Design aus Holz Die Königin der Alpen wird zum Bestseller

Zirbelkiefern (Pinus cembra) auf der alpinen Juifealm im österreichischen Sellraintal.

(Foto: Imago)

Lange war sie im Wald nur hübsch anzusehen, heute ist sie auch jenseits der Berge begehrt. Kaum ein Baum wird aktuell so verehrt wie sie - über die Vermarktung der Zirbe.

Von Julia Rothhaas

Die "Königin der Alpen" begegnet einem längst nicht nur als Baum in den Bergen. Sie verwandelt sich auch zu Bett oder Schrank, zu Kugel, Schale, Kleiderbügel, Brotdose und Handyhalter. Als Öl kommt sie in die Duftlampe oder ins Badewasser, als Span ins Kissen, als Zapfen in den Schnaps. Selbst mit ihren hellen Holzlocken, die beim Schreinern auf den Boden fallen, kann man Geld verdienen: Ein Kilo Späne kostet bisweilen mehr als 30 Euro. Sie ist eben die Königin, deswegen wird kein Baum aktuell so verehrt wie die Zirbe.

Egal, wohin man schaut, ob im Pop-up-Store oder auf dem Handwerkermarkt: Ein Stück duftendes Zirbenholz wird man dort bestimmt finden. Die Sehnsucht nach unberührter Natur ist weiterhin ungebrochen, da holt man sich ein bisschen Wald eben in die Stadtwohnung. "Heute lässt sich alles, was Zirbe ist, verkaufen - sogar die Späne", sagt Wolfgang Holzer, Verkaufsleiter der Bundesforste Österreich, die rund ein Zehntel der gesamten Staatsfläche Wald bewirtschaften. Dabei hat sich lange niemand für diesen Baum interessiert, "vor zwanzig Jahren war die Zirbe mehr oder weniger tot", so Holzer. Die rustikale Zirbenstube war Anfang der Neunzigerjahre out, das Holz gerade mal so viel wert wie die vielseitig verwendbare und deutlich billigere Fichte.

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Dabei spricht einiges gegen ihre Beliebtheit, schließlich wird die Zirbe nicht nur "Königin der Alpen" genannt, sie verhält sich auch wie eine. Das Kieferngewächs mag es exklusiv: Der Baum wächst erst ab einer Höhe von 1800 Metern entlang des Alpenhauptkamms und nimmt sich zum Großwerden viel Zeit. 250 Jahre alt sollte sie schon sein, bevor man sie schlägt. Und wenn man sie in Ruhe lässt, werden die ältesten Exemplare bis zu tausend Jahre alt. Die Zirbe ist kein Holz, das kerzengerade Richtung Sonne prescht, stattdessen ist ihr graubrauner, leicht warziger Stamm oft zerzaust von zu viel Schnee, Blitzeinschlägen und Stürmen entlang der Waldgrenze. Auch ihre Ernte ist nicht ganz ohne, im Hochgebirge kann sie manchmal nur mithilfe eines Hubschraubers ins Tal gebracht werden. Immerhin hält sie sich wacker, wenn es mal kalt wird. 30 Grad minus? Ein Klacks.

Königlich ist auch ihr Preis: Für einen Festmeter Furnierholz wird heute bis zu 500 Euro bezahlt, der Wert hat sich in den vergangenen zehn Jahren zum Teil verdreifacht. Vor 20 Jahren lag der Festmeter dieses leicht zu bearbeitenden Materials noch bei rund 60 Euro.

Aus dem leicht zu bearbeitenden Holz lassen sich etwa Würfel mit losen Spänen herstellen.

(Foto: Gesundheitskissen)

