildete er eine Art kreatives Zauberduo der italienischen Wirtschaftswunderjahre. Spitzbeinige Mid-Century-Schränkchen, verziert mit historischen Stichen, ironisch auf Gebrauchsgegenstände gedrucktes Meeresgetier - in den Siebzigern wirkte das auf einmal abgestanden. Dann kam der Sohn und machte aus Fornasetti eine Marke. "Tema e Variazioni", die inzwischen legendäre Wandteller-Serie rund um die schöne Lina, wird zum Erkennungszeichen und bleibt es bis heute.

Marke ist natürlich auch so ein Wort, das Barnaba Fornasetti nicht gefällt. Klingt zu glatt, zu konformistisch. "Eine Luxusmarke, was soll das sein?" Ein Anflug von Poltern in der Stimme macht sich bemerkbar, die Katze Smoke richtet ein Ohr auf. "Wenn ich schon das Wort höre. Was die sogenannten Luxusmarken machen, ist in Wahrheit kommerziell." Dagegen setze er auf individuelle Fertigung. Porzellan wird von Hand bemalt. Nur manuelle Siebdruckverfahren kommen in den eigenen Werkstätten zum Einsatz. Ein Aufwand, der sich lohnt. Das Ergebnis, zum Beispiel in Form des Schranks Notturno mit düsterem Spielkarten-Muster, ein Lieblingsmotiv des Vaters, ist Fans etliche tausend Euro wert.

Offenbar trifft das Wunderliche, die Flucht in ein Traumreich genau den Nerv unserer Zeit. Das zeigt nicht nur der kommerzielle Erfolg. In New York und Paris liefen große Fornasetti-Schauen. Gerade zeigt das Artipelag Museum in Stockholm eine Werkschau, Venedig präsentiert "The Rule Of Dreams" als makabres Kuriositäten-Kabinett im Palazzo Fondaco Dei Tedeschi. "Das Spielerische ist in schwierigen Zeiten extrem wichtig", glaubt Fornasetti. "Die Fantasie, die Schönheit tun der menschlichen Seele gut."

Was für ein Mensch sein Vater war, dessen Geist bis heute spürbar ist im Familienhaus an der Via Bazzini? Die Antwort kommt ohne Zögern und ist typisch für einen Milanese, denen man nachsagt, dass sie zu gleichen Teilen nüchtern und begeisterungsfähig sind. "Er war autoritär", sagt Barnaba Fornasetti. "Er hat seine Mitarbeiter schlecht behandelt. Er war nie ein Linker wie ich. Aber ich respektiere ihn und schätze seine wundervolle Arbeit."

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4623915
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 05.10.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.