Was also tun mit dem Holz vor der Hütte, das niemand mehr wollte, fragte sich 1999 der Tiroler Verein Pro Holz, ein Zusammenschluss der Forst- und Holzwirtschaft. Die Zirbenstube galt als spießig, aber ließe sich nichts mit dem wachsenden Interesse der Bevölkerung am Thema Gesundheit machen? Hatten die Alten im Dorf nicht schon davon erzählt, wie gut es sich in einem Bett aus Zirbe schlafen lässt? Und wie wenig Streit es in den Stuben aus dem Holz gibt, trotz Zirbenschnaps? Auf der Suche nach einem wissenschaftlichen Beweis für die positiven Eigenschaften der Pinus cembra beauftragte Pro Holz gemeinsam mit Forstverbänden aus Südtirol und der Schweiz schließlich die Joanneum-Research-Forschungsgesellschaft bei Graz. In einem Zimmer aus Zirbenholz und einem identisch gestalteten Raum aus Spanplatten untersuchten die Wissenschaftler die Belastungs- und Erholungsfähigkeit ihrer Probanden. Und siehe da: Die Zirbe soll tatsächlich für guten Schlaf sorgen. Spart sie dem überarbeiteten Menschen doch bis zu 3500 Herzschläge am Tag - sprich: eine Stunde Herzarbeit. Zudem hält das Pinosylvin im Holz, eine chemische Verbindung im Kern des Stamms, Motten ab.

"Mit der Studie haben wir ein Ergebnis bekommen, von dem wir geträumt haben", sagt Rüdiger Lex, Geschäftsführer von Pro Holz in Innsbruck. Plötzlich war vom "edlen Waldbewohner" mit "positiv-energetischen Eigenschaften" die Rede und vom "trendigen Wellnessholz". In China soll angeblich sogar damit geworben worden sein, dass sich in einem Zirbenbett eher ein männlicher Stammhalter zeugen lasse. 1999 wurde die Zirbe gleich zum "Baum des Jahres" in Österreich gekürt, zwölf Jahre später noch ein zweites Mal. Die Zirbe war zurück.

Die Studie hat sich ausgezahlt. Man findet keinen einzigen Anbieter, der nicht damit wirbt. Wohlgemerkt mit Ergebnissen aus einer einzigen Studie, die es zur Zirbe gibt - mit der Holzwirtschaft als Auftraggeber. Daran stört sich niemand, der mit einer Holzdose Geld verdienen möchte. Der Forscher als Verkaufargument zieht immer. Dass eine einzelne Studie jedoch nicht als grundlegend aussagekräftig gelten kann, es Zweifel an der Durchführung gab und die Ergebnisse nie in Fachjournalen veröffentlicht wurden: geschenkt. Ein wirklich traumhaftes Ergebnis, das zur gewünschten Preissteigerung beigetragen haben dürfte. Ungeachtet dessen, dass das Holz wirklich gut riecht.

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Die Sorge, dass bald keine Königinnen mehr im Wald zu finden sind, ist allerdings unbegründet. "Wir holen immer nur so viel Holz raus wie auch nachwächst", sagt Wolfgang Holzer von den Bundesforsten. "Wir wollen ja, dass es auch in ein paar Hundert Jahren noch Zirben gibt." Das sah noch bis zum 18. Jahrhundert anders aus, zugunsten der Weidehaltung wurden viele Wälder komplett abgeholzt. Dabei spielt die Zirbe nicht nur im Design eine große Rolle, sie übernimmt eine wichtige Funktion als Schutzbaum gegen Lawinen und Erdrutsche. Heute machen die Bundesforste mit ihr etwa 2500 Festmeter Holz pro Jahr. Im Vergleich: Aus der Fichte holt man mehr als eine Million Meter aus dem Wald. "Mehr kann und darf es nicht werden, sonst rotten wir die Zirbe aus", so Holzer.

Damit das nicht passiert, werden allein in Tirols Wäldern jährlich rund 130 000 Jungzirben gepflanzt. Sie selbst ist eher zögerlich in Sachen Fortpflanzung. Samen gibt es nur alle sechs bis zehn Jahre, und weil die nicht flugfähig sind, ist sie auf den Tannenhäher angewiesen. Der Vogel legt sich für den Winter Depots aus den Samen an, die er zum Teil vergisst. So können Jungpflanzen von alleine nachkommen.

Der Hype um die Zirbe ist noch nicht vorbei, die gute Nacht gilt schließlich längst als Statussymbol. Gerade Eltern horchen auf, wenn die Worte "ruhig" und "Schlaf" fallen, deswegen bieten viele Schreinereien auch Wiegen aus Zirbenholz an. Studie sei Dank: Das Liegen darin sei "nachweislich beruhigend". Der Leidensdruck muss allerdings sehr hoch sein: Manche Modelle kosten mehr als 1000 Euro.

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